Berlin : Bekenntnis mit Risiko

Sonntags um zehn: In einer Neuköllner Gemeinde ließen sich 14 Iraner taufen. In ihrer Heimat droht Konvertiten die Todesstrafe.

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Im Namen des Herrn. Die Diakonisse Rosemarie Götz taufte die Iraner im „Haus Gotteshilfe“ in Neukölln. Foto: Michael Brunner/Davids Foto: DAVIDS
Im Namen des Herrn. Die Diakonisse Rosemarie Götz taufte die Iraner im „Haus Gotteshilfe“ in Neukölln. Foto: Michael...Foto: DAVIDS

Berlin - „Ich bin entschieden, zu folgen Jesu“ singen sie vor dem Altar. 14 Iraner und ihre Freunde, die in den letzten Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, stehen vor dem großen Holzkreuz im „Haus Gotteshilfe“, an der Werbellinstraße in Neukölln. Und mitten drin steht Schwester Rosemarie Götz: Eine alte Diakonisse, eine „evangelische Ordensschwester“, wie sie sich selbst beschreibt. Mit weißer Haube auf dem Kopf und einem dunklen, langen Kleid. Für sie war gestern ein Freudentag: Am Taufbecken der Landeskirchlichen Gemeinschaft, die sich schon seit mehr als 100 Jahren Sonntag für Sonntag im „Haus Gotteshilfe“ zum Gottesdienst versammelt, hat sie den halben Chor getauft.

Einer nach dem anderen kamen sie nach vorne: Roja, Farid, Masud, Daniel, Mohammed… Einen nach dem anderen nahm Schwester Rosemarie sanft in den Arm, benetzte die Köpfe mit Wasser. „Ich taufe dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Im Iran wäre das für die Täuflinge lebensgefährlich gewesen. Dort landen Konvertiten immer wieder im Gefängnis, ihnen droht die Todesstrafe.

Diese Bedrohung haben die meisten der rund 50 Iraner, die gestern neben etwa 50 alteingesessenen Neuköllnern auf den Holzstühlen von „Haus Gotteshilfe“ saßen, erlebt. „Ich bin im Iran schon Christ gewesen, aber ich konnte nicht in die Kirche gehen“, sagt Farid Shad. „Ich hatte Angst vor der Polizei.“ Im Untergrund traf er sich mit anderen Christen, um die Bibel zu lesen oder zu beten. In Neukölln freut man sich über den Gemeindezuwachs. „Wir waren eigentlich eine Seniorengemeinde“, sagt Klaus-Jürgen Schreck, der Vorsitzende der „Landeskirchlichen Gemeinschaft“, einer unabhängigen Gruppierung innerhalb der Landeskirche.

Gemeinsam war die Gemeinde alt geworden. Jüngere Menschen kamen kaum noch in die Gottesdienste. „Wir haben einen Gott, der hilft“ – der in goldenen Lettern im Kirchsaal angeschriebene Bibelspruch schien kaum noch jemanden zu interessieren. Bis die Iraner kamen. Zuerst Nadi, eine Dolmetscherin aus einem Nachbarschaftsprojekt. Immer öfter besuchte sie den Gottesdienst, schließlich brachte sie ihre Freunde mit. Seitdem ist im „Haus Gotteshilfe“ manches anders: Mehrmals in der Woche finden Deutschkurse statt. Schwester Rosemarie begleitet Iraner zur Ausländerbehörde oder zu Gerichten, wenn es um die Anerkennung als politischer Flüchtling geht. „Mich fragen immer wieder Leute, ob sich die Iraner nicht einfach nur taufen lassen, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten“, sagt Schwester Rosemarie. Denn ein Bekenntnis zum christlichen Glauben erschwere die Abschiebung in den Iran. „Aber diese Menschen hier sind teilweise Akademiker, sie haben ihre Existenz hinter sich gelassen“, sagt Schwester Rosemarie. „Das macht man nicht für ein Bleiberecht in Deutschland.“

Trotzdem mussten alle Täuflinge in der Gemeinschaft den Taufunterricht besuchen. Zusammen mit der Diakonisse und der Dolmetscherin lasen sie die Bibel und sprachen über das Leben als Christ. Zu Ostern wurden die ersten 16 Iraner im „Haus Gotteshilfe“ getauft. Fast alle von ihnen kommen seitdem regelmäßig in den Gottesdienst. Einer singt im Gemeindechor den Bass, andere helfen beim Unterhalt des Hauses. „Dagegen sind manche deutsche Christen schlicht Karteileichen“, sagt Klaus-Jürgen Schreck. Natürlich prallen manchmal die Kulturen aufeinander: Etwa, wenn ein Iraner bei einem Lied telefonierend vor die Tür geht. Und als die Diakonisse gestern ein deutsches Ehepaar segnete, das seinen 30. Hochzeitstag beging, kamen sofort einige Iraner nach vorn, die das auch wollten. Hatten sie verstanden, worum es da ging? Schwester Rosemarie dachte kurz nach, dann legte sie auch ihnen die Hand auf. Mit dem gütigen Blick einer Mutter, die plötzlich ganz viele Kinder um sich hat, sprach sie ihnen den Segen Gottes zu. Denn sie haben sich entschieden, Jesus nachzufolgen.

Die Gemeinde im Netz:

www.lkg-neukoelln.de

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