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Berlin-Neukölln : Hunderte Menschen gedenken des ermordeten Burak Bektas

Ein Jahr ist es her, als Burak Bektas in der Nacht zu Gründonnerstag an einem Lungendurchschuss starb. Noch immer fehlt von den Tätern oder dem Motiv jede Spur - nun wurde seiner mit einer Gedenkveranstaltung gedacht.

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Der Mord an Burak Bektas ist auch nach einem Jahr einer der rätselhaftesten Kriminalfälle Berlins.
Der Mord an Burak Bektas ist auch nach einem Jahr einer der rätselhaftesten Kriminalfälle Berlins.Foto: dpa

Normalerweise brausen die Autos über den Columbiadamm, großstädtische Geschäftigkeit. Doch an diesem Sonnabend haben sich etwa 250 Menschen vor der Sehitlik-Moschee eingefunden, sie gedenken Burak Bektas. Um 14 Uhr beginnt ihre Demonstration mit einer Schweigeminute. In die Stille erhebt sich dann eine Stimme, die Eltern und Geschwister des Ermordeten werden begrüßt. Der Zug läuft los, bedächtig. Vorm Rathaus Neukölln dann verkünden Sprechchöre den Wunsch nach Klarheit: „Findet den Mörder!“ skandieren viele.

Dort gibt es Reden und eine Kundgebung, auch später nochmal am Hermannplatz – eine Verarbeitung des Geschehenen und ein Appell an die Behörden, weiter und noch intensiver zu suchen. Dass die Polizei „in alle Richtungen ermittelt“, wie sie öffentlich immer sagt, ist vielen der Betroffenen hier zu wenig. Sie wollen Aufklärung, Klarheit, immer wieder ist der Appell zu hören, dass noch mehr in Neonazikreisen ermittelt werden solle.

Gedenken nach Mord in Buckow
13. April 2012: Tag der Beerdigung in NeuköllnWeitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: dpa
13.04.2012 07:4413. April 2012: Tag der Beerdigung in Neukölln

Burak Bektas war in der Nacht zu Gründonnerstag vor einem Jahr von einem unbekannten Täter an der Rudower Straße in Buckow erschossen worden. Dieser hatte auf eine Gruppe junger Männer an der Bushaltestelle gefeuert, zwei lebensgefährlich verletzt, der 22-Jährige Buckower Bektas erliegt seinem Lungendurchschuss im Vivantes-Klinikum Neukölln, das dem Tatort gegenüber liegt.

Der Schütze verschwindet durch den Möwenweg, eine kleine Seitenstraße – im Nichts. Die Polizei weiß kaum etwas über ihn. Auf der Fahndungsseite wird er so beschrieben: „männlich, 170 - 180 cm groß, 40 - 60 Jahre alt, bekleidet mit einer dunklen, eventuell zweifarbigen Jacke, Basecap oder Kapuze tragend“. Das dürfte auf – geschätzt – hunderttausende Berliner passen. Die Staatsanwaltschaft hat 15 000 Euro Belohnung ausgesetzt.

„Findet den Mörder!“, rufen auch Buraks Eltern und Geschwister. Freunde, Verwandten, Kollegen laufen mit und viele Berliner aus Solidarität. Demonstranten haben Fotos von Bektas an ihre Jacken geheftet, Freunde von ihm hatten diese vorher verteilt. „Sie waren doch erst um die Zwanzig, sie wollten leben“, heißt es immer wieder. Einige Menschen tragen Plakate, auf einem Banner steht: „Zum Gedenken an Burak - Rassismus wieder das Motiv?“. Andere Transparente prangern ein mögliches Versagen der Polizei an.

Aufgerufen zu dem Gedenkprotest hatte die „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B.“. Zu ihr haben sich unter anderem Freund und Familie, Antifa-Gruppen und die Beratungsstelle ReachOut zusammengeschlossen; die Gedenkdemo unterstützen auch Sportler von Türkiyemspor. Der Zug hält sogar zwischendurch an, als türkische Medien ihre Mikrofone in die Menge reichen, die Eltern von Burak Bektas interviewen.

Die Menschen laufen dann weiter über den in westlicher Richtung gesperrten Columbiadamm die Flughafenstraße herunter bis zum Rathaus Neukölln. Mehr als 300 Personen sind jetzt dabei. Ein Aspekt, von dem übers Mikro berichtet wird, ist neu: Am Abend vor dem Mord habe es in Gropiusstadt einen antifaschistischen Abend geben. Teilnehmer wollen dort Neonazis gesehen haben, die die Veranstaltung beobachtet haben sollen. In Richtung der Polizisten, die sich sehr im Hintergrund halten, geht die Frage, ob dies bekannt sei – und ob in diese Richtung ermittelt werde. Ob und wie diese Beobachtung mit der Tat zu tun hat, kann aber noch niemand sagen.

Ungelöste Kriminalfälle
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1 von 17Foto: André Görke
05.03.2013 16:05Rätselhafter Kriminalfall (5):Das Phantom im Kamouflage-Kampfanzug hatte es 2011 auf die Familie eines Unternehmers und...

Der Mord an Burak Bektas ist auch nach einem Jahr einer der rätselhaftesten Kriminalfälle Berlins. Denn das Motiv ist völlig offen, die Hinweise zu dem Täter mehr als vage, der in der Nacht zum 5. April 2012 um 1.15 Uhr auf die herumalbernden jungen Leute feuert. Der 16-jährige Alexander A. russischer Herkunft und der 17-jährige arabischstämmige Markus Jamal A. werden lebensgefährlich verletzt. Zwei 20- und 21-Jährige werden nicht getroffen. Der Unbekannte soll bis auf wenige Meter herangekommen sein. Er habe kein Wort gesagt und einfach losgefeuert.

Die Tat geschah einige Monate nach der Aufdeckung der rechtsterroristischen Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Mit dem für politische Delikte zuständigen Staatsschutz hat die Mordkommission, wie jetzt bekannt wurde, bereits die durch rechtsextreme Taten aufgefallenen Männer aus der Region überprüft – ohne Ergebnis. Bei Reachout, der „Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt“, ist man beim Motiv wenig vorsichtig: „Solange nicht der Gegenbeweis erbracht ist, gehen wir von einer rassistischen Tat aus“, sagte Sabine Seyb von Reachout durchs Mikro. Die Familie des Opfers teilt dagegen auf einer Internetseite mit: „Wir behaupten nicht, dass es sich bei dem Mord um einen rassistischen Akt handelt.“

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