Berliner Brauereien : Zwischen Schultheiss und Engelhardt

Dutzende Brauereien produzierten einst in Berlin. Die meisten gibt es nicht mehr – als Herstellungsort von Bier. Areale liegen brach, andere erfuhren eine neue Nutzung.

André Görke
Berliner Kindl
Die gute alte Zeit. Email-Schild von 1910. -Foto: agk-images

Viktoria Areal

Das vielleicht spektakulärste Brauerei-Projekt in Berlin liegt ziemlich gut versteckt. Zwischen den Baumwipfeln am Viktoriapark taucht erst das „Nationaldenkmal“ auf, einst von Schinkel entworfen, dahinter – östlich vom Katzbachstadion – befindet sich das „Viktoria Areal“. Es gehörte einst zu den großen Schultheiss-Brauereien. Ende der neunziger Jahren sollten Luxuslofts und Szenebars sollten am Ende der Kreuzberger Methfesselstraße entstehen, in die Kellergewölbe wollte die Berlinische Galerie einziehen. Doch die sitzt längst woanders, und auch sonst geht es eher schleppend voran. 5,5 Hektar Fläche, so viel wie der Potsdamer Platz, waren ein zu großes Areal für die ersten Investoren, die pleite gingen, und zu viel für die Anwohner, die keine reichen Nachbarn bei sich wollten. Einige Häuser sind nun hübsch saniert, „Townhouses“ entstanden. Doch es bleibt noch viel Fläche in einer Gegend rund um die Dudenstraße, die nicht gerade zu den angesagtesten Vierteln der Stadt gehört. Ein 140-Quadratmeter-Loft im sanierten ehemaligen Pferdestall wird für 1445 Euro Warmmiete angeboten.


Patzenhofer-Areal

Auch diese Brauerei liegt auf einem Hügel – besser: auf einer Grundmoräne. Vorteil: Es konnten tiefe Kühlkeller gegraben werden. Gebraut hat dort an der Landsberger Allee einst ein bayrischer Bierkenner namens Georg Patzenhofer, nach dem das Bier auch benannt wurde. Nach dem Mauerfall wurde das Areal, das von DDR-Firmen genutzt worden war, dicht gemacht, vieles abgerissen, 1996 sogar der große Turm gesprengt. Das Inventar soll durch das Technikmuseum gerettet worden sein. Es sollten schließlich die „Schultheiss-Passagen“ entstehen, doch auffällig neu ist bisher eigentlich nur das Großkino. Jetzt gibt es wieder Pläne: Ein großer Lidl-Markt soll entstehen, später sollen sich Kultur und Unternehmen ansiedeln, und auch ein Biergarten für 600 Menschen ist geplant. Dann könnte mehr an die alte Bestimmung erinnern als die kleine Straße „An der Brauerei“.


Bötzowbrauerei

In Prenzlauer Berg muss früher ordentlich gebechert worden sein, angeblich gab es gleich 14 Bierbrauereien in diesem Bezirk – die der Familie Bötzow ist die berühmteste. 1919 tagte dort der Revolutionsausschuss unter Leitung von Karl Liebknecht im Gartenlokal; daran erinnert an der Stelle seit 1959 ein Gedenkstein. Der Zweite Weltkrieg zerstörte viele Mauern, seit den Fünfzigern zogen Fremdfirmen ein, auch die „Vereinigung Volkseigener Betriebe – Fischwirtschaft“. Nach dem Mauerfall kauften Investoren das Grundstück, ein SB-Möbelhaus à la Ikea sollte entstehen, die Verhandlungen zogen sich hin, es kam zum Investorenwechsel. Neue Ideen folgten, außerdem die Vision eines Einkaufszentrums. Eine Vision blieb der Plan bis heute. Nur wird in der Nähe bald das Einkaufszentrum „Alexa“ eröffnet. Auch deshalb plädieren Politiker lieber für eine Mischnutzung. Und die Filmszene freut sich derweil, dass die beeindruckenden Kelleranlagen erhalten bleiben – für Krimis, Action & Co.


Pfefferberg

Ein wenig heruntergekommen sehen sie aus, die alten, hohen und verwinkelten Gemäuer des Pefferbergs, aber genau das macht ihn so markant. Das Projekt gehört heute – gefördert seit der Wende mit viel Eigeninitiative von der Pfefferwerk AG – zu den angesagten Indie-Orten der Stadt, mit Konzerten und viel Untergrund- Kultur. Nach mehr als zehn Jahren soziokultureller Nutzung wird das Industriedenkmal derzeit behutsam saniert und zu einem Zentrum für Kunst und Kultur, Dienstleistungen und soziale Einrichtungen ausgebaut. Das Areal kann auf eine bewegte Geschichte zurückschauen: In der DDR-Zeit befand sich dort unter anderem die Druckerei und der Fuhrpark des „Neuen Deutschlands“. Gegründet wurde die Brauerei aber schon 1841 – von einem Bayern namens Pfeffer auf dem Windmühlenberg vor dem Schönhauser Tor. 1919 wurde sie allerdings von der Schultheiss-Brauerei aufgekauft – und die stellte den Betrieb zwei Jahre später ein, die Bierhähne versiegten.

Kulturbrauerei

Berliner mögen vielleicht kein Bier brauen können – das sagen zumindest viele Zugereiste aus Hopfen-Gegenden –, dafür können sie aber feiern. Und gefeiert wird seit Jahren in der Kulturbrauerei so konsequent wie in keiner anderen alten Berliner Altbrauerei: Konzerte, Kultur, Kino, Lesungen, Open-Air-Festivals. Gebaut wurde der Klinker-Komplex bereits vor der Jahrhundertwende, erweitert von Architekt Franz Heinrich Schwechten, der auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche schuf. Während des Zweiten Weltkriegs waren zeitweilig bis zu 1000 Soldaten in den Hallen und Höfen. Dort wurden Deserteure erschossen. Nach einer kurzen Brauereiphase wurde der Betrieb in den Sechzigern für immer eingestellt, ein Möbelhaus zog ein. Nach jahrelangem Streit begann schließlich Ende der Neunziger der große Aufbau: Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen tätigte den ersten Spatenstich, von Herbst 1998 bis Januar 2001wurde auf 25 000 Quadratmetern gewerkelt. Enstanden ist dabei unter der Regie staatlichen TLG-Immobiliengesellschaft nicht nur ein Multiplexkino, sondern auch ein Komplex mit Theatern, Kneipen, Clubs und Läden. Nach einem hoffnungsvollen Start als Unterhaltungsort kriselte es: Der Hauptmieter meldete Insolvenz an. Heute ist das Projekt in ruhigen Fahrwassern. Seit kurzem gibt es ein Fitness-Studio, und selbst der „Frannz“-Club, der wegen der Sanierung des Geländes schließen musste, feierte seine Wiedereröffnung.


Berliner Bürgerbräu

Die Brauerei gilt als bildschönes Industriedenkmal an der Spree – mit einem Unterschied zu all den anderen in Berlin: Dort wird noch immer gebraut, ganz ohne Kulturnutzung und Loft-Sanierung. Stolz schreibt die Brauerei auf ihrer Internet-Seite: „Die 1753 erstmals mit dem königlich privilegierten Krugrecht erwähnte Braustätte ist heute die einzige private Brauerei und gehört keinem Konzern oder keiner Aktiengesellschaft an.“ Am Ufer Mühlendamm 164-166 gibt es einen Biergarten und ein kleines Museum. Dort wird zum Beispiel erklärt, wie man Bierfässer baute und wie Flaschen per Hand abgefüllt wurden. Ein schöner Ausflugstipp fürs Wochenende: Bier statt Beats.


Engelhardt-Brauerei (I)

Anwohner im alten Charlottenburger Kiez erinnern sich an Tage, an denen es in der Danckelmannstraße stets markant-süßlich roch. Es war der Duft, der aus dem Hinterhof der Engelhardt-Brauerei kam, in der das „Charlottenburger Pilsener“ gebraut wurde, das im alten West-Berlin aus vielen Zapfhähnen floss. In den Siebzigern hatte man dort noch für viele Millionen D-Mark ein neues Sudhaus errichtet, doch es sollte nicht lang in Betrieb sein. 1983 übernahm Schultheiss das Sagen, schloss die Brauerei und verlegte die Bierproduktion an den Kreuzberg Sitz. Im durchaus alternativen Kiez bildete sich schnell die „Interessengemeinschaft Engelhardt-Gelände e.V.“ mit dem Ziel, Arbeiten, Wohnen und soziale Aufgaben in den leer stehenden Produktionsgebäuden einzurichten. 1985 wurde der an der Sophie-Charlotten-Straße liegende Grundstücksteil vom Land Berlin gekauft zur Errichtung eines schmucklosen Gewerbehofes. Trotz Intervention des Landeskonservators wurden die alten Gebäude abgerissen und von 1988 bis 1990 Neubauten errichtet. Wer von der Danckelmannstraße kommt, blickt dagegen heute auf einen frisch sanierten, steinernen Innenhof, in dem sich kleinere, junge Firmen angesiedelt haben.


Engelhardt-Brauerei (II)

Die Wurzeln des Engelhardt-Bieres aber liegen viel weiter östlich, auf der Halbinsel Stralau. Zusammen mit der Braustätte in Pankow (Thulestraße) wurde 1949 auch das Areal an der Stralauer Krachtstraße enteignet. Bis 1990 saß dort der „VEB Engelhardt“ und gehörte zu den produktionsstärksten Brauereien der Stadt. Mit der Wende kam der Verfall, nur der alte Flaschenturm blieb stehen. Mit den Überresten des alten Glaswerkes und dem Palmkernölspeicher soll er eines der letzten Industriedenkmäler der Halbinsel Stralau sein – er ist heute denkmalgeschützt. Dass ringsherum in den letzten Jahren feine Häuschen in hübscher Wohnlage entstanden, erfreute vor allem die Sprüher-Szene.


Schultheiss Neukölln

Der Aufstieg der Brauerei begann 1907, als das Symbol des Goldjungen im Krug geschaffen wurde – das Markenzeichen des Berliner Kindls. Nach dem Krieg half die BVG in Neukölln aus und verteilte das Bier mithilfe von Straßenbahnen. Da Deutschland jedoch Reparationszahlungen an die Sowjetunion leisten musste, baute man weite Teile der Brauwerke ab und errichtete aus ihnen angeblich in Moskau eine neue Brauerei. In den Fünfzigern ging es wieder bergauf, auch mit Hilfe amerikanischer Gelder, 1972, pünktlich zum 100. Jubiläum, schaffte man die damalige Rekordmarke von einer Million Hektoliter Kindl-Bier. Doch auch in Neukölln kam mit der Wende das Aus für das 50 000-Quadratmeter-Areal – und so träumt heute die Politik um Bezirksbürgermeister Buschkowsky von einer Wiederbelebung. Seine Idee hat er jüngst so formuliert: Neukölln ist billig, dorthin ziehen bestimmt bald vermehrt Studenten, warum also sollte auf dem Schultheiss-Areal nicht so etwas entstehen wie die West-Berliner Antwort auf die Kulturbrauerei? Nun sind ein Hochschulprojektstandort geplant, kleine Läden, Multikulti. Dass eine heruntergekommene Brauerei als Standort attraktiv sein kann, hatte der „Kit-Kat-Club“ im Quartier Bessemerstraße bewiesen.


Schultheiss Moabit

In den alten Kellergemäuern steht das Wasser, Steinbröckchen fallen herab. In den vergangenen Jahren haben sich auf dem alten, in den Achtzigern geschlossenen Schultheiss-Areal kleine Autowerkstätten eingemietet, auch ein Sportstudio sitzt dort nahe der Turmstraße. Doch geht es nach den Machern im Bezirk und dem Inhaber des Grundstücks, soll eine Sanierung neue Interessenten anlocken: ein Supermarkt, ein großes Kaufhaus, viel Einzelhandel, eine Ladenpassage – das alles könnte den etwas vor sich hin dösenden Kiez in Moabit voranbringen. Doch noch sträubt sich der Denkmalschutz. Die Politik debattiert – und so lange verfällt die alte Brauerei erst mal weiter.

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