Berlin-Kreuzberg : "Ich dachte, die stechen sie nieder"

Eine junge Frau wird mitten in Kreuzberg gewaltsam in ein Auto gezerrt. Später erscheint sie mit Vater und zwei Brüdern bei der Polizei und sagt aus, es sei "nichts gewesen". Kein Einzelfall, sagen Streetworker. Aber es gibt Hilfsangebote.

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Die Ereignisse trugen sich in der Kreuzberger Bergmannstraße zu.
Die Ereignisse trugen sich in der Kreuzberger Bergmannstraße zu.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Peter R. (Name geändert) ist immer noch schockiert: „Das war brutale Freiheitsberaubung“, sagt der Kreuzberger: „Ich hoffe, dass sich jemand um die junge Frau kümmert.“ R. hat wie weitere Zeugen am Montagvormittag in der Bergmannstraße beobachtet, wie eine junge Frau zunächst von einem Mann offensichtlich verfolgt wurde und bei Passanten Hilfe suchte. Dabei soll sie gerufen haben „Die bringen mich um“ und „Bitte holen Sie die Polizei.“ Später kamen zwei weitere Männer hinzu. R. hat gesehen, wie sie die junge Frau mit – wie er sagt – „äußerster Brutalität“ aus dem Lkw zerrten, in dem sie Schutz gesucht hatte. „Ich dachte, die stechen sie nieder“, sagt R.: „Sie haben sie gewaltsam in ein Auto gesetzt und sind losgerast.“ Dabei hätten die Männer keine Rücksicht auf Passanten genommen, das Fahrrad einer Frau ging zu Bruch, verletzt wurde niemand, aber das, sagt R., sei reines Glück gewesen.

Etwas später war die junge Frau mit ihrem Vater und zwei Brüdern auf einer Polizeidienststelle erschienen und hatte ausgesagt, dass „nichts gewesen sei“ und die Zeugen sich geirrt hätten. Weil die 18-Jährige keine Anzeige erstattete, hatte es zunächst geheißen, es werde nur wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr ermittelt.

In Berlin fehlen Plätze in Frauenhäusern

Das sei nicht so, stellte am Mittwoch ein Polizeisprecher klar: „Wir ermitteln auch wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung.“ Der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, sagte dem Tagesspiegel: „Laut Legalitätsprinzip sind die Strafverfolgungsbehörden verpflichtet, ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen, wenn sie Kenntnis von einer Straftat erlangen.“ Der Geschädigte könne darüber nicht entscheiden - abgesehen von wenigen Ausnahmen, beispielsweise bei Beleidigung.

Es sei kein Einzelfall, dass Opfer aus Angst ihre Aussagen oder gar Anzeigen zurückziehen, sagt eine Streetworkerin, die für Gangway, den größte Träger von Straßensozialarbeit in Deutschland, arbeitet. Deshalb sei es so wichtig, dass genügend Plätze in Frauenhäusern zur Verfügung stünden, was aber in Berlin derzeit nicht der Fall sei.

Behörden prüfen, ob die Frau akut bedroht ist

Dass sich die Polizei mit Auskünften zum Vorfall in der Bergmannstraße nach der Aussage der 18-Jährigen zurück hält, hat zum einen mit Datenschutzbestimmungen zu tun. Zum anderen würden die Behörden sicher genau abwägen, ob die Frau akut bedroht ist und entsprechend handeln, sagt Rechtsanwalt Michael De Saavedra-Mai. Auch eine Mitarbeiterin von Papatya, einer anonymen Kriseneinrichtung für Mädchen und junge Frauen, die von zu Hause flüchten wollen und Angst haben, dass ihre Familien sie verfolgen und bedrohen, ist dieser Ansicht: „Die haben eine spezielle Abteilung für häusliche Gewalt, in solchen Fällen vermittelt sie den Betroffenen oft Hilfe beziehungsweise Informationen über Hilfsangebote.“

Viele haben Angst vor einem Ehrenmord

Papatya gibt es seit 30 Jahren, die Einrichtung hat in dieser Zeit in Berlin etwa 1800 Mädchen und jungen Frauen geholfen. „Nicht wenige laufen in Todesangst vor ihrer Familie davon, weil sie zwangsverheiratet werden sollen oder Angst vor einem Ehrenmord haben“, sagt die Papatya-Mitarbeiterin: „Wir bringen sie an sichere Orte, notfalls auch außerhalb von Berlin.“ Die jungen Frauen kämen oft aus Familien mit patriarchalischen Strukturen – ihre Väter oder Brüder würden in der jeweiligen Community verspottet, wenn sie „ihre Frauen nicht im Griff hätten“. Meistens betreffe das türkisch-kurdische oder arabische Familien. Um eine solche soll es sich auch in der Bergmannstraße gehandelt haben.

Hilfe gibt es rund um die Uhr in vielen Sprachen

Dass Gewalt gegen Frauen aber wenig mit regionaler oder sozialer Herkunft zu tun haben muss, weiß Claudia Schimmel. Sie ist stellvertretende Projektleiterin der Big-Hotline, die rund um die Uhr Hilfe bei häuslicher Gewalt anbietet. „Die Frau eines Professors in Zehlendorf kann heftiger verprügelt werden als die Mutter in einer Neuköllner Hartz-IV-Familie“, sagt sie. Nur dass in Neukölln die Nachbarn oft schneller die Polizei informieren würden als die Zehlendorfer Hausbesitzer. Und dass sich Gewalt dort meist eher im Verborgenen abspiele und nicht so öffentlich wie am Montag in der Bergmannstraße.