Berlin-Treptow-Köpenick : 100-jährige Kastanie: Es war Mord

In Berlin-Friedrichshagen sollte ein Baum gefällt werden, um einer Haltestelle zu weichen. Anwohner wehrten sich. Dann kam es zum Frevel.

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Der Baum ist tot. Ganz Friedrichshagen sucht den Kastanien-Mörder.
Der Baum ist tot. Ganz Friedrichshagen sucht den Kastanien-Mörder.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Kastanie ist nur noch ein Stamm mit zwei Stümpfen dran. Seit rund 100 Jahren schmückte der prächtige Baum den Eingang zur Flaniermeile Bölschestraße in Friedrichshagen, trotzte Krieg und Stürmen. Jetzt ist nur noch ein trauriges Baumskelett übrig, von Pilz befallen, von Bauarbeiten bedroht.

Eine Bürgerinitiative und die Naturfreunde hatten vor ein paar Wochen gegen die vom Bezirksamt angeordnete Fällung der Kastanie geklagt und in einem Eilverfahren vorläufigen Rechtsschutz erstritten. Der alte Baum durfte weiterleben, solange in der Hauptsache des Rechtsstreits nicht entschieden ist.

Der Täter ist flüchtig

Doch dann bemerkte ein Baumgutachter bei einer Prüfung, dass jemand den Baum stranguliert hatte. Eine starke „Haltewurzel“, offengelegt durch einen Bauschacht, war durchtrennt worden. Nicht zersägt, sondern mit einem Stahlseil durchtrennt, sagt Corinna Ludwig, die Sprecherin der Bürgerinitiative. „Das ging ganz geräuschlos, es gab nicht mal Sägespäne“.

Das Bezirksamt erstattete Anzeige gegen Unbekannt und ordnete eine Sofortmaßnahme an: radikaler Beschnitt der Baumkrone. Jetzt ist der Baum nur noch ein Torso.

Waren Fällungen geplant?

Die Bölschestraße wird derzeit komplett umgebaut, die BVG erneuert die Tramschienen, die Wasserbetriebe Regenwasserabläufe und Kanalschächte. Dass mehr als 16 Bäume den Arbeiten zum Opfer fallen sollten, wurde erst nach Beginn der Arbeiten im Februar bekannt. Sofort kam es zu Protesten. „Im Planfeststellungsverfahren waren keine Baumfällungen vorgesehen“, sagt Ludwig.

Das Bezirksamt habe die Fällungen eigenhändig genehmigt, allerdings nur einen pauschalen Grund genannt: den Bau neuer Leitungsmasten für die Tram. Zumindest im Fall der Kastanie sei diese Begründung falsch gewesen, hier sei es um den Bau einer neuen Haltestelle gegangen. Vor Gericht argumentierten die Anwohner, die Haltestelle könne gebaut werden, ohne die Kastanie zu fällen – bei gutem Willen und geringen Planänderungen.

In alter Pracht. Hier zierte die Kastanie noch die Bölschestraße.
In alter Pracht. Hier zierte die Kastanie noch die Bölschestraße.Foto: Tsp

Nun wird in Friedrichshagen wild spekuliert, wer den Baumfrevel begangen haben könnte. Letztlich spielt die Umweltsünde den Bauherren in die Hände, denn jede Umplanung hätte das Vorhaben verzögert und verteuert.

Denkbar ist allerdings auch, dass die alte Kastanie, laut Bezirksamt „im fortgeschrittenen Stadium“ an der Weißfäule erkrankt, ohnehin nicht mehr viele Jahre überlebt hätte.

Dann wäre die Haltestellen-Planung baumgerecht verändert worden – allerdings der Baum entfallen. Die radikal gekappte Kastanie hat zumindest den Orkan Xavier ohne weitere Schäden überstanden.

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