Berlin : Berlin zum Abreißen

Wechselnde Ansichten: Fotokalender bieten einen besonderen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner

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Die Liebe zum Saurier. Für den Kalender der Jahnke- Hauskrankenpflege fotografierte Esther Haase Mitarbeiter und Patienten – hier die 1929 geborene Gisela Ritzke vor einer Tierfigur im Spreepark. Die psychedelische Aufnahme des Neptunbrunnens entstammt dem Kalender „Berlin 2011“ von Katrin Taepke (Korsch Verlag, Gilching).Fotos: Promo
Die Liebe zum Saurier. Für den Kalender der Jahnke- Hauskrankenpflege fotografierte Esther Haase Mitarbeiter und Patienten – hier...

Das Jahr ist fast abgerissen. Hinter dem Dezember hält der Kalender nur noch ein langweiliges Stück Pappe versteckt. Doch längst türmen sich in Buchhandlungen und Kaufhäusern die papierenen Begleiter durchs kommende Jahr. Berlin ist dabei wieder eines der Top-Themen, nur präsentieren die Verlage meist die immer gleichen, bei Touristen so beliebten Postkartenmotive um Reichstag und Brandenburger Tor aus ewig gleicher Perspektive.

Allerdings, sie können auch anders, und beim Stöbern in den Stapeln stößt man dann doch auch auf Kalender mit erfrischend anderem Blick auf die Stadt und ihre Bewohner. Wenn schon mal wieder Berliner Dom und Gendarmenmarkt herhalten müssen, dann wenigstens kunstvoll. Für „Berlin“ setzte Wolfgang Scholvien die Stadt mit erkennbar hohem Anspruch in Szene. Ein Dampfer vor der Oberbaumbrücke bei ihm zieht fast mehr Aufmerksamkeit auf sich als der Spree-Überweg, den er von einem anderen Schiff fotografierte. Auch die Alte Nationalgalerie taucht eher als Beiwerk hinter den Kolonnaden auf – dies alles übrigens in traditioneller Technik: schwarzweiß und analog (32 Euro, 62 x 48 cm, Hugendubel, Dussmann, KaDeWe).

In „Berlin Vertical“ hält Wulf Liebau die Stadt fest, wie sie nach oben wächst. Die Säulen des Brandenburger Tors kommen auf den schlanken, wiederum schwarzweißen Bildern eindrucksvoller zur Geltung als auf manchem Frontalpanorama (12,90 Euro, 22 x 49 cm, Buchhandel). Ganz anders sieht die Stadt im Aufstellkalender „Berlin 360°“ aus. Deren Macher bannte die Rundum-Panoramen des Fotografen Jan Totzek auf kreisförmige Scheiben, aufstellbar auf Schreibtischen oder wo auch immer, drehbar von Tag zu Tag. Zu sehen sind Motive von Checkpoint Charlie bis zum Märchenbrunnen in Friedrichshain, in fischaugenmäßig verzerrter Perspektive (18,90 Euro, Durchmesser der Scheiben 21 cm, Buchhandel). Für Grafik- und Architekturliebhaber bietet sich der Kalender „Berliner Botschaften“ an, der zwölf nach der Wiedervereinigung gebaute Ländervertretungen in schwarz-weißem Siebdruck zeigt (18,50 Euro, 40 x 30 cm, www.s-wert-design.de, Bücherbogen am Savignyplatz, Charlottenburg, Kunstschule, Hufelandstr. 13, und Georg-Büchner-Buchladen, Wörther Straße 16, beide Prenzlauer Berg). Und wenn Katrin Taepke in „Berlin 2011“ die „blaue Stunde“ zwischen Tag und Nacht festhält, werden Neptunbrunnen und Marienkirche zur fast psychedelisch verfremdeten Stadtlandschaft (24,95 Euro, 55,5 x 46,7 cm, Buchhandel).

Wer genug von Touristenmotiven hat, kann mit Fotograf Ralf Salecker und Autor Peter Siebke die Bezirke auf der Suche nach deren Kleinoden durchstreifen. Dabei verbinden sie den Kalender mit dem Reiseführer und liefern zu den Motiven interessante Geschichten. In „Unterwegs in Spandau“ etwa zum Schulgelände der Gartenstadt Staaken und der – jenseits Spandaus gelegenen – Sacrower Heilandskirche. „Unterwegs in Berlin“ führt jeden Monat in einen anderen Bezirk, von der Brücke auf die Treptower Insel der Jugend bis zum Tegeler Fließ (11,90 Euro, 30 x 21 cm, www.unterwegs-in-berlin.de).

Auch den Berlinern selbst widmen sich Kalender. Benjamin Jaworskyj ging zu denen, die kaum beachtet im Schatten leben. In zwölf ausdrucksstarken Porträts stellt „Adresse: Straße – 2011“ Obdachlose vor. Der Erlös geht an Einrichtungen für Wohnungslose (20 Euro, 42 × 29,7 cm, www.adresse-strasse.de). Und es gibt auch das: Im Spreepark streichelt eine Frau die Dinosaurier, zwei Blues-Brothers-Klone stellen einen Überfall nach, eine ältere Lady räkelt sich im weißem Kleid auf einem Tigerfell. Nicht gerade typische Berliner Szenen. Modefotografin Esther Haase setzte Patienten und Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes Jahnke filmreif in Szene. Starmodel ist dabei die Schauspielerin Maria Schrader (Spende mind. 25 Euro, 40 x 28 cm, www.jahnkepflege.de). Noch undeutlicher ist der Berlin-Bezug, wenn auf den Blättern der Amazonas oder Sankt Petersburg zu sehen sind. Hier hilft nur der Titel: „Auf den Spuren von Alexander von Humboldt“ (46 Euro, 68 x 48,5 cm, Buchhandel).