Berliner Drogenpolitik : Sollte der Staat mehr Heroin herausgeben?

In einer Weddinger Praxis bekommen Drogensüchtige seit September den Heroinwirkstoff Diamorphin. Und während Besitz und Konsum von Heroin nach wie vor verboten ist, fordert die Opposition im Abgeordnetenhaus mehr solcher Praxen. Gute Gründe dafür gibt es.

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Kontrolliert Spritzen soll den Süchtigen helfen. Foto: dpa
Kontrolliert Spritzen soll den Süchtigen helfen.Foto: dpa

Die Opposition im Abgeordnetenhaus fordert mehr Praxen, in denen Schwerabhängige medizinisches Heroin bekommen. Außerdem sprechen sich die Grünen für das sogenannte Drug-Checking aus: Dabei werden an Szenetreffs gehandelte Drogengemische von Experten auf gefährliche Streckmittel untersucht. Von der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbemerkt, bekommen einige Süchtige in einer Weddinger Praxis seit September den eigentlichen Heroinwirkstoff, das Diamorphin. Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Heiko Thomas, sagte am Montag: „Eine Millionenstadt braucht weitere dieser Praxen.“

Das Modell funktioniere tatsächlich erfolgreich, sagte eine Sprecherin von Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) am Montag. Die Weddinger Praxis laufe gut, dort habe es weder Probleme mit den Patienten noch durch andere Süchtige gegeben. Man sei sehr froh, dass die Praxis von Psychiater Thomas Peschel ihre Arbeit aufgenommen hat. Nun solle sie erst einmal ausgebaut werden, später könne man prüfen, ob weitere Einrichtungen hinzukommen sollten.

In Berlin gibt es mehr als 8000 Heroinabhängige

Lange hatte sich kein Arzt für eine solche Praxis gefunden, mehrere Berliner Krankenhäuser wollten solche Behandlungen nicht durchführen. Praxisarzt Peschel selbst kommt aus Hannover. Die rechtlichen und technischen Anforderungen an seine Praxis sind hoch, im Vergleich zu anderen Fachgebieten ist die Arbeit finanziell außerdem weniger lukrativ, auch wenn die Krankenkassen die Behandlung mit Diamorphin bezahlen. Der Senat hatte eigens Mittel für die Sicherheitstechnik der Praxis bereitgestellt.

Auch Psychiater Peschel sieht Bedarf für weitere Einrichtungen dieser Art, bislang habe er rund 45 Diamorphin-Patienten, bis zu 100 sollen es werden. In Berlin gibt es Schätzungen zufolge mehr als 8000 Heroinabhängige, davon bis zu 1000 Langzeitsüchtige. Um für Diamorphin-Therapien infrage zu kommen, müssen Betroffene seit fünf Jahren abhängig sein, zwei erfolglose Therapien hinter sich haben und mindestens 23 Jahre alt sein.

Was die medizinische Heroinabgabe verhindern soll

Das schreibt seit 2009 bundesweit das Gesetz vor. Einige Jahre zuvor war vor allem die CDU dagegen: Vor den Augen des Staates dürften keine Drogen zu bekommen sein, hieß es von Christdemokraten. Aus dem Haus von Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) heißt es nun, es gebe keinen Grund, die bestehende Berliner Linie zu ändern – einerseits Strafverfolgung, andererseits Abgabe unter Aufsicht. Das Verabreichen medizinischen Heroins als Arzneimittel in Praxen soll verhindern, dass sich Abhängige durch ausgetauschte Spritzen anstecken, sich Venen zerstören und zum Strecken genutzte Gifte in ihren Körper pumpen.

Wie berichtet, richten oft die Streckmittel unmittelbare Schäden an, nicht das Diamorphin. In Berlin gibt es drei ständige Drogenkonsumräume, in denen Süchtige unter hygienischen Bedingungen spritzen dürfen. Grünen-Experte Thomas regte an, dass Experten mindestens dort Drogen überprüfen. Besser wäre es ihm zufolge, dazu viele Szenetreffs zu besuchen, wie dies in Wien der Fall sei. Gegenüber Methadon, dem bekannten Heroinersatz, hat Diamorphin mindestens den Vorteil, dass viele Abhängige trotz der Substitution ohnehin weiter verunreinigtes Heroin nehmen, weil Methadon den gewünschten Rausch nicht bringt.

In Fachkreisen heißt es, Süchtige schafften es oft erst durch die Abgabe medizinischen Heroins aus der in der Szene üblichen Beschaffungskriminalität. Das dürfte damit zusammenhängen, dass für die Konsumenten kein Druck mehr besteht, bis zu 90 Euro Drogengeld zusammenkriegen zu müssen, die ein Süchtiger am Tag für Heroin ausgibt. Die Linke fordert, Heroinabgabe immer in ein Konzept aus Jobangeboten und gesellschaftlicher Rehabilitierung einzubinden.

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