Berlin: Zoo-Aquarium feiert 100. Geburtstag : Der Kitzel der kleinen Gefahr

Die Krokodilhalle war die erste Sensation des Berliner Zoo-Aquariums, das am 18. August 1913 eröffnet wurde. Ein tierischer Rundgang zum Jubiläum.

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Die Krokodilhalle war die erste Sensation des Zoo-Aquariums in Berlin. Sie geht auf das Gründungsjahr 1913 zurück und ist das erste begehbare Tiergehege der Welt.
Die Krokodilhalle war die erste Sensation des Zoo-Aquariums in Berlin. Sie geht auf das Gründungsjahr 1913 zurück und ist das...Foto: Thilo Rückeis

Fische lehren uns Kontemplation. Ihr Leben im Aquarium gleicht einem langen, ruhigen Fluss ohne Schleppnetze und Atemnot. Das Futter kommt in schönstem Regelmaß von oben, und falls es Feinde geben sollte, leben die nebenan unter sicherem Verschluss. Die größte Bedrohung sind vermutlich menschliche Besucher, die an die Scheiben klopfen oder wild mit ihren Digicams herumblitzen. Und was heißt hier schon Hecht im Karpfenteich? Der Berliner Hecht ist ein gesetzter Würdenträger, der nachdenklich hinter seiner Scheibe herumhängt und gar nicht daran denkt, die dicken Karpfen anzubeißen, die im selben Becken herumdümpeln.

Nicht umsonst werden Aquarienszenen gern als Bildschirmschoner verwendet. Hier im hundertjährigen Berliner Zoo-Aquarium finden sich entsprechende Motive reichlich, und manchmal weiß der Betrachter nicht, ob er die Fische selbst faszinierender finden soll oder ihre geradezu poetischen Namen: Wenn die Saphir-Demoiselle kreischblau zusammen mit dem orange funkelnden Juwelen-Fahnenbarsch um die Kurztentakelige Krustenanemone herumwuselt, ist der Gipfel der expressiven Farbigkeit prägnant beschrieben – und den Orangesaum-Prachtharnischwels muss man eigentlich gar nicht mehr sehen, um ihn sich dennoch lebhaft vorstellen zu können.

Allerdings fällt dem sehr gelegentlichen Besucher auch auf, wie wenig sich hier über die Jahrzehnte geändert hat. Ähnlich wie der Zoo im Hintergrund versteht sich auch das Aquarium in erster Linie als wissenschaftlich fundierte Volksbildungsanstalt und systematische Sammlung, atmet den Geist seiner Gründerzeit – niemand hat offenbar die Absicht, zusätzliche Attraktionen einzubauen, die Aufsehen zu Lasten der uneingeschränkten Seriosität erregen könnten. Und für imposante moderne Lebensraum-Panoramen wie etwa im Ozeaneum Stralsund fehlt wohl auch schlicht der Platz.

Typisch für Berlin ist die unterdrückte Emotion im Umgang mit dem Getier. Der Kitzel der nahen Gefahr, der viele Besucher locken dürfte, wird anscheinend bewusst ausgesperrt. Gleich am Eingang duckt sich unauffällig ein Steinfisch in seine Umgebung, einer der giftigsten Fische der Welt – könnte es nicht interessant sein, mitzuteilen, dass viele Menschen einen Kontakt mit diesen urzeitlichen Tieren nicht überlebt haben? Giftig züngelt die Diamant-Klapperschlange an die gottlob dicke Scheibe – aber wie viele unvorsichtige Cowboys büßten diesen Kontakt mit ihrem Leben?

Berliner Zoo-Aquarium feiert 100. Geburtstag
Das Berliner Zoo-Aquarium am Kurfürstendamm 1913. Erst 1925 wurde der Straßenabschnitt zwischen dem heutigen Breitscheidplatz und der Corneliusbrücke in Budapester Straße umbenannt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Archiv Zoologischer Garten Berlin
17.08.2013 15:29Das Berliner Zoo-Aquarium am Kurfürstendamm 1913. Erst 1925 wurde der Straßenabschnitt zwischen dem heutigen Breitscheidplatz und...

Die erste Sensation im Haus war auch die letzte. Sie geht auf das Gründungsjahr 1913 zurück, als auch die Krokodilhalle eröffnet wurde, das erste begehbare Tiergehege der Welt. Heute wirkt diese Halle wenig spektakulär, es gibt kaum mehr zu sehen als im Botanischen Garten. Die einst mächtigen Krokodile sind längst kleineren Exemplaren von Badewannenformat gewichen, und den meisten Raum am Wasser nehmen dösende Schildkröten ein.

Auch oben im ersten Stock bei den Reptilien ist der Hauptanziehungspunkt längst Geschichte: die Komodo-Warane sind schon vor rund zehn Jahren gestorben, und natürlich ist es auch für ein renommiertes Metropolen-Aquarium heute nicht mehr möglich, Nachschub gewissermaßen per Katalog zu ordern. Außerdem ist die Kritik an den Haltungsbedingungen in Zoos und Aquarien generell lauter geworden, und was einst problemlos ging, geht heute längst nicht mehr. Also hat sich der Besucher mit allerhand prächtigen, aber nicht unbedingt spektakulären Tieren zufrieden zu geben, mit großen Anakondas, Pythons, Leguanen. Ein Stockwerk höher scheint die Zeit dann vollends stehen geblieben – aber vielleicht haben wir uns früher vor großen Vogelspinnen, Skorpionen und Kakerlaken auch einfach mehr gegruselt.

Was es Spektakuläres gibt im Aquarium, ist meist Jahrzehnte alt: die vier großen Becken im Neubau mit den echt großen Fischen aus dem Pazifik, das RundumBecken, das mal überwiegend von schrägen Löffelstören bewohnt war, heute von einem Hammerhai und seiner Gefolgschaft. Berechtigt ist der Stolz der Berliner Aquarianer auf ihre Quallenzucht, die einige betörende Bilder schafft und auch international als beispielhaft gilt. Aber auch sie geht schon aufs Jahr 1988 zurück.

Ähnlich wie im Zoo würde der Chef solche Kritik vermutlich als sensationslüsternes Missverständnis abtun. Richtig ist auf jeden Fall: Genaues Hinsehen verhilft zur Erkenntnis, gerade dort, wo sich auf den ersten Blick wenig zu tun scheint. Die aufragenden Kulleraugen der Steinbutte, die sich im Sand verbuddelt haben, obwohl dies einer der wenigen Orte sein dürfte, an denen sie vor feinschmeckerischen Gelüsten sicher sind. Die eigenartigen Röhrenaale, die ihren Wohnort das ganze Leben lang nicht verlassen. Die verhuschten Lippfische, die in ihrem ganzen Habitus das Prinzip „Tu-mir-nichts-ich-tudir-auch-nichts“ verkörpern. Die stoisch aufeinanderhockenden kreischgrünen Frösche und ihr Gegenteil, all die seltsamen Tiere, die so mit ihrer Umgebung verschmelzen, dass sie erst nach langer Beobachtung plötzlich sichtbar werden.

Ein Besuch also lohnt nach wie vor, aber man würde sich zum Geburtstag doch ein paar Ideen wünschen, die ihn noch lohnender machen.

Am Sonntag steigt das große Festprogramm zum Geburtstag des Zoo-Aquariums. Von 11 bis 16 Uhr gibt es Vorträge, Lesungen für Kinder und Erwachsene sowie kommentierte Schaufütterungen im Landschafts-, Rundum- und Haibecken. Auf der Zoobühne treten unter anderem der Kinderzirkus Cabuwazi und die East Star Band auf. Um 11.40 Uhr und 13.15 Uhr gibt es dort Tierpräsentationen durch Zoochef Bernhard Blaszkiewitz. Das Kombiticket für Zoo und Aquarium kostet am Jubiläumstag 13 Euro, der Eintritt für Kinder bis 15 Jahre ist frei. Mehr unter www.aquarium-berlin.de.

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