Berlin 2030 : Die Hoffnung ruht auf Einwanderern

In 20 Jahren steigt das Durchschnittsalter in Berlin, die Zahl der berufstätigen Jungen sinkt. Dann sind gut ausgebildete Migranten die Chance der Stadt. Unsere Zukunftsserie beschäftigt sich mit Berlin im Jahr 2030. Heute: Migration.

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Migranten beim Absolvieren eines Einbürgerungstests.
Migranten beim Absolvieren eines Einbürgerungstests.Foto: ddp

Rolf P., pensionierter Wilmersdorfer Finanzbeamter, fährt täglich in die Karl-Marx-Straße nach Neukölln, um Achmed bei den Hausaufgaben zu helfen. Der 69-jährige Heinz S. aus Schöneberg gestaltet im Seniorenheim Pankow das Kulturprogramm für Hochbetagte. Und sein Nachbar Frank W., gerade 70 geworden, arbeitet noch als Ingenieur bei Bombardier. Senioren im Unruhestand im Jahr 2030. In zwanzig Jahren dauert für viele Berliner die „Nacherwerbsphase“ weit über das 65. Lebensjahr hinaus.

Die Bevölkerung in der Stadt altert rasant. Und wie die Berliner mit dem demografischen Wandel umgehen, entscheidet nach Meinung der Forscher von Prognos darüber, ob ein „Krieg der Generationen“ ausbricht oder ob ein Klima von Solidarität und bürgerschaftlichem Engagement die Kluft zwischen den Generationen und zwischen Deutschen und der wachsenden Zahl von Zuwanderern schließt. Die Zahl der Einwohner wird bis 2025 geringfügig wachsen und sich bis zum Jahr 2030 bei 3,48 Millionen einpendeln. Den großen Zuwachs wird es aber im Umland geben. Direkt um Berlin werden nach der Bevölkerungsprognose „Brandenburg 2030“ eine Million Menschen leben, fast 300 000 mehr als heute. Damit wird die Region 4,5 Millionen Einwohner zählen.

Damit diese Prognose wahr wird, darf Berlin seine Strahlkraft nicht verlieren – und muss auch in Zukunft Menschen aus dem Ausland in die Stadt locken, vorzugsweise mit guter Qualifikation. „Diese Einwanderung wird zu immer größeren Teilen aus außereuropäischen Kulturkreisen kommen“, sagen die Prognos-Forscher in ihrer Studie „Berlin 2030“ im Auftrag der Berliner Bank voraus.

Schon heute ist der Berliner im Durchschnitt knapp 43 Jahre alt – und nach der Bevölkerungsprognose des Senats wird das Durchschnittsalter im Jahr 2030 auf 45,3 Jahre steigen. Damit liegt die Stadt durchaus im deutschen Trend. Die Bewohner anderer Industriestaaten allerdings sind jünger: in Großbritannien beträgt das Durchschnittsalter 39,3 Jahre, in Frankreich 39,1 und in den Vereinigten Staaten 36,5 Jahre. Damit Berlin nicht noch weiter zurückfällt, muss es auch junge Menschen aus dem Ausland gewinnen. Der Zuzug werde aber eine „Bewährungsprobe für das interkulturelle Integrationsvermögen“.

Deshalb nennt der Berliner Prognos-Chef Christian Böllhoff Berlin auch schon mal eine „Einwanderer-Gesellschaft“ und meint damit die „islamische, insbesondere türkische Mittelschicht“, die ihr Potenzial in der Stadt entfalten könne. Die „Dynamik der Gruppe, die nach oben will“, sei eine große Chance. Für die Berliner Unternehmen, die auf einen chronischen Mangel an qualifizierten Fachkräften zusteuern, könnten auch polnische Facharbeiter eine Hilfe sein.

Weil die geografische Nähe zu Berlin aber für Polen das Pendeln noch erträglich macht, werden sie den demografischen Wandel in Berlin wohl eher nicht aufhalten – zumal auch osteuropäische Länder mit steigenden Löhnen und Überalterung kämpfen.

Dem Demografiekonzept des Senats zufolge leben zurzeit Menschen aus 180 Nationen in der Hauptstadt. Jeder zweite Einwohner über 14 Jahre ist nicht in Berlin geboren, jeder vierte hat einen Migrationshintergrund. Wie stark die Berliner Bevölkerung in Zukunft durch Migranten geprägt werden wird, zeigt aber diese Zahl: Unter den Sechs- bis 15-Jährigen liegt der Anteil der Berliner mit Migrationshintergrund berlinweit bei 43 Prozent. Tendenz steigend.

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15.12.2013 15:21Sollte der Flughafen Tegel doch eines Tages geschlossen werden, gibt es heute schon Ideen für die Umgestaltung: Über die Treppe...

Allerdings strömen die Menschen heute nicht mehr aus denselben Regionen nach Berlin wie in der Vergangenheit. Als die Stadt noch durch die Mauer geteilt war, kamen vor allem Arbeiter aus der Türkei nach West-Berlin. Nach der Wiedervereinigung folgten Zuzügler aus dem früheren Jugoslawien und den GUS-Staaten. Heute sind es überwiegend Einwanderer aus westlichen und östlichen Ländern der Europäischen Union oder auch aus Amerika und Asien. „Berlin braucht qualifizierte Zuwanderung, um seine Bevölkerungszahl stabil zu halten und gleichzeitig ökonomisch konkurrenzfähig zu sein“, bilanzieren auch die Autoren des Demografiekonzepts.

Einwanderung tut vor allem deshalb not, weil im Jahr 2030 in Berlin laut Prognos-Studie 100 000 weniger erwerbsfähige Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahren leben werden: insgesamt nur noch 2,1 Millionen. Ihnen steht aber eine stark wachsende Zahl von Rentnern gegenüber: Sind heute 630 000 Berliner älter als 65 Jahre, werden es in 20 Jahren 819 000 sein. Mehr Rentner, weniger erwerbsfähige Berliner – das wirft Fragen über „die Verteilung von Reformbelastungen“ auf, schreiben die Prognos-Forscher. Zum Beispiel diese: Wie werden öffentliche Mittel verteilt – „für Spielplätze und Jugendzentren“ oder „Begegnungsstätten und Pflegeeinrichtungen“?

„Migration an sich stellt noch kein Problem dar“, sagt der Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Mathias Gille. Problematisch sei nur die räumliche Konzentration von Migranten mit gleicher Herkunft in einem Quartier. Dies führe zur gesellschaftlichen Abkoppelung, zu Parallelgesellschaften.

Die geografische Herkunft allein, sagt der Soziologe Hartmut Häußermann, sei das geringere Problem – die „bildungsferne“ in Quartieren wie Wedding sei die große Gefahr. Wer ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung bleibe, sei auf dem Arbeitsmarkt chancenlos. Die Tatsache gelte für Deutsche und Migranten im gleichen Maße. Dieser Entwicklung aber gelte es vorzubeugen – damit für die Zukunft eine soziale Spaltung der Stadt verhindert werden kann.

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