Schönefeld, Tegel, BER : Berlin hat einfach kein Flughafenkonzept

Die Rücksichtslosigkeit, mit der Hartmut Mehdorn auf Mensch und Material losgeht, Fragen des Rechts und der Kosten schlicht ignorierend, hat keine befreiende Wirkung in dieser festgefahrenen Lage, sondern ist nur noch befremdlich. Berlin hat keine Flughafen-Idee. Nicht mehr.

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Der Manager der Flughäfen in Berlin. Hartmut Mehdorn. Im März 2013 trat er seinen Dienst an.
Der Manager der Flughäfen in Berlin. Hartmut Mehdorn. Im März 2013 trat er seinen Dienst an.Foto: dpa

Seit bald einem Jahr ist Hartmut Mehdorn jetzt Flughafenchef in Berlin, und er hat in dieser Zeit mehr Ideen rausgehauen als andere in ihrem ganzen Berufsleben. Die meisten davon hatten allerdings keine Chance bei den Eigentümern, also dem Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg. Einer Eröffnung des Flughafens oder auch nur einem neuen Termin dafür ist die Gesellschaft in dieser Zeit nicht näher gekommen. Auf diese Situation gibt es zwei Sichtweisen. Die eine: Energischer Macher wird von bedenkenträgerischen Bürokraten ausgebremst. Die andere: Verantwortungsbewusste Politiker verhindern die schlimmsten Verrücktheiten eines Wahnsinnigen. Dem tatsächlichen Zustand am nächsten kommt, wer beide Bilder aufeinanderlegt.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der Mehdorn auf Mensch und Material losgeht, Fragen des Rechts und der Kosten schlicht ignorierend, hat keine befreiende Wirkung in dieser festgefahrenen Lage, sondern ist nur noch befremdlich. Gleiches gilt allerdings auch für die Schockstarre, in der sich die Politik befindet und die sie zu kaschieren versucht mit immer neuen Hinweisen auf Prüfaufträge, die abzuwarten seien.

Sie kalkulierten einst mit zehn Millionen Menschen weniger am BER

Dass es eine Fehleinschätzung in der an Pannen reichen, schier endlosen Geschichte war, Mehdorn könnte der Retter sein, mag keiner der Eigentümer zugeben, noch nicht. Schon damals, vor Jahresfrist, wurde verdrängt, was zu ahnen war, jetzt aber klar ist, auch wenn die Politik es sich und ihren Wählern nicht eingestehen will. Dabei ist es eine einfache Rechnung: Die Summe der Ideen von Hartmut Mehdorn ergibt keinen Plan, sondern ist der Beweis des Gegenteils. Ergo: Berlin hat kein Flughafenkonzept. Nicht mehr.

Mehdorns Erbe
Der neue BER-Chef Hartmut Mehdorn hat bei dem Großprojekt Flughafen ein schweres Erbe anzutreten: Bis zu 40.000 Mängel, heißt es aus Aufsichtsratskreisen, gilt es vor der Eröffnung zu beseitigen. Auf dem Gebiet Luftfahrt ist der umstrittene Manager geübt, dennoch stieß sein Wirken in der Vergangenheit auf gemischtes Echo. Auch in Berlin hat er in der Vergangenheit einige Projekte in Angriff genommen - mit durchwachsenem Erfolg.Weitere Bilder anzeigen
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11.03.2013 16:48Der neue BER-Chef Hartmut Mehdorn hat bei dem Großprojekt Flughafen ein schweres Erbe anzutreten: Bis zu 40.000 Mängel, heißt es...

Wo nichts mehr ist, kann auch nichts gelötet oder gar gerettet werden. Das, was den bisherigen Plänen zugrunde lag, wurde von der Zeit und den Umständen überholt. Berlin hatte in Tegel und Schönefeld-Alt bereits im vergangenen Jahr nahezu so viele Flugpassagiere, wie der BER höchstens bewältigen könnte. Am Anfang, vor Jahren, wurde mit zehn Millionen Menschen weniger kalkuliert. Tegel als Überlaufbecken für Charterflieger oder Militärmaschinen aber würde nicht nur die dort geplante Regattabahn gefährden, was als Kollateralschaden vertretbar wäre, sondern das gesamte Konzept eines Hightech-Herzens der Hauptstadt ruinieren.

So sieht er aus, der Brief von Mehdorn an Wowereit.
So sieht er aus, der Brief von Mehdorn an Wowereit.Screenshot: Tsp

Viele Ideen, die leider scheitern

Es ist fast egal, welche Mehdorn’sche Idee man sich anschaut: Keine passt zum alten Plan, viele verhalten sich dazu krass konträr, einige wirken geradezu lachhaft entlarvend: Da ist nichts mehr, worauf man sich verlassen kann.

Mehdorn allein ist daran nicht schuld. Für Ideen wurde er schließlich geholt, und das Kleingedruckte, eingestickt in seine Anzugjacke, war allen bekannt: Für Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Lebenslauf und fragen Sie Ihr Amt oder den Aufsichtsrat. Nur weiß der ja auch nicht weiter. So ist Mehdorn immerhin für diese Erkenntnis zu danken: Berlin braucht einen neuen Flughafenplan.

Ein Flughafen, viele Terminals - nicht nur am BER
Bleibt Schönefeld-Alt in Betrieb, gibt es auf dem BER-Gelände zwei Terminals, die nicht direkt miteinander verbunden sind. Woanders gibt es bereits solche Beispiele, wobei häufig Billigfluglinien dann auf ein Abfertigungsgebäude konzentriert werden, so wie es Mehdorn auch in Schönefeld vorhat. Hier im Bild: Schönefeld-Alt.Weitere Bilder anzeigen
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14.02.2014 11:20Bleibt Schönefeld-Alt in Betrieb, gibt es auf dem BER-Gelände zwei Terminals, die nicht direkt miteinander verbunden sind....


Und der BER? Auf nichts anderes als auf dieses Wesen, das nicht lebt und nicht stirbt, passt besser, was Karl Scheffler vor mehr als hundert Jahren über Berlin gesagt hat: dass es verdammt sei dazu, immerfort zu werden und niemals zu sein. Vielleicht konnte der BER also seinem Schicksal gar nicht entgehen, die Schuld am Scheitern mag dann zu Recht keiner übernehmen. Somit wäre dann auch endlich das passende Denkmal zum Jahrhundertspruch gelungen, ein Manifest ohne Worte. Wenn das der Plan war, dann ist er allerdings grandios gelungen.

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