Benefizkonzert : Kinderorchester aus Fukushima gastiert in der Philharmonie

Mit Beethovens "Symphonie Nr. 5" möchten traumatisierte Kinder aus der Provinz Fukushima am heutigen Donnerstag "Danke" sagen - für die Unterstützung aus Berlin.

Julia Beil
Musik kann eine Art Therapie sein: Den Kindern aus der Provinz Fukushima hilft sie, Traumata zu überwinden.
Musik kann eine Art Therapie sein: Den Kindern aus der Provinz Fukushima hilft sie, Traumata zu überwinden.Foto: Bernd Thissen/ dpa

Yutaka Kikugawa war perplex, nachdem er im Frühjahr 2012 den Telefonhörer aufgelegt hatte. Aus dem Konzept gebracht hatte ihn ein Anruf aus Deutschland, von Peter Hauber, dem Eigentümer von "IPPNW-Concerts". Hauber, der seit mehr als dreißig Jahren Benefizkonzerte organisiert, hatte von der Situation der Kinder und Jugendlichen in der Stadt Soma gehört. Sie liegt 43 Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Für ihn war klar: Hier wollte er helfen. Der Berliner griff kurzerhand zum Telefon und rief Yutaka Kikugawa an, der damals noch leitender Direktor und Koordinator der Erdbeben- und Tsunami-Hilfe in Ostjapan war. Hauber sicherte ihm zu, dass der Erlös seines nächsten Berliner Benefizkonzerts an ein Kinderorchester der Stadt Soma gehen würde. Einziges Problem: Ein solches Orchester gab es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht.

Die Kinder wollen "Danke" sagen

Nachdem der erste Schock verdaut war, ergriff Kikugawa die sich ihm bietende Gelegenheit und gab sich, wie er sagt, "einen Ruck". Er kündigte bei UNICEF und gründete innerhalb von sechs Monaten im Rahmen der Initiative "El Sistema", einem Musikerziehungsprogramm für Kinder und Jugendliche, das "Soma Children's Orchestra". Das Orchester zählt heute rund achtzig Mitglieder im Alter von sechs bis achtzehn Jahren. Ungefähr die Hälfte von ihnen ist nun nach Berlin gekommen, um sich für die Unterstützung zu bedanken, die ihnen aus Berlin zuteil geworden ist.

"Mir standen schon bei der Probe Tränen in den Augen"

Bei ihrem Konzert am Donnerstagabend haben sie prominente Unterstützung: Stanley Dodds, Stargeiger, Dirigent und Medienvorstand der Philharmonie wird am Pult stehen; verschiedene Musiker der Berliner Philharmonie, des Konzerthausorchesters und der Deutschen Oper werden an den Instrumenten mitwirken. "Ich bin sehr guter Dinge, dass das ein denkwürdiges Konzert werden wird", sagte Dodds am Mittwoch. Er habe über das musikalische Können der Kinder gestaunt, die ihre Instrumente erst seit drei Jahren spielten und sich nun bereits an eines der "schwierigsten Stücke überhaupt", Beethovens fünfte Symphonie, heranwagten. "Doch schon in der ersten Probe war sofort eine enorme Energie zu spüren", sagte Dodds. Peter Hauber pflichtete ihm bei: "Mir standen die Tränen in den Augen."

Neuer Lebensmut für traumatisierte Kinder

"Überglücklich und aufgeregt" seien die Kinder darüber, in Berlin zu sein - das sagte Yutaka Kikugawa, der Direktor von "El Sistema" Japan. Diese Tatsache ist bemerkenswert, haben die jungen Menschen in den letzten fünf Jahren doch traumatisierende Erfahrungen machen müssen. 457 Menschen wurden in Soma durch Erdbeben und Tsunami getötet, vierundvierzig Kinder verloren dort einen oder beide Elternteile, außerdem ihr Zuhause. Sie mussten in provisorische Notunterkünfte ziehen, wurden aus ihrem Alltag herausgerissen. Das Projekt "Soma Children's Orchestra" sollte ihnen neuen Halt geben, "Hoffnung und Lebensmut" - das sagte Norio Sato, der stellvertretende Bürgermeister von Soma, der ebenfalls mit nach Berlin gereist ist. Durch das gemeinsame Musizieren hätten die Kinder neuen Lebensmut geschöpft und Gelegenheit bekommen, ihre Traumata zu verarbeiten.

Der Optimismus wirkt sich auch auf den Wiederaufbau aus

Besonders das "Miteinander" stehe im Mittelpunkt, erklärte Kikugawa das Konzept vom Programm "El Sistema", das er in Japan etablierte: In dem Projekt unterrichten sich die Kinder größtenteils gegenseitig, erfahrene Musikschüler nehmen Jüngere an die Hand, man arbeite zusammen: "Das ist eine unheimlich wertvolle Erfahrung für die Kinder, das merken alle, die mit ihnen arbeiten." Die positive Einstellung und der Optimismus, der so entstünde, ist sich Norio Sato sicher, wirke sich auch positiv auf den Wiederaufbau in Soma aus: Er könne auf diese Weise mit ebenso viel Energie angepackt werden.

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