Berlin-Köpenick : 28.500 Union-Fans treffen sich zum Weihnachtssingen

Ableger gibt es viele, aber nur ein Original: 28.500 Fans des 1. FC Union treffen sich am Freitag zum traditionellen Weihnachtssingen.

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Seit 2003 treffen sich die Fans des Vereins in Köpenick. Längst kommen nicht mehr nur Fußballfans ins Stadion neben der Wuhle. Eintrittskarten gibt es allerdings nicht mehr.
Seit 2003 treffen sich die Fans des Vereins in Köpenick. Längst kommen nicht mehr nur Fußballfans ins Stadion neben der Wuhle....Foto: imago/ Matthias Koch

Es ist wie eine kleine Wallfahrt nach Köpenick. Alle Jahre wieder. Mit Bus und Bahn, Kind und Kegel. Mit Rauschebärten und roten Mützen. Und auch mit rot-weißen Schals. Eine Woge aus 28.500 Unionern ergießt sich in die Wuhlheide, froh gestimmt, aber nicht siegestrunken. Denn es gibt überhaupt kein Fußballspiel. Die Leute sind plötzlich wie eine große Familie und kommen, um alte und neue Weihnachtslieder zu singen. Ein Massenchor, der in keine Berliner Kirche passt. Und, mit dem Fußballgott im Bunde, das „Stille Nacht, heilige Nacht“ ebenso andächtig singt wie „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.

Und das stimmt genau: Wir schreiben den 23. Dezember, da sind alle Vorweihnachtsmessen gesungen, die Geschenke in Schränken und Kartons verstaut, und nun kann er kommen, der gute Alte mit dem Sack und der unpädagogischen Rute. Vielleicht schmückt die Weihnachtsfrau daheim gerade den Baum oder kocht den Braten, während der Mann und Vater mit den Kindern zum Weihnachtsliedersingen zu Union eilt. Oder umgekehrt. (In der Alten Försterei widerlegt jedes Spiel das Gerücht, Frauen seien fußballresistent.)

Jedenfalls hat es den Berlinern in den letzten Jahren so sehr gefallen, dass das Weihnachtssingen bei Union zu drei roten Kreuzen im Kalender vieler sangesfreudiger Menschen, auch aus Charlottenburg und Brandenburg, geführt hat. Wo gibt es sonst eine solch festliche wie volksnahe Stimmung in Berlin?

Am Eingang bekommt jeder eine Kerzen und ein Gesangsbuch

Schon am Eingang bekommt jeder eine Kerze und ein Liederbuch in die Hand gedrückt. Das Flutlicht wird bald erlöschen, das Stadion ertrinkt im Kerzenschein. Die Musik spielt auf. Torsten Eisenbeiser, der Erfinder vom Fanclub „Alt-Unioner“, sagt: „Süßer die Glocken nie klingen – als im heimischen Wohnzimmer“. Die Union-Familie wärmt sich aneinander in ihrer guten Stube. Schon einmal, bei der WM, wurden Sessel und Couches ins Stadion geschleppt und gemeinsam gejubelt oder gestöhnt. All das im Sinne der 1. Strophe der Hymne des Vereins: „Wir aus dem Osten gehn immer nach vorn, Schulter an Schulter für Eisern Union, hart sind die Zeiten und hart ist das Team – darum singen wir mit Eisern Union“.

Harte Zeiten waren schuld an der Erfindung des Weihnachtssingens: 2003 war es um den Verein nicht gut bestellt, 89 Mitglieder des Klubs der Alt-Unioner schlichen sich zur Verabschiedung eines trostlosen Jahres heimlich ins Stadion, stellten sich an den Mittelkreis auf den heiligen Rasen und sangen bei Kerzenschein ein paar Weihnachtslieder, hoffend, dass der Fußballgott im nächsten Jahr ein Einsehen und ein paar Tore für die Alte Försterei übrig haben würde.

Aus dem kleinen Fan-Treff wurde mittlerweile eine Massenbewegung, in der jeder Mensch voller Inbrunst singen kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Trainer und Mannschaft scheinen sich bewusst und bereit zu sein, ihren fußballgottgläubigen Fans bis zum Mai, dem Ende der Saison, die heimlichsten Wünsche zu erfüllen.

Ab 22.30 Uhr überträgt das Fernsehen live

Letztes Jahr war der Andrang so groß, dass nun Tickets gekauft werden müssen, sagt Köpenicks Pfarrer i. R. Peter Müller. Er, Unionfan und -mitglied, wurde 2004 gebeten, mit einer Weihnachtsgeschichte an Sinn und Ursprung des Festes zu erinnern, und so wurde er zum Mitglied der aktiven Helfer-Gemeinde. Dazu gehören der Chor des Emmy-Noether-Gymnasiums, ein Bläserchor und Pressesprecher Christian Arbeit an der Trompete, der mit seinen Eltern ein Bläsertrio bildet. Pfarrer Müller hatte seine Predigt für den Freitag (ab 19 Uhr) schon fertig, als ihn die schockierenden Ereignisse an der Gedächtniskirche zwangen, noch nachts an den Computer zu eilen, um seine Predigt zu aktualisieren.

Ab 22.30 kann man das im RBB erleben, eine halbe Stunde lang schickt das Fernsehen Unions Familienfest mit Kerzen und Glühwein in die Wohnzimmer. Original dauert das Programm mit Hymne 90 Minuten, wie ein Fußballspiel. Die Nachahmer sind nicht untätig. In Köln, Aachen, Stuttgart, München und Dresden singen die Fans um Weihnachten ganz andere Töne als sonst. Auch in Französisch-Buchholz, klein, aber fein. Nur nicht eisern. Dieses Copyright hat Union.

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