Berlin-Friedrichshain : Die neuen Barrikaden in der Rigaer Straße

Ein Baustellenzaun versperrt den Durchgang im umkämpften Kiez in Friedrichshain - voraussichtlich bis 2019. Viele Anwohner sind verärgert.

Lea Diehl
Keiner kommt durch. Auch nicht zum Supermarkt. Anwohner sind sauer, manche fürchten, dass der Neubau bald attackiert wird.
Keiner kommt durch. Auch nicht zum Supermarkt. Anwohner sind sauer, manche fürchten, dass der Neubau bald attackiert wird.Foto: Lea Diehl

Schwarzlackierte Holzlatten versperren seit Dienstag die Rigaer Straße in Friedrichshain. Egal, ob auf Rädern oder zu Fuß – auf dem Straßenabschnitt zwischen Samariterstraße und Voigtstraße soll bis Ende Februar 2019 kein Mensch mehr durchkommen. Grund dafür ist eine Baustelle für Wohnungen.

Hinter dem Zaun sitzt Peter B., der die Baustelle bewacht. „Hier ist immer etwas los“, sagt er. Die Nachbarn nebenan hätten Untersetzer von Blumentöpfen aus dem Fenster geworfen. Es sei schon vorgekommen, dass Leute über den Zaun geklettert sind, sagt er. Der Sicherheitsmann sitzt gemeinsam mit einem Kollegen unter einem Sonnenschirm. Von rechts und links dringt Lärm zu ihm durch. Abends wird er von Anwohnern beschallt. „Die Gegner sitzen hier abends und klappern auf Töpfen.“

Töpfescheppern als gewaltloser Widerstand

Bei vielen ruft die Straßensperrung Wut hervor. Satiriker Gregor Felde-Bajeowitz sagt: „Die werfen uns vor, dass wir Barrikaden bauen, und bauen selber welche.“ Beschmierte Holzlatten passen zum Straßenbild: Schließlich ist die Rigaer Straße für Hausbesetzer und Autonome bekannt. „12,50 Euro wollen die pro Quadratmeter nehmen“, behauptet Felde-Bajeowitz, Künstlername „Grog Grogsen“: „Ich bezahl’ sieben, weil ich in einem Milieuschutzgebiet wohne. Wer weiß, wie lange das noch bleibt.“

Das ,Töpfescheppern’ sei gewaltloser Widerstand gegen „Gentrifizierung hoch drei.“ Als Aufwertung wird das Bauprojekt nicht verstanden. „Eigentumswohnung – die bereichern den Kiez bestimmt ungemein“, sagt Wolfgang Funkhauser ironisch. Er lebt seit über 20 Jahren in Friedrichshain. Andere stören sich einfach an der Straßensperrung und den langen Umwegen.

Kein Zugang zum Supermarkt mehr

„Ich kenne keine andere Straße, die mir nichts, dir nichts für eineinhalb Jahre gesperrt wird wegen einer Baustelle“, sagt die 82-jährige Siegrid Prokop. „Erst nehmen sie einem den Lidl weg, den es in dem abgerissenen Haus gab, jetzt komm ich nicht mal mehr zum Edeka durch. Sollen sie das doch für Fußgänger freigeben“, sagt sie und stützt sich auf einen Gehstock.

„Die haben das einfach so alles bei Nacht und Nebel abgerissen und zugesperrt, das ist doch eine Frechheit“, sagt Anwohnerin Judith Lindner. Sie und ihre Freundinnen Jule und Nina schieben einen Kinderwagen vor sich her. Von friedlichem Protest gehen nicht alle aus. „Der Typ wird das noch bereuen mit seinen Wohnungen“, droht eine Passantin. „Ich kenn' doch Friedrichshain, der kann sich auf was gefasst machen.“

Einem Ehepaar, das aus Süddeutschland vor fünf Jahren in den Kiez gezogen ist, machen hingegen die Linksautonome Angst: „Die haben das bestimmt auch wegen denen zugesperrt“, sagen sie und haben für die Barrikaden ein gewisses Verständnis. Das Paar berichtete von brennenden Mülltonnen vor der Haustür. „Das ist doch lebensgefährlich.“

Frank Keller, der an einem Stehtisch vor einem Supermarkt steht, ist überzeugt, „dass die Sperrung die Stimmung bloß anheizen“ wird. Ein Hausmeister, der vor der Absperrung Kaffeepause macht, hat ganz aufgegeben: „Eigentümer, Linke, die sind doch alle bekloppt- Ich zieh aufs Land.“

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