Berlin : Berliner Kneipenkultur in Hochform

Frank Jansen

Möve im Felsenkeller, Akazienstraße 2, Schöneberg, Tel.: 781 34 47, montags bis donnerstags 15 bis 2, freitags ab 13, sonnabends ab 10, sonntags ab 18 UhrFrank Jansen

Matjessalat. In rosa Tunke. Mit vier halben Scheiben Brot. Der große Teller quillt beinahe über. Dazu ein König Pilsener, und gleich noch eins. Prima. Lecker. Berliner Kneipenkultur in Hochform. Da geht der drinking man wieder hin.

Bevor Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, nun mit Grausen abwenden und lauthals den Geisteszustand des Tresentesters anzweifeln, seien vielleicht ein paar Bemerkungen erlaubt. Natürlich handelt es sich bei der Schöneberger "Kellermöve" nicht um eine Cocktailbar, auch sind keine Höhenflüge des elegant drinking zu erwarten. Dennoch ist dieses Lokal ein Kandidat für das Top-Twenty-Thekentanz-Ranking. Man könnte auch sagen: Im weiten Niemandsland zwischen aufstrebenden Metropolenbars und absumpfenden Eckkneipen findet sich in Berlin ein outpost für die etwas anderen Kellerkundler.

Im Schaufenster sind alte Aschenbecher ausgestellt, darunter wuchtige Stücke. Beim Eintreten (natürlich nicht der Scheibe) fallen dann am Tresen die in einer Vitrine präsentierten Nikotinraritäten wie Overstolz, Juno, Eckstein auf. Ein paar Schritte weiter dehnt sich das Schlauchlokal ein wenig. An der Handvoll großer und kleiner Holztische sitzt junges und mittelaltes Publikum, von studentisch-normal bis normal-bürgerlich. Außer Matjes werden überlange Würstchen mit reichlich Kartoffelsalat und vergleichbare Germanensnacks, auch suppiger Art, verzehrt. Der Bierkonsum scheint kräftig, aber nicht übermäßig zu sein. Schnäpse sind eher rar. Wer austreten muss, steuert zwei dunkel-lindgrüne Vorhänge an: Dahinter verbergen sich die Holztüren zu den schmalen Klos (der Begriff Toilette klänge hier etwas gestelzt). Links neben den verhüllten Eingängen zu den sanitären Anlagen prangt gemäldehaft ein Butzenscheibenfenster. Ein paar Meter weiter steigt der Gast über eine kleine Treppe hinauf zum engen Hinterzimmer. Von unten ist nur ein sanft angestrahltes, altes Modellsegelschiff zu sehen. Kneipenromantik pur. Mit den obligat wirkenden bauchigen Emailleschildern einer vergangenen Reklame-Epoche. Eines wirbt mit einem kernigen Seemann für die Schifffahrtslinie Hapag Lloyd.

Von einer Museumskneipe zu sprechen, wäre indes leicht danebengegriffen. Die Möve im Felsenkeller ist der so liebevoll wie ironisch inszenierte Versuch, auf den Trümmern der alten Eckkneipenkultur eine neue zu schaffen. Mit raffinierten Tricks: Das aufpolierte Mobiliar wird durch kleine, nach innen gekehrte Lämpchen in den Wänden derart geschickt ausgeleuchtet, dass den übererdigen Felsenkeller eine Atmosphäre pittoresker Gemütlichkeit durchzieht. Und wenn dann die ehemalige Keeperella der legendären Domina-Bar, dem lange verblichenen Ab-4-Uhr-morgens-Hardcore-Lokal in der Winterfeldtstraße, heute super-freundlich eine dicke Portion Matjessalat serviert, ist die Wirtshaus-Operette perfekt. Sehr schön. Auch ohne Cocktails. Drinking man und compañero rufen hiermit zur Gründung des "Ersten Kellerstammtischs der Ehrlichen Felsenmöven Berlins" auf. Falls es ihn nicht schon gibt.Möve im Felsenkeller, Akazienstraße 2, Schöneberg, Tel.: 781 34 47, montags bis donnerstags 15 bis 2, freitags ab 13, sonnabends ab 10, sonntags ab 18 Uhr

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