Berlin-Sonderausgabe : Warum "Die Welt" Berlin nicht verstanden hat

Die Tageszeitung "Die Welt" hat der Stadt Berlin eine Sonderausgabe gewidmet - aber den zentralen Einfluss von Migranten ignoriert. Ein Kommentar.

Cigdem Toprak
Die deutsch-türkische Journalistin Cigdem Toprak.
Die deutsch-türkische Journalistin Cigdem Toprak.Foto: Promo

Wenn in einer Bestandsaufnahme über Berlin in einer der größten deutschen Tageszeitungen, "Die Welt", dem Einfluss der Migranten auf die Identität der Stadt keiner Beachtung gewürdigt wird, dann ist das nicht diskriminierend, sondern ignorant. Diese Ignoranz ist geprägt von der Vorstellung einer dominanten Kultur und ihrer Deutungshoheit über das, was die Identität unserer deutschen Metropole ausmachen soll.

Es zeigt aber auch, dass nicht verstanden wurde, was die attraktiven Metropolen der Welt und damit eine „Weltstadt“ wirklich ausmacht. Die Jugend der Welt kommt zwar zum Feiern nach Berlin, wie im Artikel festgestellt wird, aber nicht nur – sondern allen voran, um die kulturelle Vielfalt der Stadt einzuatmen, und bei Gesprächen in Cafés, Restaurants und Bars in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln mit anderen Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und Religion auszuatmen.

Niemals könnte es Berlin mit den Metropolen London, New York und Paris aufnehmen, wenn die Stadt nicht immens von den kulturellen Einflüssen der Migranten geprägt wäre. Freunde aus London und Istanbul sprechen von der gelebten Vielfalt und auch den gespürten Spannungen dieser Vielfalt.

Es ist nicht nur die deutsch-deutsche Geschichte, die sie anzieht - sondern auch die deutsch-migrantische Geschichte, die deutsche Zeitgeschichte ist. Hier wird eine Form eines „cultural appropriation“ in Deutschland deutlich, in dem man sich der kulturellen und ethnischen Lebensarten „anderer“ zu eigen macht, aber nach außen hin nur den Döner und die Falafel konsumiert und lobt, während man den kulturellen Einfluss der Migration auf ihre eigene dominante Kultur verleugnet. Gerade die Gastfreundschaft, die lässige Lebensweise und die ausgeprägte Esskultur der orientalischen Migranten haben sich mit den deutschen Tugenden wie Bodenständigkeit und Fleiß verschmolzen und aus Berlin eine coole und aufstrebende Hauptstadt gemacht.

Wer das Versagen der Integration nicht erwähnt, lebt in einer Blase

Gewiss, Deutschland und insbesondere Berlin stehen noch immer vor immensen Herausforderungen, was die Integration von Einwanderern betrifft. Daran sind nicht nur und nicht immer die Politik und die Mehrheitsgesellschaft schuld. Aber über Berlins Versagen zu sprechen, über die gescheiterte Eröffnung des Berliner Flughafens, aber gleichzeitig nicht das Versagen der Integration zu erwähnen, zeigt auch, dass man hier in einer Blase lebt, nicht in Berlin.

Denn wer in Neukölln oder noch in Kreuzberg abhängt, sieht und spürt, dass Menschen an ihren eigenen Hindernissen verelenden. Sie sprechen kaum die Sprache, Töchter und Schwestern dürfen nur im Umkreis ihres eigenen Kiezes verkehren – junge Menschen, die in Kreuzberg geboren und aufgewachsen sind, waren noch nie am Rosenthaler Platz oder am Checkpoint Charlie.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Von Diversität zu sprechen ohne über die Diversität zu sprechen, ist ein gekonntes Geschick jener politischen und sozialen Eliten, die in diesem Fall Berlin reterritorialisieren, indem sie ihr ein „neudeutsches“ Label aufdrücken und dabei wieder mit einem neuen, diesmal „kosmopolitischen“ Konzept das stets „junge Berlin“ vermarkten. Wie der Stadtforscher Stefan Lanz deutlich macht, versuchten bereits die Nazis Berlin als eine globale Stadt zu vermarkten: der offizielle Stadtführer „Das neue Berlin“ zeigte eine „junge, saubere, großzügige Stadt, voll von joie de vivre“ - die aber als national-homogen definiert wurde.

Zu Dichtern und Denkern gehören auch die alten türkischen Linken

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Einwanderung der Gastarbeiter vorwiegend aus der Türkei sollte Berlin fortan als „multikulturell“ gelten, wobei der Ausländer toleriert, aber als „das Andere“ gekennzeichnet wurde. Als dies scheiterte, versucht man nun Berlin als kosmopolitisch und vielfältig zu brandmarken, indem die unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen als selbstverständlich betrachtet werden. Eine schöne Idee. Nur ist auch dieses Projekt nicht mehr als ein Dispositiv, und keine, wie der Artikel aufzeigt, weltoffene und deliberative Haltung gegenüber Menschen und Lebensweisen aus fremden Ländern.

Wenn davon gesprochen wird, dass Berlin heute „wieder ein Zentrum der Dichter und Denker“ sei, dann sind es nicht nur unsere politischen Eliten, die wie heute überall auf der Welt üblich, mit kulturellen Programmen ihre Politik und Ideen durchsetzen möchten, sondern beispielsweise auch die alten türkischen Linken im Café Kotti über „Kreuzberg Merkezi“, die traumatisiert vom Militärputsch in der Türkei, sich mit einer Zigarette und schwarzem Tee ihre Schmerzen von der Seele sprechen. Die Exil-Musiker Metin und Kemal Kahraman, aus dem anatolisch-alevitischen Provinz Tunceli haben ihre politische und kulturelle Identität erst in Berlin wiedergefunden.

Selbst David Bowie, der die scheinbar unbegrenzte Toleranz und Freiheit in Berlin schätzte, ist in Brixton geboren – dem Londoner Neukölln, in dem die vorwiegend afrikanisch-karibische Subkultur nun Zulauf von jener britischen intellektuellen Elite findet, die neben ihr, statt mit ihr leben will. Und diese gleich Elite will nicht nur nicht nur Brixton – auch gerechterweise – für sich beanspruchen, sondern will den Stadtteil auch erst dann als "cool" akzeptieren, wenn man einen "weißen" Briten zwischen den pakistanischen Metzgern joggen sieht.

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