Bel Ami in Berlin-Charlottenburg : „Wünscht ihr Gesellschaft?“

Etablissements wie der Nachtclub „Bel Ami“ am Olympiastadion gehören zu den Gewinnern der WM

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„Jungs, keine Sorge“, sagt Michaela, als sie am Ende eines langen Abends die Rechnung bringt. „Auf der Kreditkartenabrechnung steht nicht ,Bel Ami’, entspannt euch also.“ Aber was steht dann auf dem Kontoauszug? „Ach, der Name eines stinknormalen Lokals in Potsdam.“ Dabei lächelt Michaela so, wie hübsche Mädchen in einem Nachtclub eben lächeln – in dem es Champagner und Sex zu kaufen gibt.

Michaela ist 23 Jahre alt, sie kommt aus der Region. Sie hat einen anderen Namen genannt, aber das ist egal, weil auch der wahrscheinlich nicht stimmt. Michaela arbeitet im Nachtclub „Bel Ami“, der vom „Playboy“ in den neunziger Jahren zum „Club des Jahres“ ernannt wurde. Weil er so sauber sei, so diskret, und weil Männer dort auch mal einfach ein Feierabendbier trinken könnten. Das Pils kostet 11 Euro.

„Seid ihr auch wegen der Fußball-WM in Berlin? Von der Fifa und so?“, fragt Michaela, um die Stimmung ein bisschen aufzulockern. „Müsst ihr aber nicht sagen, entschuldigt bitte.“ Der Nachtclub liegt in der Flatowallee 14, 300 Meter vom Olympiastadion entfernt. Dort also, wo Tag für Tag die Herren der Fifa und all die WM-Sponsoren arbeiten und noch viel mehr Journalisten aus aller Welt. Und wo das Finale am 9. Juli stattfindet.

Im Vorfeld der WM sind ungeheure Zahlen genannt worden. Von „Verrichtungsboxen“ war die Rede, in denen Prostituierte Freier empfangen. Von Zwang und Zuhälterei, und von 40 000 Frauen, die zur WM eingeschleust werden. Woher die Zahl kommt, weiß niemand mehr.

Das „Bel Ami“ ist etwas nach hinten versetzt. Ein Buddybär steht im Garten, Blumen sind gepflanzt, Wasser plätschert in einem Brunnen. Eine Gitterpforte sperrt unliebsame Besucher aus. „Guten Abend“, sagt ein Türsteher mit rheinländischem Akzent, als die Klingel ertönt. Wir kommen in Turnschuhen und T-Shirt, die Türsteher bleiben freundlich und winken durch.

Die Lounge sieht aus wie eine dieser alten Hotel-Bars, Ledersessel, viel Kitsch, leise Musik, Rotlicht und eine Schale Nüsschen, die wir vor Aufregung erst einmal aufessen. 20 Frauen, alle bekleidet, sind im Raum, sie flüstern, dann kommt Michaela mit einer Freundin rüber. „Wünscht ihr Gesellschaft?“ Über Preise wird an diesem Abend nicht gesprochen, nur über die Getränke. Wer allerdings 280 Euro für eine Flasche Champagner zahlt, bekomme eine Stunde Begleitung, sagt Michaela, ohne aufdringlich zu werden. Wir bleiben bei Bier.

„Na klaro merken wir, dass Fußball-WM ist“, sagt Geschäftsführer Detlef Uhlmann am nächsten Tag. Manager, Fans, Sponsoren, „ja, da kommen so einige“, sagt Uhlmann, „100 Gäste pro Tag, an Spieltagen mehr.“ Er habe übrigens eine VIP-Karte fürs Finale. „Und nicht, weil ich in der Nachbarschaft arbeite.“ Ein WM-Sponsor habe ein Meeting veranstaltet und ihm eine Karte gegeben.

Seit 1979 betreibt Uhlmann den Nachtclub, der sich europaweit einen Namen gemacht hat. Spielfilme werden dort gedreht (keine Pornos!), gerade erst hat Uhlmann 80 000 Euro in Sanierungsarbeiten investiert. „Während der WM arbeiten bei uns 40 Mädchen, mehr als sonst, die meisten aus Deutschland.“ Und Uhlmann sagt: „Wir sind kein Puff und auch kein Bordell.“ Da kann er richtig pampig werden. Seine Mädchen arbeiteten freiwillig, sie hätten eine feste Adresse, seien prozentual am Champagnerumsatz beteiligt und mieteten die Zimmer im Haus. „Wer vorher im Puff gearbeitet hat, den nehmen wir nicht“, sagt Uhlmann. „Wir nehmen auch keine Mädchen von der Straße.“ Die hätten keinen Anstand mehr, würden Gäste „abzocken und verarschen“.

Michaela zeigt auf die Brasilianerinnen an der Bar, die Asiatinnen, alle zwischen 20 und 35 Jahre alt. Eine sei Verkäuferin in einer Drogerie, eine andere ausgebildete Tänzerin. Ab und zu huschen Männer mit Champagner-Kübel und Begleitung vorbei, doch ohne die Fifa-Umhängeschilder, die so viele Menschen – Organisatoren, Journalisten, Sponsoren – in diesen Tagen tragen müssen. „Komische Vögel kommen schon her“, sagt sie. Dann fallen zwei, drei Namen von Prominenten, Firmen, egal. Psssst.

Uhlmann hat zur WM die Tür verstärkt und nimmt 40 Euro Eintritt, „damit keine Gaffer kommen und die Mädchen nerven“. Dafür bekommt man drei Drinks an der Bar, Freibier gibt es im Sommergarten. Und eine Leinwand, auf der Fußball läuft. Der Rest ist Schweigen. Selbst auf der Rechnung steht nur schlicht „Gastronomiebetriebs GmbH“. Eine der teuersten in Berlin.

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