Behörden in Berlin : Jede siebte Stelle in Berlins Jugendämtern ist nicht besetzt

Die Berliner Jugendämter sind im Krisenmodus. Das ganze Ausmaß zeigen neue Zahlen: Nur für 71 der 125 offenen Stellen laufen derzeit Besetzungsverfahren.

Das Familienbüro im Jugendamt von Steglitz-Zehlendorf.
Das Familienbüro im Jugendamt von Steglitz-Zehlendorf.Foto: Thilo Rückeis/Tsp

Die düstersten Annahmen haben sich als zutreffend erwiesen: Jede siebte Stelle in der Jugendhilfe ist aktuell nicht besetzt. Anders gesagt: 125 Sozialarbeiter, die insgesamt für über 8000 prekäre Fälle zuständig sein müssten, fehlen. Dies ergab die dem Tagesspiegel vorliegende Antwort der Jugendverwaltung auf eine Anfrage der grünen Familienpolitikerin Marianne Burkert-Eulitz.

Damit ist nun auch zahlenmäßig unterlegt, was Jugendstadträte, Jugendhilfeausschüsse und Freie Träger immer wieder beklagt haben: die „personelle Abwärtsspirale“ der Regionalen Sozialen Dienste (RSD). Kein Bezirk ist davon verschont, allerdings gibt es Abstufungen: Mit Abstand am größten sind die Vakanzen in Steglitz-Zehlendorf und in Tempelhof-Schöneberg, wo Anfang März sogar jede fünfte Stelle offen war.

Hier musste das Bezirksamt bereits auf Tagesspiegel-Nachfrage eingestehen, dass es nicht mehr allen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen könne. Die Antwort auf Burkert-Eulitz’ Anfrage zeigt nun erstmals die Daten zu dieser Krise auf – und sie macht deutlich, dass es in Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg kaum besser aussieht. Und: Nur für 71 der 125 offenen Stellen laufen derzeit Besetzungsverfahren.

Tatsächlich kommen Bezirke mit den Ausschreibungen kaum hinterher – zu hoch ist die Fluktuation. „Viele Berufsanfänger springen ab, weil die Verantwortung und die Belastung so groß sind“, berichtet Neuköllns Jugendstadtrat Heiko Liecke (CDU): „Erfahrene Leute kriegen wir gar nicht mehr.“ Er fordert nach Hamburger Vorbild ein höheres Einstiegsgehalt – E10 statt E9 –, um konkurrenzfähiger zu sein, denn Berlin zahlt noch immer schlechter als andere Bundesländer. Daran konnte auch der jüngste Tarifabschluss nur wenig ändern.

Das Problem begann vor 20 Jahren

Das Grundproblem ist bekannt. Immer wieder hängten die Sozialarbeiter weiße Laken aus den Fenstern der Jugendämter, um zu demonstrieren, dass sie am Ende sind: Jahrelang war ein Sozialarbeiter für rund 90 Fälle zuständig und damit voll überlastet. Im Jahr 2013 wurde daher durchgesetzt, dass die Fallzahl reduziert und rund 170 neue Stellen geschaffen wurden. Für die Besetzung fehlten aber von Anfang an ausgebildete Fachleute.

Das Dilemma geht auf das Jahr 1996 zurück – den Beginn des drastischen Personalabbaus in Berlin. Zwölf Jahre lang galt die Vorgabe, dass nur noch aus dem Stellenpool und nicht mehr von außen eingestellt werden durfte. Auch nach 2008 blieb es schwierig, weil die Lockerung bei den Einstellungen nicht für den RSD, sondern nur für den unmittelbaren Kinderschutz galt: „Es fehlt eine ganze Generation von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen“, resümiert Burkert-Eulitz. Sie berichtet, dass die Hochschulen bis vor Kurzem nicht mehr für die Arbeit der Jugendämter ausgebildet hätten. Das sei erst neuerdings wieder anders. Aber an eine Kehrtwende beim Personalmangel ist nicht zu denken: Die Kinderzahl steigt und mit ihr die Zahl der Hilfsbedürftigen. Zudem verschärft die Pensionierungswelle die Lage.

Offene Stellen in den Jugendämtern. Quelle: Senatsverwaltung für Jugend.
Offene Stellen in den Jugendämtern. Quelle: Senatsverwaltung für Jugend.Grafik: Der Tagesspiegel/Schmidt.

Burkert-Eulitz kündigt daher an, dass die rot-rot-grüne Koalition weitere Verbesserungen plant. Dazu gehört, dass die Rahmenbedingungen der praktischen Ausbildung erleichtert werden sollen. Bereits jetzt haben die Bezirke zudem die Möglichkeit, bei der Einstellung von Fachkräften – etwa durch Zulagen – „die Möglichkeiten des Tarifvertrages auszuschöpfen“. Auch das reiche aber nicht, weiß Marianne Burkert-Eulitz: „Die Einstellungszeiten im öffentlichen Dienst dauern insgesamt viel zu lange“, kritisiert die grüne Jugendpolitikerin.

Nicht einmal die Aussicht auf Verbeamtung kann Mitarbeiter halten

Diese massiv zu verkürzen, sei „eine der wichtigsten Aufgaben, denn ansonsten springen die Menschen ab“ – hin zu freien Trägern, die zwar ähnlich zahlten, aber kürzere Einstellungsverfahren hätten und ihren Mitarbeitern verlässliche Beratungshilfen anböten: „Es ist eine ganze Liste von Bedingungen, die sich verbessern müssen, damit engagierte Fachkräfte im RSD langfristig gehalten werden können“, steht für Burkert-Eulitz fest. Die Bezahlung gehöre auch dazu.

Die Arbeit in den Jugendämtern ist offenbar so schwierig, dass nicht einmal die Aussicht auf Verbeamtung ausreicht, um Mitarbeiter zu halten, hat Stadtrat Liecke beobachtet: Der Unterschied beim Verdienst sei in den ersten Berufsjahren nicht groß genug, um die jungen, überforderten Kräfte in den Jugendämtern zu halten.

Im jüngsten Brandbrief vom März warnen die Vertreter von zwölf freien Trägern, dass inzwischen sogar die existentielle „Feuerwehrarbeit“ der Jugendämter im akuten Kinderschutzfall nicht mehr gewährleistet zu sein scheine. Das sei auch der Grund dafür, dass die RSD-Kolleginnen sich in ihren Brandbriefen zu der provokanten Frage gezwungen sähen, „ob erst ein Kind sterben muss, bevor die politisch Verantwortlichen und die Öffentlichkeit aufwachen“.

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