Berlin : Friedrichs Großstadt

Alle Launen des Preußenkönigs hat Berlin zu spüren bekommen. Friedrich II. baut pompös, holt die europäische Aufklärung in die Stadt – und macht sie zum Kriegsschauplatz. Viel davon ist heute noch zu sehen.

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Alles nach Plan. Grundriss der Königlichen Residenzstädte Berlin, gestochen von Daniel Friedrich Sotzmann. Die Karte zeigt Berlin aus der Vogelperspektive im Todesjahr Friedrichs des Großen, mit den städtebaulichen Ergänzungen seiner Regierungszeit. Veröffentlicht wurde sie 1786 im Verlag des Aufklärers Friedrich Nicolai, der auch die erste umfassende Berlin-Beschreibung verfasste. Foto: Zentral- und Landesbibliothek Berlin/Zentrum für Berlin-Studien
Alles nach Plan. Grundriss der Königlichen Residenzstädte Berlin, gestochen von Daniel Friedrich Sotzmann. Die Karte zeigt Berlin...Foto: picture alliance / Artcolor

Als Friedrich II. im Jahr 1740 die Regierungsgeschäfte übernimmt, will er Berlin als Kultur- und Wissenschaftsmetropole neu erfinden. Ein erster Schritt dahin ist eine Pressereform. Eine richtige Hauptstadt braucht schließlich mehrere konkurrierende Zeitungen! Dieser Gedanke ist zu jener Zeit geradezu revolutionär. Bisher gibt es nur eine einzige „Königlich privilegirte Berlinische Zeitung“, die aus Angst vor der Zensur einen großen Bogen um alles Politische schlägt und kein Feuilleton braucht, weil kein nennenswertes Kulturleben stattfindet.

Das ändert sich nun: Vier Tage nach Amtsantritt eröffnet der 28-jährige König seinen Ministern, „dass dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unumschränkte Freiheit gelassen werden soll“. Auf die erschrockene Gegenfrage, wohin das führen solle, erwidert Seine Majestät, „dass Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genieret werden müssten“. Vier Wochen später erscheinen die ersten Ausgaben der neu gegründeten „Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen“ und des französischsprachigen „Journal de Berlin“, beide mit Preußenadler und der Parole „Wahrheit und Freyheit“ im Zeitungskopf.

In späteren Jahren schränkt der König die Pressefreiheit wieder ein, doch dem Aufschwung Berlins zu einer führenden Verlagsstadt tut das keinen Abbruch. Ganz uneigennützig ist seine Medienpolitik nicht: Die Zeitungen tragen die Botschaft in die Welt, dass Friedrich sich anschickt, die provinzielle Residenz in eine Hauptstadt von europäischem Format umzukrempeln. Sie berichten von teuren Umbauarbeiten an den Schlössern Charlottenburg und Monbijou, von Plänen für ein neues Schloss, eine Wissenschaftsakademie und ein Opernhaus.

In einer Stadt, die großes Theater bloß vom Hörensagen kennt, baut Friedrich eine Oper für 1200 Zuschauer. Auch sein erster Feldzug in Schlesien hält ihn nicht ab, sich mit den Plänen seines Architektenfreundes Knobelsdorff zu befassen: „Veranlassen sie den dicken Knobelsdorff, dass er mir schreibe, wie es in Charlottenburg, meinem Opernhause und meinen Gärten aussieht. Ich bin in diesen Dingen wie ein Kind; das sind meine Puppen, mit denen ich spiele“, schreibt der Feldherr im Jahr 1742 kurz vor einer Entscheidungsschlacht.

Auf königlichen Druck wird Knobelsdorffs Oper nach nur zwei Jahren Bauzeit im Dezember 1742 eröffnet, obwohl überall noch Gerüste stehen. „Sparta ward zu Athen“ schreibt bewundernd Voltaire, der Berlin im folgenden Sommer zum ersten Mal besucht. Wie andere europäische Meisterdenker lockt ihn Friedrich durch die Aussicht auf sorgenfreies Forschen, üppigen Verdienst und die Nähe zur Macht nach Berlin. 1750 kommt Voltaire, macht sich durch dubiose Geldgeschäfte, Eitelkeiten und Eifersüchteleien mit anderen Akademiemitgliedern aber so unbeliebt, dass der König zwei Jahre später an Heiligabend eine Satire des Freundes auf dem Gendarmenmarkt verbrennen lässt - die einzige überlieferte Bücherverbrennung in Preußen während Friedrichs 46-jähriger Regierungszeit.

Doch Berlin lässt sich nicht so rasch zu einer strahlenden Residenz umbauen, wie der junge König sich das vorstellt. Sein Baueifer verlagert sich ab 1744 auf Potsdam und Sanssouci, wo er freier schalten und walten kann. Gegen Ende seiner Regierungszeit rückt Berlin wieder stärker in den Fokus: Die Kuppeltürme auf dem Gendarmenmarkt, die Spittel- und Königskolonnaden zeugen noch vom Drang nach architektonischer Größe. Abgerissen sind etliche Wohnhäuser mit Palastfassaden an Hauptstraßen, deren Bau Friedrich anordnete, die Triumphbögen am Oranienburger und Rosenthaler Tor.

Beim Regierungsantritt 1740 zählt Berlin 90 000 Einwohner, ein Fünftel davon Soldaten mit Frauen und Kindern. In Friedrichs Todesjahr 1786 sind es 145 000, nach Wien ist Berlin die größte Stadt im deutschsprachigen Raum. Noch größer ist der Zuwachs an Bedeutung: Die Zahl der preußischen Untertanen vergrößert sich von 2,2 auf 5,5 Millionen – obwohl eine halbe Million im Siebenjährigen Krieg umkommt, in dessen Verlauf auch Berlin zweimal kurz von feindlichen Truppen besetzt wird. Stärker als die fürstliche Baulust bestimmt die Allgegenwart des Militärs das Stadtbild: Fremde erleben Berlin als staubige Kaserne, in der auf öffentlichen Plätzen exerziert wird und Deserteure Spießruten laufen. Die Bordelle für das Soldatenvolk sind so wenig zu übersehen wie die Elendsquartiere von Fabrikarbeitern an den Stadträndern. Zugleich wird auf Ordnung und Sauberkeit gehalten, es gibt regelmäßige Straßenreinigung und Nachtwachen, Bettler werden aufgegriffen und in das vom König errichtete Arbeitshaus am Alexanderplatz gebracht.

1767 erlaubt der König eine Schulreform, das Berlinische und Cöllnische Gymnasium werden zusammengelegt – doch am jämmerlichen Zustand der Unterrichtssäle ändert sich nichts. Der Schulleiter Anton Friedrich Büsching bittet vergeblich: Eine Sanierung der feuchten Kellerräume in der Klosterstraße ist Friedrich zu teuer, erst die private Stiftung eines ehemaligen Schülers ermöglicht ab 1786 einen Neubau.

Europa blickt mit einer Mischung aus Furcht und Bewunderung auf den Preußenkönig und auf seine Hauptstadt. „Es ist ein schön Gefühl, an der Quelle des Krieges zu sitzen, in dem Augenblick da sie überzusprudeln droht. Und die Pracht der Königsstadt, und Leben und Ordnung im Überfluss, das nichts wäre ohne die tausend und aber tausend Menschen, bereit für sie geopfert zu werden“, schreibt Goethe während seines Berlin-Besuches im Mai 1778. Obwohl der Herrscher nicht in der Stadt ist, scheint sich alles nach seinem Kommando zu bewegen: „Da hab ich sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge und hab über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren hören.“

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