Berlin-Hasser-Buch : Von Spandau bis Köpenick – nur Vollidioten

„Ich finde die Stadt scheiße": Der Autor Kristjan Knall rechnet in einem neuen Buch mit Berlin ab - jeder Bezirk bekommt darin sein Fett weg. Der Erkenntnisgewinn? Gleich null!

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Versteckspiel.
Versteckspiel.Foto: Georg Moritz

Es ist schlimm bestellt um Berlin, davon ist Kristjan Knall überzeugt. In Mitte lebten nur Yuppies, und Prenzlauer Berg versuche so zu sein wie München, und von Marzahn-Hellersdorf mit seinen Plattenbauten hätte sich selbst Derrida mit Grausen abgewendet. Wedding ist ein Hort für Menschenmüll und Wilmersdorf eine unscheinbare Ehefrau mit geblümter Schürze, deren Mann lieber der Tochter als ihr hinterhersteigt. Kurzum: Die Stadt ist eine einzige Zumutung.

Das behauptet einer, der selbst hier geboren und aufgewachsen ist: Kristjan Knall, passionierter Berlin-Hasser und neuerdings Autor. Er hat ein Handbuch verfasst, in dem er „alle Arschlöcher nach Bezirken“ abhandelt. Von Spandau bis Köpenick bekommt jeder sein Fett weg, denn im Grunde leben hier nur Vollidioten, Spinner, Tagediebe. Asoziales Gewürm, und Knall mittendrin. Sein Werk, das er morgen in der Buchhandlung Lehmanns vorstellt, trägt den lakonischen Titel „Berlin zum Abkacken“.

Knall tritt nur unter Pseudonym und maskiert auf

Hauptstadt-Bashing, mal wieder. Es ist ja auch so einfach. Ein paar Klischees, etwas Polemik und Menschenverachtung: Fertig ist die Hasstirade! Die Werke heißen dann „I hate Berlin: Unsere überschätzte Hauptstadt“ oder „Vergiss Berlin! Eine Reisewarnung“. Die einen lesen sie, um ihre Vorurteile bestätigt zu sehen; die anderen, um sich aufzuregen. Einigermaßen unterhaltsam ist die Lektüre, der Autor geht erstmals systematisch alle Bezirke durch. Doch der Erkenntnisgewinn? Gleich null. Warum also soll man sich mit einem weiteren dieser Autoren treffen? Zumal der Verlag auch noch selbst davor warnt. Knall sei ein Provokateur, seine Aussagen radikal, uiuiui. Er trete nur unter Pseudonym auf. Und maskiert. Um unerkannt zu bleiben, denn es habe wegen des Buches bereits Drohungen gegeben. Zur Einstimmung wird per Mail ein Foto geschickt. Es zeigt einen Mann mit Bademantel und Vogelmaske. Cro für Arme. Könnte also eine amüsante Begegnung werden.

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Ein trüber Donnerstagvormittag in Neukölln. Zwischen den Baustellen auf der Karl-Marx-Straße staut sich der Verkehr, über den Gehweg schieben sich Frauen mit Kinderwagen und passionierte Trödler. Das Café Rix ist gut gefüllt. Doch kein Vogel weit und breit. Ratlosigkeit. Das Handy in der Jackentasche vibriert, eine Nachricht. „Sitze bei der Palme in der Ecke.“ Aha. Die Augen bleiben an einem schmalen Mann mit dunkler Trainingsjacke, Jeans und Turnschuhen hängen. Typ: Student. Vogelmaske? Fehlanzeige. Die sei immer verrutscht, sagt Knall später, er habe unter ihr weder sprechen noch atmen können und sie daher daheim gelassen. Dafür hat er eine Kunstfellschapka mitgebracht. Und eine Sonnenbrille. Für die Fotos im Anschluss. Das Image soll schließlich gewahrt werden.

Das unterscheidet Knall von den bisher bekannten Berlin-Hassern, die offen auftreten. Er inszeniert sich, will offenbar eine Kunstfigur schaffen, unangepasst und viel drastischer als alles, was es bisher zu dem Thema gab.

Das Buch, sagt Kristjan Knall, sei der dokumentierte Mittelfinger, sein blanker Ernst. „Ich finde die Stadt scheiße, das ist keine Pose, sondern die Wahrheit.“ Dann erzählt er, dass er seine Abrechnung aus „Spaß an der Freude“ geschrieben habe. Sein Antrieb? Knall richtet den Oberkörper auf, er redet sich jetzt warm. „Berlin ist keine Großstadt, sondern eher auf halbem Weg stecken geblieben.“ Warum wohnt er dann hier? „Das Übliche: Nirgendwo anders in Deutschland kann man so günstig leben.“ Sobald wie möglich wolle er weg, ins Ausland. Mehr will er nicht über sich verraten. Weder sein Alter, noch was er macht. Eine Sprecherin des Verlags glaubt zu wissen, er betreibe einen Club in Neukölln. Sein Kommentar: „Die erzählt viel, wenn der Tag lang ist.“

"Ich hasse diesen Neukölln-Hype"

Zumindest bestreitet Kristjan Knall nicht, dass er in Neukölln wohnt. In der Nähe des Café Rix. Eine Gegend, „hässlicher, vollgepisster und stressiger als Kreuzberg“. Dafür erträglicher. „Ich hasse diesen Neukölln-Hype und wünsche jedem Hipster, der hier lebt, den Tod“, sagt Knall. Doch wenigstens seien die Leute nicht so verstockt und man werde in Ruhe gelassen.

An manchen Bezirken hat er ein paar mehr gute Haare gelassen als an anderen. Aber letztlich bekommt jeder seinen Teil ab. Anspruch auf Vollständigkeit erhebt das Buch nicht. Im Kapitel über Spandau, beispielsweise, bleiben Berühmtheiten wie Dr. Motte oder Die Ärzte unerwähnt. „Die haben schon genug PR und ich will nicht über die nachdenken.“ So kann man es natürlich auch sehen.

Seine nächste Veröffentlichung plant Kristjan Knall bereits. Arbeitstitel: „Keiner mag Klugscheißer“.

„Berlin zum Abkacken. Alle Arschlöcher nach Bezirken.“ Eulenspiegel-Verlag. 160 Seiten; 9,99 Euro. Lesung am Mittwoch, 20.15 Uhr, Buchhandlung Lehmanns, Hardenbergstraße 5. Eintritt: 7,50, erm. 5 Euro.

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