Berlin nach dem Anschlag : Eine Stadt bewahrt Fassung

Es geht so schnell: Ein Moment des Innehaltens nach dem Schrecken – schon macht Berlin, das so viel erlebt hat, einfach weiter. Und trotzt dem Terror.

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Stille Anteilnahme. Am Tag danach kamen viele Menschen an die Gedächtniskirche, legten Blumen nieder und stellten Kerzen auf zur Erinnerung an die Opfer.
Stille Anteilnahme. Am Tag danach kamen viele Menschen an die Gedächtniskirche, legten Blumen nieder und stellten Kerzen auf zur...Foto: imago

Innehalten. Stille. Wissen, dass dieses Berliner Weihnachtsfest anders sein wird als alle davor. Die abstrakte Erkenntnis, dass die Stadt wie jede andere Metropole des Westens im Fokus von Terroristen steht, eine Erkenntnis, die wir uns mit unrealistischen Hoffnungen vom Leib gehalten haben, ist konkreten Fakten gewichen: 19. Dezember 2016, 20 Uhr 02. Dazu dann doch wieder neue Unsicherheit: Drohen erneute Anschläge, warten da noch andere Terroristen darauf, möglichst viele Menschen mitzureißen in die Verblendung des Märtyrertods?

Es ist allerdings so: Sie haben sich die Falschen ausgesucht. Mit einem gewissen Zynismus ließe sich sogar sagen, dass die Stadt, unsere Stadt, ihre Stärke gerade an dieser Katastrophe zeigt, weiter zeigen muss und wird. Polizei, Feuerwehr, Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern und viele andere haben demonstriert, wie sich eine solche Großlage ohne Panik bewältigen lässt, haben auch bewiesen, dass das allfällige Klagen über Personalmangel, Geldknappheit und bürokratische Hindernisse jedenfalls nicht bedeutet, dass nicht im Ernstfall jeder auf seinem Posten steht und tut, was getan werden muss. Das zu wissen ist gut als Mittel gegen Angst und Verzweiflung angesichts der sicheren Tatsache, dass es, irgendwann, ein nächstes Mal geben wird.

Wenn aus Ignoranz selbstverständliche Gelassenheit wird

Wir Berliner, nun ja. Mancher mag seinen Tag danach nach der Parole gestrickt haben, die wir hier praktisch erfunden haben: „Mir doch ejal.“ Und was soll einem schon passieren, der sich von großen Menschenansammlungen fernhält, der sein Leben zwischen Bettdecke und Späti so unauffällig wie möglich gestaltet, der praktisch im Kiez versteckt bleibt? Doch wer so handelt, der tut im Grunde nichts anderes als das, wozu wir anderen, die aufgeschlossenen, empathischen Weltbürger, die wir sein wollen, uns nun halt einfach zwingen müssen: Weitermachen!

Es geht ja, manchmal sogar besser, persönlicher. Denn auch das ist Berlin am Morgen danach: Die sonst so mürrische Bäckerin herzt das Kleinkind eines Kunden ausführlich und sagt liebevolle Worte, die man von ihr nicht erwartet hätte. Beim Einkaufen wünscht die Verkäuferin am Schluss: „Eine entspannte Woche noch.“ Es könnte Ignoranz sein – aber wir hören es ganz selbstverständlich als liebenswerte Gelassenheit; schließlich kann der Rest der Woche auch kaum noch schlimmer werden.

Weihnachten kaputt machen lassen? Nicht mit uns!

In der Einkaufspassage sitzen fünf Kunden auf Massagestühlen und lassen den Tag ruhig angehen. Einer liest ein dickes Buch, ein anderer spielt ein Geduldsspiel auf dem Smartphone. Zwei Handwerker am Kaffeetisch nebenan unterhalten sich über ihren Auftrag an diesem Morgen, als sei nichts passiert. In jedem Laden wünschen sie einem an diesem Morgen „Fröhliche Weihnachten“ oder „Schöne Feiertage“, man hört es als wärmende Dreingabe, obwohl es auch einfach das Ritual der Woche vor dem Fest sein mag.

Der Nachbar, der einen sonst kaum anguckt, sagt im Vorbeigehen „Guten Morgen“. Und im Buchladen nebenan, der zu früher Stunde schon gut besucht ist, hat man ein Schaufenster mit Berlin-Büchern dekoriert. Eines mit Arbeiten einer Plakatkünstlerin fällt ins Auge, das dort zwar schon ein paar Tage präsentiert wird, aber erst jetzt ins Bewusstsein drängt: Sein Titel: „Hass ist krass. Liebe ist krasser.“

Es steckt ein enormes Beharrungsvermögen in dieser Stadt, die alte, bei den Eingeborenen schon nahezu genetisch verankerte Erfahrung, wie man weiterlebt in üblen Zeiten, Luftbrücke, Mauer, atomare Bedrohung – und dass es danach auch wieder besser geht, eine Weile, ein paar Jahrzehnte, wie auch immer. Weihnachten kaputt machen lassen? Nicht mit uns!

Zusammenhalt auf kleinen Bildschirmen

Wer den Vormittag danach in einer der endlosen Schlangen vor den Paketannahmestellen verbrachte, der hatte damit schon den Beweis, dass die familiären Beziehungen nicht leiden würden, es wurde gewartet und gegrummelt und vorgedrängelt wie immer. Alle irgendwie um kuschelige Nähe bemüht? Von wegen. Und auch das Klischee, dass in solchen Situationen die Menschen über eben diese Situationen reden, bewahrheitete sich einmal mehr eben nicht: Was gibt es da auch zu reden? Schrecklich? Ja, schrecklich. Heute erwarten wir die wichtigen Informationen ohnehin nicht mehr vom Taxifahrer oder Frisör, sondern aus den Handys, die scheinbar jeder in der Tasche hat.

Was kein Grund zum Kulturpessimismus ist. Schon am Abend der Katastrophe konnte, wer mochte, den Zusammenhalt von Freunden und Familien gerade auf diesen kleinen Bildschirmen fühlen, lesen. Die Telefone klingelten, sorgenvoll wurde nachgefragt aus aller Welt. Und die sozialen Netze, voran das vielgescholtene Facebook, verknüpften uns noch dichter mit unseren mehr oder weniger vertrauten Freunden. Die Seite „Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin“ hätte keinen unterkühlteren Titel tragen können, aber sie bot genau das Forum, das so viele brauchen, jeder Berliner Nutzer konnte sich als unbeschadet melden – und erfuhr vielfältige Resonanz.

Dass dann zwischen all diesen persönlichen und offiziellen Botschaften plötzlich eine Werbeanzeige aufploppte mit der Botschaft, wenn man auf den Weihnachtsmärkten nicht das richtige Geschenk gefunden habe, solle man doch einfach zu XY kommen – das tat weh. Aber dieser unbeabsichtigte Zynismus öffnete auch wieder den Blick auf eine Gesellschaft, die sich offen gibt auch im Moment der Trauer, und die damit das Gegenteil des geschlossenen religiösen Wahnsystems darstellt, dessen Attacken wir gegenwärtig weltweit ertragen müssen.

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