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Berliner Institut für Gesundheitsforschung : Spitzenforscher Erwin Böttinger geht

Nach Tagesspiegel-Informationen wird der Leiter des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung offenbar seinen Posten verlassen. Hintergrund ist ein Richtungsstreit.

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Farewell. Erwin Böttinger – hier beim Future-Medicine-Kongress des Tagesspiegels 2016 – soll sich auf eine Professur für Digital Health in Potsdam beworben haben.
Farewell. Erwin Böttinger – hier beim Future-Medicine-Kongress des Tagesspiegels 2016 – soll sich auf eine Professur für Digital...Foto: Thilo Rückeis/Tsp

Führungskrise am Berlin Institut of Health (BIH), dem Prestigeprojekt der Berliner Wissenschaft: Erwin Böttinger, der erst 2015 den Vorstandsvorsitz des BIH übernahm, wird nach Tagesspiegel-Informationen offenbar seinen Posten verlassen. Dem Vernehmen nach will Böttinger an die neue gemeinsame Digital Engineering Fakultät der Universität Potsdam und des Hasso-Plattner-Instituts wechseln. Hintergrund sollen Konflikte zwischen BIH, Charité und Max-Delbrück-Centrum über die Ausrichtung des Instituts sein. Unbestätigten Angaben zufolge waren sich Böttinger und der Charité-Vorstand in zentralen Fragen uneins.

Offiziell bestätigen das BIH und Böttinger den Wechsel nicht. Eine BIH-Sprecherin erklärte auf Anfrage, zu dieser Frage werde man keine Stellung nehmen. Auch am HPI und an der Uni Potsdam wollte man die Personalie am Mittwoch nicht bestätigen. Zu laufenden Berufungsverfahren äußere man sich grundsätzlich nicht, sagte eine HPI-Sprecherin auf Anfrage. Klar ist aber, dass an der Fakultät derzeit eine Professur für den Bereich „Digital Health“ neu besetzt wird. Das wurde bereits im Frühjahr angekündigt, als die Digital Engineering Fakultät eröffnet wurde. Das Themenfeld „Digital Health“ ist eines von Böttingers Forschungsthemen.

Böttinger ist Spezialist für Nierenerkrankungen, nach seinem Medizinstudium in Bayern wechselte er 1987 in die USA und forschte unter anderem an den Harvard-Universitätskliniken in Boston. Zuletzt arbeitet er in New York City.

"Seit Beginn gibt es an der Charité Unruhe"

Aus der Charité hieß es, möglicherweise sei Böttinger frustriert über die Rahmenbedingungen gewesen, habe sich der Aufgabe nicht gewachsen gefühlt oder habe andernorts mehr geboten bekommen. Nun komme es darauf an, schnell einen Nachfolger zu suchen. „Jeder ist ersetzbar.“ Obwohl es nun erstmal einen Durchhänger geben werde, sei der Neuanfang auch eine Chance. Dass der aktuelle Ärger um eine vom Vorstand gewünschte Berufung den letzten Ausschlag für Böttinger gegeben hat, hält der Insider nicht für völlig ausgeschlossen. Wie berichtet wird dem Vorstand aus der Charité vorgeworfen, die Findungskommission in der Personalie zur „Erfüllungsgehilfin degradiert“ zu haben. Das BIH will das rechtlich unsichere Vorgehen nun heilen. Auf Anfrage heißt es von dort, die Findungskommission habe sich nach Ablauf der Frist ein weiteres Mal getroffen und alle Bewerbungen gesichtet.

War die Arbeit am BIH für Böttinger unerfreulich? Ein Kenner des BIH sagt: „Seit Beginn gibt es an der Charité Unruhe.“ Nicht alle seien zufrieden mit der Richtung, die das BIH einschlage.

Kritisiert wird eine Zweiklassen-Gesellschaft

Auch haben Professoren immer wieder eine vermeintliche Zweiklassen-Gesellschaft zwischen den Forschern am BIH und denen an der Charité kritisiert. Wer ans BIH berufen wird, hat eine deutlich besser dotierte Professur und eine deutlich bessere Ausstattung. In der Charité gelten der Charité-Dekan Axel Pries und der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, beide BIH-Vorstandsmitglieder, als „wackere Recken im Dienste der Charité“, wie ein Mitarbeiter sagt. Pries hat bei einer öffentlichen Veranstaltung zum BIH vor anderthalb Jahren erklärt, die Charité sei „bis auf die Knochen abgespeckt“, es dürfe nicht sein, dass ein „Luxusteam“ am BIH forsche, während „Alltagsschufter“ den Betrieb an der Charité aufrechterhielten.

Auch wird moniert, das BIH könne mit seinen finanziellen Mitteln „definieren, was die Charité forscht“. Dabei seien Themen wie degenerative Erkrankungen, Digitalisierung oder Big Data nicht für alle „spannend“. Es gebe eine Debatte darüber, „wie sehr sich die Charité verkauft, um Geld zu bekommen“.

Die rechtliche Konstruktion des BIH erregt Anstoß

Auch die rechtliche Konstruktion erregt an der Charité Anstoß. Seit 2015 gibt es für das BIH ein eigenes Gesetz. Die Charité und das MDC bleiben selbstständig, sind aber als Gliedkörperschaften des BIH gleichsam dessen Töchter, wie man zumindest an der Charité kritisch vermerkt: „Das dreht das eigentliche Verhältnis um“, stellt ein Mitarbeiter fest.

Das Berliner Institut für Gesundheitsforschung wurde im Jahr 2011 von der damaligen Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) und dem damaligen Berliner Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) angeschoben. „Eine Einrichtung von Weltrang“ (Schavan) sollte entstehen, in dem Teile der Charité-Forschung mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch vereinigt werden. Der Bund übernimmt 90 Prozent der Mittel, das Land Berlin zehn Prozent. Bis zum Jahr 2018 sollen über 311 Millionen Euro ins BIH fließen. Weitere 40 Millionen Euro hat die inzwischen verstorbene Unternehmerwitwe Johanna Quandt gespendet. Schavan und Zöllner haben die übrigen 15 Länder damals nicht um Zustimmung für ihren Vorstoß gebeten – entsprechend missgünstig wird das BIH von außen beobachtet. Zöllner wollte sich am Mittwoch zu Böttinger und dem BIH nicht äußern.

Hauptaufgabe: "Translationale Medizin"

Die Hauptaufgabe des BIH ist „translationale“ Medizin. Fortschritte der Grundlagenforschung sollen in bessere Therapien „übersetzt“ werden. Daran hapert es bislang oft. Mit dem Max-Delbrück-Centrum (Grundlagenforschung) und der Charité (Therapie) stehen dem BIH dafür zwei in ihren Bereichen hervorragende Einrichtungen zur Verfügung.

Wie genau das BIH nun den Weg zu neuen Behandlungen ebnen will und kann, bleibt bislang eher unbestimmt. Man wolle die „Stärken von Charité und MDC in einem gemeinsamen Forschungsraum“ bündeln. Dabei würden nicht einzelne Krankheiten im Mittelpunkt stehen, sondern „übergreifende Prozesse und Mechanismen, die Gesundheit und Krankheit beeinflussen“. Eine zentrale Aufgabe sei es, „die Forschungssilos einzelner Institute aufzubrechen und vor allem durch Innovation und Digitalisierung stärkere Vernetzung zu ermöglichen“, sagte Böttinger nach seiner Amtsübernahme 2015 im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Am Ende lautet die Aufgabe, etwas zu schaffen, was die Gesundheit verbessert.“ Das BIH wolle „Erkenntnisse in Patente und Produkte überführen, und zwar in Zusammenarbeit mit privaten Partnern“.

Kommt das BIH gut voran? Seit 2013 hat es ein wissenschaftliches Konzept, seit 2014 arbeiten die Wissenschaftler an seiner Umsetzung. Doch die eigentlich für 2017 vorgesehene Evaluation wurde bei der letzten Aufsichtsratssitzung auf das Jahr 2019 verschoben.

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