Berlin : Berliner Funkturm: Die eiserne Rippe zwischen Havel und Oberspree

Lothar Heinke

Heute ist er wieder bereit, seine Gäste zu empfangen: Der Berliner Funkturm wurde in den vergangenen Wochen ein wenig überholt. Sein gewaltiges, 400 Tonnen schweres Stahlgerippe musste mit Hilfe eines "Nadlers", eines mechanisch betriebenen Geräts, das Vibrationen erzeugt, von Roststellen befreit werden. Im Inneren des Restaurants wurde neuer Teppichboden verlegt, die Decke gestrichen, die Kücheneinrichtung erneuert. Dies alles sehr sacht und vorsichtig, denn die Jugendstileinrichtung steht unter Denkmalschutz - was den Betreiber, die Messe Berlin, nicht daran hinderte, dem Innenleben des alten Wahrzeichens modernste Accessoires hinzuzufügen. Wolfgang Wagner, der stellvertretende Pressesprecher unserer Messeveranstalter, verweist auf Empfänge und Betriebsveranstaltungen, für die man das Restaurant buchen kann. "Damit wir da auf dem neuesten Stand sind, wurden ISDN- und Internet-Anschlüsse gelegt" - da kann der Chef auch noch während der Fete die Börsendaten abrufen. Ansonsten aber wurde der Name des Turms in Charlottenburg gewissermaßen vom technischen Fortschritt überholt. Der Funkturm funkt nicht mehr so richtig. Er dient lediglich der Polizei und Feuerwehr als Relaisstation. Ein bisschen Funkerei findet dennoch statt - Amateurfunker senden ihre Nachrichten über die 150 Meter hohe Antenne in den Himmel über Berlin.

Aber am Anfang war alles ganz anders. Als der "Lange Lulatsch" vor 75 Jahren, am 3. September 1926, anläßlich der 3. Großen Deutschen Funkausstellung, aus der Taufe gehoben wird, liegt strahlender Sonnenschein über dem Messegelände. In der "Geburtsanzeige" des neuen Turms, für den Prof. Heinrich Straumer 140 Konstruktionszeichnungen angefertigt hatte, heißt es: "Es war eine feierliche Stunde, einfach in ihrem äußeren Rahmen, bedeutungsvoll aber in der Geschichte der Reichshauptstadt, in der Entwicklung des deutschen Rundfunks." Dröhnende Böllerschüsse zeigten den Charlottenburgern an, dass die "neue Siegessäule des Westens" offiziell eröffnet war. Reporter-Pionier Alfred Braun sprach in seiner unverwechselbaren Art den Weiheprolog: "Achtung! Hier Funkturm Lietzensee! Zwischen Havel und Oberspree! Der Funkturm sendet im Programm die Funkturmweihe vom Kaiserdamm!" Fünfzig Jahre später erinnerte sich der Meister der bildhaften Sprache, wie "hellsichtig und fernseherisch" die Eröffnungsworte waren: "Halte mit ehernem Scheitel die Wacht / künftigen Fliegern Stern in der Nacht / Berliner Jahre kommen und gehen / Sturm wird kommen / der Turm wird stehen". Und dann, nach der Bläser-Melodie "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" aus den Höhen des Turms, hob Alfred Braun die Hände und grüßte zum Turm hinauf: "Funkturm Berlin, wir weihen dich ein, Berlin wird sein, und du wirst sein - wahre deine eiserne Rippe allezeit vor schnödem Bruch - sage der Welt mit eiserner Lippe allezeit deinen Spruch: Achtung! Achtung! Hier ist Berlin!"

Der tiefere Grund für den Bau des stählernen Riesen lag in der technischen Entwicklung des neuen Mediums Rundfunk. Bereits 1924 hatte der Rundfunksender Witzleben ("Welle 504") aus der Funkhalle des Messegeländes Programme gesendet. Seine 70 Meter lange Antenne hing zwischen zwei 160 Meter voneinander entfernten Masten. Einer war 80 Meter hoch und stand auf dem Gelände des heutigen ICC. Der andere maß 120 Meter, wurde zum Kran für den Bau des Funkturms umfunktioniert und war gleichzeitig Teil seines Skeletts.

Beim Ausbau des damals höchsten Turms in Deutschland wurde immer wieder technisches Neuland betreten. Noch nie dagewesen war die Fahrstuhlanlage, bei der eine Kabine zehn Personen mit 1,5 Metern pro Sekunde 123 Meter hoch beförderte. Auch die Versorgung mit Gas, Wasser, Elektrizität und Wärme war problematisch.

Und: Der Turm war nicht nur ein Antennenträger, sondern auch Leuchtturm für alle Flugzeuge, die Berlin als Luftkreuz Europas anflogen. In seiner Spitze rotierte ein 3000-Watt-Scheinwerfer, der sich 25mal in der Minute um die Turmachse drehte und 60 Kilometer weit im Umkreis zu sehen war. Außerdem lief unter dem Restaurant eine "Wanderschrift-Anlage" mit 4000 Glühbirnen - die höchste Werbefläche jener Zeit. Schon 1929 dienten zwei Rundstrahler den ersten Versuchsübertragungen des Fernsehens! Die wurden damals kaum beachtet, dafür umso mehr die 126 Meter hohe Aussichtsplattform und das in 55 Metern Höhe "schwebende" Restaurant: Schon 1928 begrüßte der Funkturm seinen 500 000. Besucher.

Viel hat er erlebt seither: Im August 1935 brach in der alten Funkhalle ein Feuer aus, das das Funkturmrestaurant zu großen Teilen zerstörte. Danach übernahm ein neuer Sendeturm in Tegel alle Aufgaben des einstigen Senders Witzleben. Nach dem Krieg stand unser Turm praktisch nur noch auf drei Stahlbeinen, aber bald war er repariert, und gelbe Warnlampen leuchteten den Rosinenbombern den Weg nach Tempelhof.

Unser Lulatsch ist ein unübersehbares Stück Heimat. Sein Gruß gilt jedem, der in diese Stadt kommt. Alt und gut. Det war und is Berlin. Ja: Längst hat ihm der viel jüngere und höhere Fernsehturm am Alex den Rang abgelaufen, aber wollen wir nicht froh sein, dass es zwei von dieser Sorte gibt?

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