Berlin-Schöneweide : Pläne für Wohnungen bedrohen Handwerk und Start-ups

Einst war in Schöneweide die Industrie zu Hause, heute das Handwerk. Nun sollen Wohnungen gebaut werden. Der Bezirk drückt das Projekt gegen den Rat von Experten durch – mithilfe von Ex-Senator Strieder.

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Power von der Spree.Wo einst Nachtflohmärkte in Industriehallen lockten, wollen bald Mieter und Wohnungsbesitzer ihre Ruhe.
Power von der Spree.Wo einst Nachtflohmärkte in Industriehallen lockten, wollen bald Mieter und Wohnungsbesitzer ihre Ruhe.Foto: picture-alliance/ dpa

Wohnungen bauen in Berlin, das rechnet sich für Investoren – deshalb entstehen auf Brachen, Lücken und an allen erdenklichen Orten der Stadt Neubauten. Und weil die Bauflächen im Zentrum ausgehen, erfasst der Boom auch eher entlegene Gebiete, wo Firmen früher Produktionshallen und Verwaltungsbauten hinstellten. Schöneweide, Geburtsort der Berliner Elektroindustrie und Sitz von AEG, Fernseh- und Kabel-Herstellern, ist so ein Ort. Dort bedrohen Pläne für den Neubau von Wohnungen bestehende Firmen und zugezogene Start-ups, die zuvor schon aus der Innenstadt verdrängt wurden. Das gefährdet Arbeitsplätze – trotzdem lässt der Bezirk es geschehen.

Eine ziemlich einsame Entscheidung, denn fast alle Experten lehnen die Pläne für den Wohnungsbau ab: das „Regionalmanagement“ des Bezirksamtes, zuständig für die Entwicklung des Gebietes, erläuterte in einer langen Stellungnahme sein Nein zu den geplanten Wohnungen. Der „Unternehmerkreis Schöneweide“, ein Bündnis von Geschäftsleuten, die den Stadtteil voranbringen, bat den Bezirksbürgermeister in einem Brief darum, das Projekt zu stoppen. Die Industrie- und Handelskammer des Landes schaltete sich auch ein, lehnt den Bebauungsplan ab. Und wer bei Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer anfragt, erfährt von deren Bedenken.

Längst kursieren Gerüchte

Doch der vielfache Rat der Fachleute stößt auf taube Ohren bei Bezirkschef Oliver Igel (SPD). Längst kursieren Gerüchte, wonach das mächtige Berliner SPD-Netzwerk bei Genosse Igel die einsame Entscheidung vorantrieb. Der irische Bauherr „Toruro“, Teil eines verschachtelten Imperiums mit zeitweilig mehreren Dutzend Ablegern, soll einen der erfahrensten Strippenzieher Berlins angeheuert haben: den früheren Bausenator und SPD-Granden Peter Strieder.

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Nacht an der Schleuse Neukölln. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Berliner Nachtfotos an leserbilder@tagesspiegel.de! - Foto: Gerald Kleine WördemannWeitere Bilder anzeigen
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Die Frage, ob er die Toruro vertrete und ein gutes Wort für deren Wohnungsbaupläne mitten in der Industriestadt bei Igel einlegte, beantwortet Strieder so: „Ich bin an der Entwicklung des Bebauungsplans für die Rathenauhallen beteiligt.“ Und Strieder führt weiter aus: „Zahlreiche Projektsitzungen mit den politisch Verantwortlichen und ihren Mitarbeiterinnen“ hätten stattgefunden. Und weiter: „Was soll eigentlich besonders daran sein, dass man sich in einer stark wachsenden Stadt mit knappem Wohnraum eben genau für diesen Wohnungsbau engagiert?“

„Wohnungen in einem Industriegebiet zu bauen, gefährdet Arbeitsplätze“

Igel bestätigt die Gespräche mit Strieder, behauptet aber: „Glücklich konnte ich ihn deshalb noch lange nicht machen“ – die Investoren hätten noch mehr Wohnungen bauen wollen als auf dem einen Viertel der Fläche, wie es der Bebauungsplan vorsieht. Setzte sich auch Berlins SPD-Chef Jan Stöß, der auf einer der öffentlichen Veranstaltungen zur Zukunft der Rathenau-Hallen gesichtet wurde, bei Igel für Toruros Pläne ein? Mit Stöß habe er nicht gesprochen, sagt Igel, ähnlich äußert sich auch Stöß.

„Wohnungen in einem Industriegebiet zu bauen, gefährdet Arbeitsplätze“, sagt Nicole Ludwig von den Grünen. Dass die künftigen Nutzer der Wohnungen friedlich mit dem Lärm und Getriebe der 70 Handwerksbetriebe, Tischler, Metallbauer, Autowerkstätten und 170 Künstler in den Rathenau-Hallen (die auch schon mal einen Nacht-Flohmarkt veranstalten) zusammenleben, wie Igel es glaubt, hält sie für unwahrscheinlich.

Wer für teures Geld eine der Wohnungen mit Blick auf die Spree mietet oder kauft, wird Lärm und Verkehr nicht hinnehmen wollen, befürchtet Ludwig. Vor Gericht seien Wirtschaftsunternehmen chancenlos: In solchen Fällen habe meist das Ruhebedürfnis von Anliegern Vorrang, egal ob der Lärm von Sportlern, Kneipen, Veranstaltungen oder produzierenden Unternehmen stammt. „Dieser erste Neubau ist der erste Schritt zur Umwandlung des ganzen Quartiers in ein Wohngebiet“, sagt sie voraus.

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