Berlin-Neukölln : Ein Kiezspaziergang mit dem Botschafter des Vatikans

Erzbischof Nikola Eterovic ist der Botschafter des Vatikans in Berlin. Er lebt in Neukölln und geht auch gern in der Nachbarschaft spazieren. Angst spürt er in der Stadt nicht.

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Erinnerung. Nuntius Nikola Eterovic geht gern am Gedenkstein für Johannes Paul II. vorbei. Foto: Agnieszka Budek
Erinnerung. Nuntius Nikola Eterovic geht gern am Gedenkstein für Johannes Paul II. vorbei.Foto: Agnieszka Budek

An der zweiten Station des Spaziergangs steht die Skulptur eines Heiligen. Dieser Heilige war einst Mentor des Apostolischen Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic. Direkt neben der größten katholischen Kirche Berlins, der St. Johannes Basilika in Neukölln, erinnert die Büste des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. an dessen Besuch in Berlin 1996. Der Nuntius liest laut die in den Gedenkstein gravierten Worte vor, die der Papst damals, spontan, wie er sagt, zu Helmut Kohl gesagt hat: „Herr Bundeskanzler,/ Das ist ein großer Augenblick/In meinem Leben./Ich stehe mit Ihnen/Am Brandenburger Tor,/Und das Tor ist offen./Die Mauer ist gefallen,/Berlin und Deutschland/Sind nicht mehr geteilt./ Und Polen ist frei.“

„Sehen Sie seinen fröhlichen, optimistischen Gesichtsausdruck“, sagt Eterovic und deutet auf die Büste.

Wie viel Johannes Paul II. zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen hat, wissen wohl wenige so gut wie er. Schließlich hat der gebürtige Kroate praktisch das ganze Pontifikat begleitet. Nach der Priesterweihe 1977 besuchte er die Päpstliche Diplomatenakademie in Rom, trat 1980 aktiv in den diplomatischen Dienst ein. Zunächst führte ihn sein Weg nach Afrika „meine erste große Liebe“. Als Johannes Paul II. 1996 seine große Messe im Olympiastadion zelebrierte, war Eterovic in Rom Kaplan seiner Heiligkeit und Päpstlicher Ehrenprälat.

Die Stille zieht ihn an

Aber davon erzählt er jetzt nichts. Auch die Frage, wie es ist, einen Heiligen so gut gekannt zu haben, beantwortet er zurückhaltend mit: „Das ist schön.“ Es zieht ihn in die Stille, vorbei am Denkmal für im Krieg gefallene Soldaten, auf den alten Garnisonsfriedhof am Columbiadamm. Offensichtlich berühren ihn die vielen verwitterten, teils grünlich verfärbten Grabsteine für die unbekannten im Weltkrieg gefallenen Männer. Nur wenige Steine tragen Namen. „Viele waren noch so jung“, wiederholt der Botschafter des Papstes immer wieder. „So eine große Tragödie.“

Er kommt gerne mal hierher, weil er die Stille liebt, die ja auch eine spirituelle Dimension hat. Und ein guter Ort zum Nachdenken ist es auch. „Es gibt nur ganz wenige Menschen hier“, sagt er mit erkennbarer Verwunderung in der Stimme. Dann lässt er den Blick in die Ferne schweifen, Richtung Südstern. „Die Leute leben so schnell.“ Keine Zeit für Friedhofsspaziergänge. Besucher erwartet er freilich am 2. November, wenn die katholische Kirche Allerseelen feiert. Er deutet auf das Kreuz über dem Friedhofseingang. Vielleicht bekämen die Muslime einen eigenen Eingang.

„Mitten im Leben unter ganz normalen Leuten"

Am Denkmal für die „Sorgende Frau“ bleibt er auch kurz stehen, blickt durch die Scheibe nach innen auf die Skulptur, die an all die Frauen erinnert, die Opfer von Gewaltherrschaft und Krieg geworden sind. Vorbei an der Apostolischen Nuntiatur in der Lilienthalstraße geht es dann zu dem schmalen Eingang in die Hasenheide. Er liebt die Lage der päpstlichen Botschaft auf der Grenze zwischen Neukölln, Kreuzberg, Tempelhof. „Mitten im Leben unter ganz normalen Leuten“, das findet er gut. Dann zeigt er auf einen mit Stuck und hellen Farben pittoresk restaurierten Altbau: „Ist der nicht schön geworden?“, fragt er mit nachbarschaftlichem Stolz. An seinem Namenstag, dem Nikolaustag, lädt er schon mal andere Priester und Ordensleute in die Nuntiatur. Den Nationalfeiertag, den andere Botschafter mit ihren Kollegen zelebrieren, feiert er am Tag der Papstwahl.

Ein Spaziergang durch die Natur, hilft ihm zur Ruhe zu kommen

Wenn er spazieren geht, dann gern nach dem Mittagessen. Er schwimmt auch gern, aber dazu hat er in Berlin keine Zeit. Das macht er daheim in Kroatien, wenn er im Sommer seine beiden Geschwister besucht. Viel ist er auch im Land auf Reisen unterwegs. Zeitmangel ist sein größtes Problem. Schließlich ist er Doyen des Diplomatischen Corps, das bedeutet, dass jeder Botschafter, der nach Berlin entsandt wird, bei ihm einen Antritts- und einen Abschiedsbesuch machen muss. Er findet es gut, zwischendurch mal bei ein paar Schritten durch die Natur von den Sorgen und Problemen und Dokumenten wegzukommen.

Den Blick für die kleinen Freuden am Wegesrand verliert er darüber nicht. „Das ist schön für die Kinder“, deutet er auf einen Streichelzoo. Beim Anblick der Minigolfbahn schüttelt er bedauernd den Kopf. „Keine Zeit.“ Am Denkmal für die Trümmerfrauen bleibt er eine Weile stehen. Umrahmt von weißen Blumen, hält die steinerne Frau einen Hammer in der Hand. Für ihn ist das ein Symbol für die deutsche Geschichte, für die großartige Rolle, die nach dem Krieg die Frauen gespielt haben.

Er hat reichlich Geschichte erlebt

Geschichte hat er selber reichlich erlebt. Seit 1999 ist er Titularerzbischof von Sisak. Zeitgleich begann sein Einsatz als Nuntius in der Ukraine. Er ist in vielen Kongregationen und hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter auch eines auf Deutsch mit Vorschlägen für die weitere Entwicklung der Synode der Bischöfe. Trotz seiner vielfältigen diplomatischen Missionen hat er immer darauf geachtet, auch pastoral tätig zu sein. In Berlin hat er auch schon Jugendliche gefirmt, wenn Kenntnisse in einer der neun Sprachen gefragt waren, die er spricht.

Angst hat er keine

Angst vor Drogendealern hat er beim Spaziergang nicht. Nachts geht er allerdings nicht hier lang. Auf der Straße ist es erst mal vorbei mit der Stille. Wenn er mal etwas Persönliches einkaufen muss, zieht es ihn meist in das große Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz. Da kommt man gut zu Fuß hin, und er ist nicht der Typ, der sich überall vorfahren lässt. Der Markt auf dem Hermannplatz gefällt ihm auch. Solche Märkte gibt es auch in Kroatien, auch in Rom, eigentlich überall auf der Welt. An der Skulptur des „Tanzenden Paares“ mitten auf dem Platz bleibt er wieder stehen. Die gefällt ihm, weil sie Lebensfreude ausdrückt und Gemeinschaft.

Engel statt Bodyguards

Zurück zum Südstern führt der Weg über die Straße. Er geht gern mal italienisch essen, deutet auf ein Restaurant mit Vorgarten. „Man soll ja keine Reklame machen.“ Am Ende zieht es ihn auf einen Espresso ins Eiscafé Delfin mit dem hübschen Wintergarten und sonnigen Draußen-Plätzen. Er deutet auf die große protestantische Kirche. Mit den anderen christlichen Konfessionen pflegt er gute Kontakte, auch mit den Muslimen ringsum. Er ist glücklich, dass er sich vergleichsweise frei bewegen kann. Bodyguards, wie beispielsweise die Botschafter der USA oder Israels, braucht er nicht und erklärt mit einem Lächeln, warum das so ist: „Ich habe Engel.“

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