Berliner Chronik der Machtergreifung : Sally Rehfisch ist tot

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler. Deutschland stürzt in die Diktatur. Berlin hat noch einen Kater vom Presseball, die Polizei jagt die BVG-Räuber – und friert bei minus 11 Grad. Und in einem Warenhaus in Neukölln wird getrauert. Die letzten 48 Stunden der Republik. Eine Chronik.

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Für den Propagandafilm nachgestellt. Vom authentischen SA-Fackelzug durch das Brandenburger Tor am 30. Januar 1933 existieren keine derartigen Fotografien.
Für den Propagandafilm nachgestellt. Vom authentischen SA-Fackelzug durch das Brandenburger Tor am 30. Januar 1933 existieren...Foto: dpa

SONNTAG, 29. JANUAR 1933, 1. Teil

0 Uhr: Abtanzball der Demokratie. 5000 Gäste drehen ihre Runden beim 43. Berliner Presseball in den Zoo-Sälen. „Das große Meeting der Köpfe, die Parade des gesellschaftlichen Berlin“ („Vossische Zeitung“) kommt um Mitternacht erst richtig in Fahrt. Je später der Abend, desto glamouröser die Feier. Bühne und Film halten Einzug. Dirigent Wilhelm Furtwängler und Komponist Arnold Schönberg sind da, Tenor Richard Tauber, der gerade in Oskar Homolkas Operette „Frühlingsstürme“ im Admiralspalast singt, „strahlt mit seinem Monokel permanente Liebenswürdigkeit“ aus, Werner Krauß mit ergrauendem Charakterkopf, Carl Zuckmayer steht neben Bestseller-Autor Waldemar Bonsels („Die Abenteuer der Biene Maja“, 1912), Fliegerheld Ernst Udet trägt seinen Pour le mérite.

Musik: Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder ...

Paul Hörbiger plaudert gut gelaunt mit dem jüdischen Komiker Otto Wallburg, der 1944 in Auschwitz vergast wird. Und die Damen? Opernsängerin Lotte Schöne im teerosenen Kleid aus Taft, Filmdiva Käthe von Nagy im maisfarbenen Velours Paysanne, „ganz einfach, nur mit einigen Blüten an der Schulter“ („B.Z. am Mittag“). Eine leuchtende Nacht in Pastelltönen, „vom Reinweiß zum Beige zum hellblau, lichtrosa und orchideenlila“.

...das ist zu schön, um wahr zu sein...

Ein Flüstern geht durchs Spalier, als Starschauspieler Carl Froelich mit Jungstar Gitta Alpar an seiner Seite den Marmorsaal betritt. Gegen Morgen sind die Garderoben noch dicht behängt.

... das kann das Leben nur einmal geben, vielleicht ist’s morgen schon vorbei! (Lilian Harvey)

Später in der Nacht: Ein beschwipstes Defilee, in den Manteltaschen den Ball-Almanach mit der Devise „Wieder Liebesbriefe“, bläst in der Früh seinen Promilledampf in die Frostluft der Budapester Straße. Nur die hohe Politik hat sich rar gemacht: „Interessant war diesmal nicht so sehr, wer da war, sondern wer fehlte“, notiert die „B.Z. am Mittag“: „Herr von Schleicher und Frau fühlten sich nicht mehr, Herr von Papen, Herr Hitler oder Herr Hugenberg noch nicht zuständig, und infolgedessen trug dieser Presseball die besonders aktuelle und neue Nuance: Reichskanzlerlosigkeit.“ Die Comedian Harmonists singen:

Die große Mode in Kalumba ist jetzt Rumba, die Politik ist ganz vergessen in Kalumba.

Sonnenaufgang, 7.52 Uhr. Katerstimmung. So ein Kopf! Fenster auf, vielleicht minus drei Grad. Draußen ist die Stadt schon wieder auf den Beinen. Weekend eisgekühlt. In der Zeitung Wetteraussichten: Die „tiefen, nördlich von Island entstehenden Depressionen“ dehnen sich immer mehr nach Süden aus und lassen die extrem kalten Bodenschichten aus Deutschland abfließen. Am Sonntag gewinnen „die Mittelmeerdepressionen und Depressionen am Kanal immer größeren Einfluss auf die Witterung im Mitteleuropa“. Im dazwischenliegenden Raum entsteht ein Gebiet relativ hohen Luftdrucks. Mit abnehmender Bewölkung ist besonders in der kommenden Nacht wieder mit einem deutlichen Temperaturabfall zu rechnen. Morgentoilette: „Eine Spitzenleistung der deutschen Wissenschaft und Chemie: Doramad – die radioaktive Zahnpaste.“ Für ein strahlendes Gebiss.

Wilhelmplatz: Im Hotel Kaiserhof am Frühstückstisch tragen viele Herren Schmiss. Der Dauergast in Suite 140/142 steht heute gegen seine Neigung früh auf. Adolf Hitler (NSDAP) hat Termine. Seit zwei Jahren logiert er in zwei großen Zimmern, selbst eingerichtet. Kamin aus weißem Marmor, Orientteppich, ausladender Schreibtisch, Sessel und Stühle im Stil Louis XVI., getischlert von einem Dekorateur der Komischen Oper. Wenn er sich weit aus dem Fenster lehnt – nicht zu weit, mein Führer! – sieht er die Reichskanzlei an der Wilhelmstraße. Da will er hin.

Musik: Darum mitmarschieren, nie den Kopf verlieren, denn das eine, das steht fest: Einmal schafft’s jeder, jeder kommt ran, wenn er wirklich was kann...

Nur an einem muss er noch vorbei: Reichspräsident Paul von Hindenburg. Der Alte lehnt Hitler als Kanzler einer rechten Minderheitsregierung bisher ab, will den Reichstag partout nicht auflösen. Also keine Sonntagsruhe: Vormittags Treffen mit von Papen und Göring, danach zu DNVP-Chef und Pressemogul Alfred Hugenberg und den Stahlhelm-Führern Franz Seldte und Theodor Düsterberg.

...zeig dem Leben frech die Zähne, einmal hat jeder seine Strähne. (Willi Forst)

Vormittags. Die meisten Berliner widmen ihren Sonntag lieber dem sportlichen Ehrgeiz, möglichst viel zu erleben – und nehmen andere Ziele ins Fadenkreuz. Auf den Ständen der deutschen Versuchsanstalt in Wannsee treten 100 Einzelschützen und fast 20 Vereine beim 2. Deutschen Schützentag der Grünen Woche zu den Meisterschaften im jagdlichen Büchsen- und Flintenschießen an. Glückwunsch an Förster Pietzner aus Oehna/Niedergörsdorf, der von 30 Tauben „in Serien zu 15 Stück auf 12 und 14 Meter Entfernung“ 28 abschießt und siegt. („Spandauer Zeitung“) Am Funkturm geht’s um die Wurst: Tausende Besucher drängeln sich zur selben Zeit in den Messehallen bei der zentralen Ausstellung der „Grünen Sport- und Tierzuchtwoche“. In Halle 2 füllen sich die Ränge: Einzug der Nationen zum großen Reit- und Fahrturnier.

Lustgarten, 14.30 Uhr. Die „Rote Fahne“ mobilisiert für die „Einheitsfront der Tat gegen den faschistischen Generalsangriff“. Der „Vorwärts“ der SPD ruft zur Großkundgebung „Gegen reaktionäre Staatsstreichpläne! Berlin bleibt rot!“ auf. 100 000 SPD-Anhänger ziehen vom Großen Tiergarten kommend die Linden entlang, begleitet von den Schmährufen kommunistischer Zaungäste. Verräter! Heuchler! Helfershelfer der Reaktion! So grüßt sich die verhinderte Volksfront der Hitler-Gegner, die im Reichstag zusammen mehr Stimmen zählt als die NSDAP. Putschgerüchte liegen in der Luft. Zur gleichen Zeit, neun Kilometer westwärts: Bei Gauleiter Joseph Goebbels zu Hause am Reichskanzlerplatz (ab April 1933 Adolf-Hitler-Platz, heute Theodor-Heuss-Platz). „Wir sind eben im Begriff, zum Reit- und Fahrturnier in die Ausstellungshallen zu fahren, da kommt die Meldung, dass von der Gegenseite ein letzter gefährlicher Streich geplant sei. Nun heißt es aber, Nerven zu bewahren. Man weiß nicht, ob das Drohung oder Ernst oder Kinderei ist. Ich orientiere gleich den Führer und Göring, die im Nebenzimmer warten. Göring verständigt gleich Herrn von Papen“, schreibt Goebbels später in sein Tagebuch.

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