Berlin ist ihre Bühne : Auf den Spuren der Ärzte und der Toten Hosen

Sie prügelten sich im Ballhaus Tiergarten, wetteten in Schöneberg, versöhnten sich im SO 36. Auf den Spuren der Ärzte und der Toten Hosen in Berlin.

Martina Wagner
Zwei Männer, zwei Welten. Campino von den Toten Hosen konnte nicht immer mit Farin Urlaub von den Ärzten.
Zwei Männer, zwei Welten. Campino von den Toten Hosen konnte nicht immer mit Farin Urlaub von den Ärzten.Foto: dpa

Dirk Felsenheimer und Jan Vetter warteten auf den Bus. Der Dekorateur-Lehrling Felsenheimer, der noch bei den Eltern im Spandauer Arbeiterviertel in der Seegefelder Straße wohnte, hatte den Frohnauer Beamtensohn Vetter-Marciniak, der noch aufs Gymnasium ging, im Ballhaus Spandau an der Dorfstraße kennengelernt. Das war ein angesagter Teenagertreff – von den älteren Politpunks und deren düsteren Lokalen in Kreuzberg hielten die beiden damals nicht viel. Angeblich haben sie sich in der Spandauer Lokalität aber immerhin beim Pogotanzen die Köpfe zusammengehauen.

Sie kamen gerade von den Proben ihrer Band „Soilent Grün“ im Proberaum an der Möckernstraße am Anhalter Bahnhof, gelegentlich spielten sie in der Wilmersdorfer Straße in der Fußgängerzone, um sich ein bisschen Taschengeld zu verdienen. Nun aber standen sie hier, mitten in Frohnau am Sennheimer Platz, dort, wo sich auch die anderen gelangweilten Jugendlichen der gutbürgerlichen Wohnhäuser der Umgebung trafen. Sie hingen herum und hatten plötzlich eine Idee: Eine Punkkapelle wollten sie gründen, die eine Parodie auf alle anderen Popkapellen war. Das war im Jahr 1982, an einer Bushaltestelle in Frohnau, die Geburtsstunde der Ärzte. Dirk Felsenheimer wurde zu Bela B., Jan Vetter zu Farin Urlaub. Und Hans Runge, ein alter Schulkamerad von Jan Vetter aus dem Nachbarviertel Hermsdorf, der für die befreundete Band Suurbiers spiele, wurde zum Bassisten Sahnie.

Tote Hosen vs Die Ärzte
Dieses Wochenende spielen Die Toten Hosen und Die Ärzte auf dem Tempelhofer Feld. Schwer erfolgreich sind beide - aber welche ist die echtere Punkband? In ihrem Buch "Ernie gegen Bert und 99 andere Duelle" (Goldmann-Verlag) haben Tagesspiegel-Redakteur Sebastian Leber und Illustratorin Yvonn Barth den ultimativen Vergleich gewagt - und am Ende tatsächlich einen Sieger gekürt...
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10.08.2013 16:21Dieses Wochenende spielen Die Toten Hosen und Die Ärzte auf dem Tempelhofer Feld. Schwer erfolgreich sind beide - aber welche ist...

Etwa zur selben Zeit entschieden Andreas Frege und Andreas von Holst im fernen Düsseldorf, ihr eigenes Ding zu machen. Aus der Band ZK entstanden die Toten Hosen, aus Frege wurde Campino, von Holst nannte sich fortan Kuddel. Regelmäßig waren die Hosen schon damals im geteilten Berlin zu Gast, denn hier ging der Pogo ab, wie man damals sagte, hier war was los. Bei einem Konzert der Suurbiers im Ballhaus Tiergarten in der Perleberger Straße trafen Teile der Bands backstage aufeinander. Der Rest ist Legende.

Zwei Bands - zwei Rivalen

Eine Flasche Wodka, die Bela B. mitgebracht hatte, ein Wutausbruch von Campino, dessen Ursprung ungeklärt ist, ein Streit über Ehre, Frauen und anderes Machozeugs. Mitten im Winter kam es vor dem Ballhaus Tiergarten zu einer Prügelei – die Grundlage der jahrelangen Rivalität der beiden Bands. Sahnie und Bela B. gegen Campino, der sagte: „Zwei Ärzte gegen mich, das ist ungefähr fair.“

Worum es wirklich ging, weiß heute niemand mehr. Nur, dass Bela B. ein blaues Auge davontrug und die Mär von der tiefen Feindschaft der Bands in Umlauf ging – geschürt von regelmäßigen gegenseitigen Hasstiraden in diversen Interviews. Das war eben Punkrock, viel Attitüde – und beiden Karrieren hat es sicherlich nicht geschadet.

Ihr erstes Konzert gaben die Ärzte Ende 1982 in einem besetzten Haus, dem „Besetzereck“ in Kreuzberg, nicht weit vom SO 36. Die Hardcore-Punks allerdings verstanden die Texte nicht, fühlten sich veräppelt und gingen die Band ziemlich hart an. Das hier war nicht die Welt der Ärzte, sie schauten, dass sie schnell in die U-Bahn und zurück in ihre Charlottenburger WG kamen.

Dazu passt, dass erst ein Rockwettbewerb des Senats den Punkrockern 1984 zum Durchbruch verhalf. Das Finale fand im Quartier Latin, dem heutigen Wintergarten in der Potsdamer Straße in Tiergarten, statt, direkt gegenüber dem damaligen Tagesspiegelgebäude. Monika Döring, Chefin des „Loft“ am Nollendorffplatz, glühender Ärzte-Fan, saß in der Jury und beschimpfte jeden, der „ihre Ärzte“ nicht zu Siegern erkor. Und auch die Mütter der Bands brachten ihre Gefolgschaft mit und lieferten gnadenlos massig kopierte Stimmzettel ab. Mithilfe des Preisgeldes in Höhe von 10 000 D-Mark nahmen die Ärzte die Mini-LP „Uns geht’s prima …“ auf, die noch im selben Jahr beim Berliner Label Vielklang mit Sitz am Görlitzer Park veröffentlicht wurde.

Die damalige Promoterin Sylvie, heute als Wahrsagerin bei einem Berliner Esoterik-Sender tätig, hatte die Jugendzeitschrift „Bravo“ überredet – angeblich mit einem erotischen Tänzchen auf dem Tisch des Redakteurs –, eine Serie mit der damals völlig unbekannten Band zu machen. Das war der Durchbruch: Es folgten Hype und Plattenvertrag.

Mittlerweile fahren Campino und Farin Urlaub einen Kuschelkurs.
Mittlerweile fahren Campino und Farin Urlaub einen Kuschelkurs.Foto: DAVIDS/Darmer