Berlin-Wilmersdorf : Der "Noon Song" feiert sein Jubiläum

Das Chorensemble "Sirventes Berlin" feiert seinen 400. Auftritt in der Kirche am Hohenzollernplatz. Jeden Sonnabend füllt der "Noon Song" die Bänke.

Corinna Cerruti
Die bunten Lichter kreieren eine besondere Stimmung während des Noon Songs
Die bunten Lichter kreieren eine besondere Stimmung während des Noon SongsFoto: Ekko von Schwichow

Wer sich an den Film „Sister Act“ erinnert, weiß, dass ein Gottesdienst nicht einschläfernd sein muss. Zwar tritt Whoopi Goldberg nicht als forsche Nonne am Hohenzollernplatz auf, gut gefüllt sind die Bankreihen der dort ansässigen Gemeinde trotzdem. Und zwar immer sonnabends. Der Grund dafür: Der Noon Song, also das Mittagslied – ein gesungener Gottesdienst ohne Predigt, aber mit Lesung.

Seit 2008 tritt das Chorensemble Sirventes Berlin mit dem Dirigenten Stefan Schuck jede Woche in Wilmersdorf auf. Ihr Repertoire umfasst geistliche Chorwerke von der Renaissance bis zur Gegenwart. „Im 15. und 16. Jahrhundert war diese Art des Gottesdienstes Standard“, erzählt Schuck. Die Musik begleitete die heiligen Rituale fast durchgehend, kommentierte sie und machte sie für die Besucher zugänglich. Diese Funktion von Kirchenmusik fehlte Schuck und so gründete er 2003 den Chor Sirventes Berlin.

Am 2. Dezember findet der 400. Auftritt statt

Diesen Sonnabend tritt das Ensemble zum 400. Mal mit seinem Noon Song in der Nassauischen Straße, gleich am Hohenzollernplatz, auf. Wie immer geht es um 12 Uhr los. Zur Jubiläumsfeier wird das Ensemble von acht auf zwölf Sängerinnen und Sänger aufgestockt, um mit einer eigens zu diesem Anlass von der Berliner Sopranistin Elisabeth Fischer-Segard komponierten Liturgie das Publikum zu begeistern.

Die starke, aber schlichte Architektur der Kirche erschien Schuck vor neun Jahren als passender Ort, in der sich die Musik des Noon Songs frei entfalten kann – und tatsächlich ist es ein Ort der Ruhe und Entspannung, der Raum erstrahlt in bunten Lichtern. Zu Musik kann man die Gedanken ganz einfach treiben lassen.

Das Sirventes Berlin Ensemble mit Dirigent Stephan Schuck (l.)
Das Sirventes Berlin Ensemble mit Dirigent Stephan Schuck (l.)Foto: Ekko von Schwichow

Die Lage der Gemeinde, erzählt Chorleiter Stefan Schuck, trage zum Erfolg der Andacht bei. So befindet sich in direkter Nähe die U-Bahn-Station und der Wochenmarkt, der Kirchenbesuch reiht sich gut in das Wochenende der Nachbarn im Kiez ein. Mehr als 200 Besucher lauschen dann dem Noon Song, dank eines Programmhefts mit den aktuellen Liedtexten kann jeder mitsingen. Am Sonntag hingegen, wenn kein Wochenmarkt und kein Noon Song stattfindet, besuchen viel weniger Besucher den Gottesdienst.

Auch Nichtgläubige sind willkommen

„Zum Noon Song kommen auch Nichtgläubige, die einfach nur die Musik genießen möchten“, sagt Schuck. Kein Wunder, die Qualität des Chors ist hoch. Er besteht aus Berufssängern, allesamt professionell ausgebildet. „Es gibt keinen vergleichbaren Chor, der auf einem solchen Niveau so regelmäßig in Deutschland auftritt“, erklärt Schuck stolz.

Aktuell finanziert sich das Ensemble lediglich über die Mitgliedsbeiträge des dazugehörigen Vereins und Spenden. Ohne institutionelle Förderung sei es manchmal sehr knapp, sagt der Chorleiter. Die Sänger müssen bezahlt werden, auch die Flyer und Programmhefte kosten Geld. „Es gab schon Freitagabende, an denen ich nicht wusste, ob wir am nächsten Tag auftreten können.“ Trotzdem soll Eintritt zum Noon Song kostenfrei bleiben. „Wir wollen niemanden die Chance nehmen, einen Moment der Ruhe und Besinnung zu erfahren.“ 

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