Berlin-Kreuzberg : Synanon verlässt die glitzernde Innenstadt

Für Drogenabhängige bot der Sitz mitten in der City, am Potsdamer Platz, zu viele Reize. Daher zieht die Selbsthilfe-Stiftung jetzt in ein altes Gut in Malchow.

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Kreuzberg, eine Seitenstraße. Nur ein paar Schritte sind es von hier zum Potsdamer und Leipziger Platz. Hier saß viele Jahre Synanon. Jetzt sind die Handwerker da - das Schild oben am Dach ist schon ab.
Kreuzberg, eine Seitenstraße. Nur ein paar Schritte sind es von hier zum Potsdamer und Leipziger Platz. Hier saß viele Jahre...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Klar, Berlin hat sich verändert. Doch kaum irgendwo wandelte sich die Stadt so stark wie am Potsdamer Platz. Wo einst Füchse an der Berliner Mauer durch hohes Gras streiften, ist ein lautes Viertel entstanden – mit Discos, Malls und Reisebustouren im Minutentakt.

Als Synanon, der bekannte Suchtselbsthilfeverein, 1987 sein Haus in der Bernburger Straße bezog, eine Fußminute vom Potsdamer Platz in Kreuzberger Richtung, war der Ort noch abgelegen und für eine Drogentherapie gut geeignet. Am Ende West-Berlins, im Schatten der Mauer, gab es damals wenig Verkehr und fast keine Partys. Nun wird am nahen Leipziger Platz bald Europas größtes Einkaufszentrum eröffnet. Problematischer ist, dass man am U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park bekommen kann, was immer man an Drogen möchte. Und so beschloss Synanon schon vor Jahren, an den Stadtrand zu ziehen. Man werde sich aus der „Rausch- und Glitzerwelt“ verabschieden, sagt Uwe Schriever, der für die Synanon-Stiftung den Umzug mitorganisiert. Man stelle sich vor, ein Süchtiger liege nachts allein im Bett und wisse, 100 Meter weiter bekommt er alles, um seinen Suchtdruck zu lindern.

Synanon hatte deshalb ein altes Herrenhaus im Lichtenberger Ortsteil Malchow gekauft. Dort soll die neue Zentrale entstehen, sollen die Betroffenen wohnen, Gärten und Tiere gepflegt und Werkstätten aufgebaut werden. Fast 120 Menschen mit Suchtproblemen haben in der Bernburger Straße gelebt, nun sind es noch 20, die meisten anderen wohnen schon auf dem großen Gut in Malchow. Mehrheitlich sind es Männer – Junkies, Trinker, Kokser, Kiffer. Viele Synanon-Bewohner arbeiten in einem der Betriebe des Vereins, etwa der Wäscherei, der Tischlerei oder beim Umzugsservice – bekannt durch die weißen Umzugslaster. Synanon gilt als harter Entzug, es wird Wert auf totale Abstinenz gelegt. Keine illegalen Drogen, kein Alkohol, kein Tabak – und auch kein Methadon, der Heroinersatz, von dem Kritiker sagen, er würde Süchtige bloß ruhighalten.

Im Haus am Potsdamer Platz werden nun 51 Wohnungen zum Kauf angeboten. Die Etagen des langjährigen Wohnheims sind zu Einzelwohnungen umgebaut worden, zwischen 45 und 250 Quadratmeter groß. Die Lage ist eine der zentralsten Berlins. Dennoch, sagt Sievers, gehe er nicht davon aus, alles umgehend zu verkaufen: „Was wir nicht verkaufen, vermieten wir, auch an ehemalige Bewohner.“ Der Wert der Immobilie in der Bernburger Straße sei zwar gestiegen, die nötigen Umbauten seien aber teuer. Schon um diese Kosten zu decken, müsse mit einer Miete von acht Euro kalt pro Quadratmeter gerechnet werden.