• Berlin erhält "Begegnungszonen": Senat startet Bürgerbeteiligung in der Maaßenstraße

Berlin erhält "Begegnungszonen" : Senat startet Bürgerbeteiligung in der Maaßenstraße

Checkpoint Charlie, Bergmannstraße, Winterfeldtplatz: In Berlin kommen kommen sich Flaneure, Radler und Autofahrer überall ins Gehege. Der Senat will mit Begegnungszonen gegensteuern und fragt die Bürger nach ihren Wünschen. Los geht's in der Maaßenstraße in Schöneberg.

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Das Verkehrsgewusel an touristischen Orten wie Checkpoint Charlie oder Bergmannstraße soll besser geregelt werden.
Das Verkehrsgewusel an touristischen Orten wie Checkpoint Charlie oder Bergmannstraße soll besser geregelt werden.Foto: dpa/Claudia Levetzow

Hier heißen die Läden „Extrascharf“ und „Körpernah“. Da kann man schon mal die Idee haben, eine „Begegnungszone“ einzurichten. Die Verkehrsplaner aus dem Senat haben die Maaßenstraße im Zentrum des schwullesbischen Kiezes rund um den Winterfeldtplatz zum Testgebiet für eine neue Kultur des Miteinanders im Straßenraum erklärt. Anschließend sollen auch die Bergmannstraße und der Checkpoint Charlie in das Pilotprojekt eingebunden werden. Allen drei Orten ist gemeinsam, dass sie wegen eines Überflusses an Menschen, Radlern und Autofahrern oft einem Wimmelbild gleichen, das nur noch Chaosforscher durchdringen können.
In den Begegnungszonen sollen auf einem überschaubaren Straßenabschnitt – in der Maaßenstraße sind es 150 Meter zwischen Winterfeldtplatz und Nollendorfstraße – die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer nicht mehr voreinander geschützt, sondern miteinander versöhnt werden. Vorbilder sind die Schweizer Begegnungszonen und die regelfreien „Shared Spaces“ aus Holland. In der Schweiz haben die Fußgänger Vorfahrt, in Holland sind alle Straßennutzer gleichberechtigt. In Deutschland gilt aber überall die Straßenverkehrsordnung, von der das Bundesverkehrsministerium keinen Millimeter abrückt. Nicht mal ein Schild „Begegnungszone“ wird es geben, dafür ein profanes Tempolimitblech: 20 Kmh.

Erste Bürgerversammlung am 25. November

Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) will den Bürgern überlassen, wie die neue Zone aussehen soll. Auf einer Internetplattform können alle Interessierten vier Wochen lang Vorschläge machen oder über Vorschläge anderer abstimmen. Eine konkrete Planung soll es erst Anfang 2014 nach Auswertung des Onlinedialogs geben. Auch diese neue Form protestpräventiver Bürgerbeteiligung gilt als Pilotprojekt und soll später für größere Projekte genutzt werden. Für weniger internetaffine Zeitgenossen gibt es auch klassische Bürgerversammlungen, die erste am 25. November in der Finow-Grundschule.
Die Planer möchten möglichst wenig Geld ausgeben, deshalb sind Vorschläge, die Straße komplett einzuebnen wie bei den Shared Spaces eher chancenlos. Realistischer ist, dass die Fahrbahn erheblich eingeengt wird, so dass Zwischenräume entstehen, die mit Bänken oder Spielflächen ausgestattet werden könnten. Wahrscheinlich ist auch, dass Parkplätze wegfallen werden, denn nur so verbessern sich die Sichtverhältnisse für Fußgänger und Radfahrer. Da wird es sicher viel Kritik geben.
In Maaßen- und Bergmannstraße boomt die Gastronomie, die mit Außenterrassen die Bürgersteige verengt. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hatte vor einem Jahr einen Stopp für weitere Kneipeneröffnungen verhängt. Dabei ging es auch darum, den Lärmpegel in der Nacht zu verringern. Von „zugekoksten Prollfahrern“ wird berichtet, die mit 100 Sachen durch den Nollendorfkiez preschen. Bisher gibt die Fahrbahnbreite solche Geschwindigkeiten durchaus her. Künftig soll allein die Optik einer verengten, möglicherweise mäandernden Straße solche Exzesse verhindern.


5000 Fußgänger, 4000 Fahrzeuge und einige tausend Radfahrer teilen sich jeden Tag den 14 Meter breiten Raum der Maaßenstraße, eine Übernutzung, die an Markttagen auf dem Winterfeldtplatz schon jetzt zu einem regellosen Zustand führt, der dem Ideal einer Begegnungszone sehr nahe kommt. Wer zuerst geht, fährt oder rollt, entscheidet sich bei jeder Begegnung neu. Vielen Verkehrsteilnehmern ohne Nockenwelle gefällt das eigentlich ganz gut. Es entspricht auch dem Lebensgefühl vieler alternativ angehauchter Schöneberger. Der Geschäftsführer von „Extrascharf-Optik“, Robert Fathke, befürwortet auf jeden Fall eine Entschleunigung der Maaßenstraße. „Ich fände es toll, wenn das Konzept hier aufgeht, grusel' mich aber schon vor den Bauarbeiten.“

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