Berlin-Schöneberg : Plattenladen Mr Dead & Mrs Free schließt nach 35 Jahren

Eine echte Institution in Berlin, am Nollendorfplatz, macht dicht. Es reiche ihnen, sagen die Inhaber des Schöneberger Plattenladens Mr Dead & Mrs Free.

Volker Quante und Katharina Winkels kamen mit Anfang, Mitte 20 aus Bochum nach Berlin.
Volker Quante und Katharina Winkels kamen mit Anfang, Mitte 20 aus Bochum nach Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Die Tür geht auf und ein älterer Herr mit weißen Haaren betritt den Laden. Er steuert ein Regalfach an, über dem „Neuzugänge“ steht. „Das ist Joe“, sagt Katharina Winkels, die hinter dem Verkaufstresen ihres Plattenladens Mr Dead & Mrs Free steht. „Joe kommt schon, seit es uns gibt, seit 35 Jahren. Jeden Montagnachmittag ist er hier. Er kauft nie Platten von Sängern, sondern nur von Sängerinnen.“

Joe wird ab Februar nächsten Jahres woanders seiner speziellen Sammelleidenschaft nachgehen müssen. Mr Dead & Mrs Free, eine echte Plattenladeninstitution in Berlin, nahes des Nollendorfplatzes in der Bülowstraße 5 in Schöneberg gelegen, wird dann nach dreieinhalb Jahrzehnten die Pforten für immer schließen.

35 Jahre ist für einen Plattenladen ein biblisches Alter. Als Katharina Winkels und Volker Quante ihren Laden eröffneten, sprach noch niemand von CDs, geschweige denn vom Internet. Grunge und Eurodance kamen und gingen, die MP3 wurde erfunden, David Bowie begraben und über all die Jahre hinweg wurden bei Mr Dead & Mrs Free Schallplatten verkauft – eine Zeit lang auch CDs, weil das in den Neunzigern nun mal gar nicht anders ging.

Warum ausgerechnet jetzt?

Warum aber macht ausgerechnet jetzt, da andauernd vom Vinyl-Revival die Rede ist, und in Berlin seit einer Weile ein Plattenladen nach dem anderen neu eröffnet, dieser Dinosaurier des Berliner Schallplattenfachhandels einfach dicht? Jedenfalls nicht, weil über Nacht die Miete für den Laden drastisch erhöht wurde und auch nicht, weil das Geschäft trotz Plattenladen-Booms nicht mehr läuft. Sondern einfach, weil es den Betreibern jetzt reicht. 35 Jahre Platten bestellen, sortieren und verkaufen, 35 Jahre lang über Musik fachsimpeln und Kunden wie Joe glücklich machen, ist einfach genug.

„Ich möchte mehr im Bereich Heiltherapie arbeiten, wozu ich bislang nur nebenbei komme“, sagt die 55-jährige Katharina Winkels, die in den neunziger Jahren eine ganze Weile raus war aus dem Geschäft, weil sie in der Zeit drei Kinder bekommen und Medizin studiert hat. Volker Quante dagegen, fünf Jahre älter als seine Geschäftspartnerin, weiß noch nicht so genau, was er nach seiner Zeit im Plattenladen machen will. „Für die Rente fühle ich mich jedenfalls noch zu jung“, sagt er.

Mr Dead & Mrs Free wird fehlen

Es wird etwas fehlen in Schöneberg, wenn es Mr Dead & Mrs Free nicht mehr gibt. Zumindest den ganzen Vinyl-Narren wie Joe. Ein Second-Hand-Plattenladen wird die Räumlichkeiten beziehen, immerhin, aber das wird anders sein als bei Mr Dead & Mrs Free, wo immer die möglichst geschmackvollsten Neuheiten in den Regalen standen. Und Katharina Winkels und Volker Quante werden fehlen: Die beiden sind ein traumhaft eingespieltes Team, das merkt man gleich. Die beiden sind Jugendfreunde, kennen sich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit in Bochum, waren dort sogar eine Weile lang ein echtes Paar, bevor sie nach Berlin gezogen sind. Gemeinsam haben sie einen ähnlich gelagerten Musikgeschmack entwickelt und über all die Jahre hinweg die hohe Kunst der Plattenladenfachberatung perfektioniert.

Wenn man mit den beiden über ein Album fachsimpelt, das gerade im Laden zu hören ist – etwa das Comebackalbum der 78-jährigen Soul-Sängerin Mavis Staples – werfen sich die beiden erst die Bälle zu und integrieren den Besucher dann in ihr Gespräch darüber, ob der Produzent Jeff Tweedy überschätzt wird oder eher nicht. Sie sind übrigens längst nicht immer der gleichen Meinung.

Die Begeisterung von früher fehlt

Vor Kurzem haben sie begonnen, auch Teile ihrer privaten Sammlungen im Laden zu verkaufen. Platten, die ihnen einst viel bedeutet und die sie gerne ihren Kunden empfohlen haben, damals, vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Da werden alte Erinnerungen wach. Katharina Winkels kramt ein altes Foto hervor, das sie als 20-Jährige mit Stachelfrisur im ersten Jahr von Mr Dead & Mrs Free zeigt. In Berlin war New Wave angesagt und es gab für sie nichts Cooleres, als in dieser Stadt Platten mit aufregender Musik zu verkaufen.

Doch die Begeisterung, die man auf dem Foto erahnen kann, die fehlt jetzt, auch ihrem Partner. „Ich bin inzwischen viel zu selten von neuen Platten wirklich überzeugt“, sagt Volker Quante. Ohne die nötige Leidenschaft für neue Musik habe er zunehmend das Gefühl, im Laden schleppe „sich alles ein wenig“. Katharina Winkels erzählt, dass sie außerdem in den letzten Jahren immer konsumkritischer geworden sei. „Und irgendwann habe ich auch das Sammeln von Platten infrage gestellt, das Ansammeln von Scheiß. Dieses Hinterfragen hat sich dann immer weniger mit dem gedeckt, was ich da den ganzen Tag im Laden mache.“ Ihr Geschäftspartner könne sich noch nicht vorstellen, sich von all seinen privaten Platten zu trennen, sie schon.

Vinyl ist zum Fetisch verkommen

Was ihr auch gehörig gegen den Strich gehe, erklärt Winkels, sei ausgerechnet der Vinyl-Hype, der zuletzt auch bei Mr Dead & Mrs Free wieder für höhere Umsätze gesorgt hat. Für die neue Generation von Plattensammlern sei Vinyl ein mit viel zu viel Bedeutung aufgeladenes Objekt, eher Fetisch denn Transportmittel für die eigene Lieblingsmusik. „Neulich habe ich die Visitenkarte von jemandem in die Hand bekommen“, sagt sie, „auf der stand: Yogalehrer, Veganer und Vinyl-Fan. Da ist mir beinahe schlecht geworden.“

Und dann gibt es noch die Geschichte von einem Kunden, der in ihren Laden kam und meinte, er habe nachgewogen: Zehn Gramm würden bei seiner 180-Gramm-Schallplattenpressung fehlen. „Dem habe ich dann gesagt: Kann schon sein, ich habe hier nämlich eine Vinyl-Feile, mit der ich den ganzen Tag das Vinyl wegfeile.“

Bald wird es auch wieder die beliebte Jahresbestenliste im Mr Dead & Mrs Free geben. Katharina Winkels hat sie gerade verfasst und wird sie bald, zum allerletzten Mal, im Plattenladen aushängen.

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