Berlin für Anfänger : Dem Ampelmännchen ein Schnippchen schlagen

Für Menschen, die aus dem Ausland kommen, kann Berlin ein ganz schöner Kulturschock sein - vor allem, was den Alltag betrifft. Ob Zigaretten drehen oder die Straße überqueren: Unsere Autorin ist Amerikanerin und erklärt, welche Anfängerfehler man in der Hauptstadt vermeiden sollte.

Alison Haywood
Darf man gehen, auch wenn die Ampel rot ist? Nicht nur für Touristen eine schwierige Frage.
Darf man gehen, auch wenn die Ampel rot ist? Nicht nur für Touristen eine schwierige Frage.Foto: dpa

Als ich nach Berlin gezogen bin, bekam ich erstmal eine Art Kulturschock – vor allem, was alltägliche Dinge betraf. Als Amerikanerin hatte ich die großen kulturellen Unterschiede erwartet – mit dem Euro bezahlen, anderes Essen und natürlich Deutsch sprechen. Die Kleinigkeiten im Alltag haben mich allerdings ohne Vorwarnung getroffen und waren das Schwierigste, an das ich mich gewöhnen musste. Nach einem Auslandssemester von vier Monaten im Herbst 2012 und einem dreimonatigen Praktikumsprogramm diesen Sommer sehe ich mich als alten Hasen unter den Touristen in Berlin, obwohl ich selbst keine Berlinerin bin. Daher will ich ein wenig von meiner Weisheit mit den Neuankömmlingen teilen, um ihnen meine Fehler zu ersparen – nämlich wie ein Idiot (oder eben ein Tourist) zu wirken und sich an das Leben in Berlin zu gewöhnen.

1. Lerne, einen Duschkopf mit einer Hand zu bedienen

Als Austauschstudentin, die in eine DDR-Wohnung in Prenzlauer Berg gezogen ist, war eine meiner größten Herausforderungen, herauszufinden, wie man mit einer Hand duschen soll. Die „Dusche“ war einfach ein Schlauch an einem Wasserhahn ohne Haken zum Aufhängen. Ich habe viel ausprobiert – den Duschkopf wie ein Telefon zwischen Schulter und Kopf einzuklemmen, ihn auf den Boden zu legen oder sogar in der Wanne zu sitzen und ihn auf meinen Knien zu balancieren. Wenn ich den Duschkopf fallen ließ oder in die falsche Richtung drehte, wurde ich mit einem Wasserschwall in meine Nase oder an die Wand beziehungsweise den Boden belohnt. Der beste Weg eine Überschwemmung im Bad zu vermeiden war es, den Wasserhahn einfach mehrere Male abzudrehen.

2. Ampeln überwinden für Fortgeschrittene

Ja, es ist eine Kunst, die Straße zu überqueren, wenn die Ampel rot ist. Im Vergleich zu Amerika schalten Straßenampeln auf Rot noch lange bevor die Fußgängerampeln grün leuchten. Wenn man bemerkt, dass die Autos auf dem Weg zur Kreuzung bremsen ist es eine todsichere Wette, noch bei Rot über die Straße zu gehen. Schau dich aber unbedingt noch mal um, denn die Autofahrer wissen das auch und sie haben keine Scheu, bei Rot über die Ampel zu fahren.

Zigaretten selbst drehen heißt nicht, dass man ein Hipster ist, sondern sparsam.
Zigaretten selbst drehen heißt nicht, dass man ein Hipster ist, sondern sparsam.Foto: dpa

3. Dreh deine eigenen Zigaretten

Selbstgemachte Zigaretten in Berlin sind kein Zeichen deiner mauen Brieftasche oder ein Statussymbol für Hipster, sondern zeugen von deiner Sparsamkeit. Die Deutschen halten nichts davon, für ein Produkt mehr Geld auszugeben, als nötig. Man kann sogar Menschen in teuren Anzügen mit Tabakbeutelchen und Blättchen bei ihrer Mittagspause im Straßencafé beobachten.

4. Lerne den Unterschied zwischen „verboten“ und „wirklich verboten“

Viele Dinge in Berlin sind rein technisch illegal, werden aber weitgehend toleriert. Zum Beispiel hat mich mal ein BVG-Mitarbeiter in der U-Bahn aufgeweckt und angeschrieen, weil ich meine Füße auf dem Sitz hatte. Direkt neben mir saß ein Freund, ein Bier in der Hand, direkt unter dem Schild, das genau dies verbietet. Der Kontrolleur sagte kein Wort zu ihm. Es ist typisch, dass sich Deutsche mehr um die Sauberkeit der U-Bahn-Bänke sorgen, als um ein bisschen harmlosen öffentlichen Alkoholkonsum. Es gibt noch weitere Aktivitäten, die unter das Motto „illegal, aber erlaubt“ fallen. In der Öffentlichkeit Marihuana zu rauchen, den Hund ohne Halsband Gassi zu führen oder mit dem Fahrrad auf der falschen Straßenseite zu fahren gehören auch dazu.

5. Öffne Flaschen prinzipiell nur mit einem Feuerzeug

Oder mach’s mit einem Handy, oder mit einer anderen Flasche. Es ist in Berlin ein Zeichen von Schwäche – oder ein Zeichen, dass du Tourist bist – einen Flaschenöffner zu besitzen. Es gibt eine Vielzahl von Objekten und Möglichkeiten des Berliners liebstes Getränk zu öffnen. Je kreativer du das bewerkstelligst, desto cooler bist du. Ich habe Studenten gesehen, die Flaschen mit ihren Backenzähnen geöffnet haben – ein netter Partytrick, den so schnell keiner toppen kann.

Alison Haywood (21) studiert Journalismus und Deutsche in Tacoma, Washington. Sie lebt seit Juni in Berlin und ist Stipendiatin an der Freien Universität.

Aus dem Englischen übersetzt von Georg Schemitsch. Lesen Sie hier den Originaltext

41 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben