Berliner Mauer : Stein für Stein - wie ein US-Fotograf den Mauerbau dokumentierte

Vor 55 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer. Kaum bekannte Bilder des US-Fotografen Gus Schuettler gewähren neue Blicke auf die dramatischen Tage.

von
Bernauer Straße: Dieses Foto enstand im Oktober 1961. Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)
Bernauer Straße: Dieses Foto enstand im Oktober 1961.Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)

Ziemlich blöde Situation für einen Fotografen: Steht im Juni 1961 vor der Wiener US-Botschaft, soll das historische Treffen Kennedy-Chruschtschow dokumentieren, hat aber keine Akkreditierung. Eigentlich hoffnungslos, er könnte gleich wieder gehen, auch wenn er für „Stars and Stripes“, die Zeitung der US-Streitkräfte, arbeitet.

Aber Gus Schuettler hat schon ganz andere Probleme gemeistert, also wartet er, bis ein fünfköpfiges sowjetisches Fernsehteam erscheint. Die Russen zücken ihre Ausweise, scheinen dennoch etwas unsicher, und einer, des Englischen mächtig, fragt den herumlungernden US-Kollegen, ob sie damit hineinkommen. Der zögert nicht lange, antwortet „Yeah, I’ll show you“, greift sich die Akkreditierungen und marschiert damit an den Wachen vorbei, die Russen im Schlepptau. Damit war er drin, und da tauchten auch schon Kennedy und Chruschtschow auf.

Schuettler, der am 2. Oktober 2012 in Florida starb und den „Stars and Stripes“ in einem Nachruf damals als einen ihrer „all-time great photographers“, als geradezu „iconic“ rühmte, dürfte viele solcher Geschichten parat gehabt haben. Etwa die wie er sich während des Gipfeltreffens nach einem Termin in seinem dicken Chevy mit eingeschalteten Scheinwerfern in die Kolonne Kennedys schmuggelte, direkt hinter dessen Limousine, und so vom Großstadtverkehr unbehelligt durch Wien rauschte und die Fotos rechtzeitig ans Ziel brachte.

Erschütternde Tragödien spielten sich vor seiner Kamera ab

Und er würde auch von der Berliner Mauer, deren Geschichte er vom Bau bis zum Fall er begleitet hat, viele Geschichte und Erlebnisse erzählen können. Ja, Fotografen wie er haben das Bild entscheidend mitgeprägt, das die amerikanischen Soldaten, die doch als Garanten der Freiheit West-Berlins galten, von der Situation in der Stadt hatten. Durch ihn erst erhielten sie ein konkretes Bild davon, für was und vor allem für wen sie im Ernstfall einmal den Kopf hinhalten sollten.

Ein Chronist der Teilung Berlins
Das vorerst nur mit Stacheldraht blockierte Brandenburger Tor im November 1961. Foto: Gus Schuettler / 2016 Stars and Strips (All Rights Reserved)Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Gus Schuettler / 2016 Stars and Strips (All Rights Reserved)
10.08.2016 18:03Das vorerst nur mit Stacheldraht blockierte Brandenburger Tor im November 1961.

An diesem Sonnabend jährt sich der Mauerbau vom 13. August 1961 zum 55. Mal. Der Tagesspiegel zeigt aus diesem Anlass einige des Berlin-Bilder US-Fotografen, die bislang nur die „Stars and Stripes“-Leser zu sehen bekamen. Aufnahmen wie die aus dem September 1961, als Ost-Berliner von ihren Wohnungsfenstern aus zusehen mussten, wie die Mauer vor ihren Häusern immer höher wuchs. Erschütternde Tragödien spielten sich vor Schuettlers Kamera ab: ein Vater in West-Berlin, der seinen Kindern auf der anderen Mauerseite etwas zuruft, während diese von Volkspolizisten weggescheucht werden; ein Ost-Berliner, beim Fluchtversuch geschnappt, der gerade abgeführt wird; oder aus der Vogelperspektive das westliche Spreeufer, ans Geländer gelehnt Spaziergänger, die zu Augenzeugen werden, wie ein Flüchtling mit letzter Kraft das rettende Ufer zu erreichen versucht. Ein kleiner West-Berliner Junge dagegen fährt neben der noch nicht sehr hohen Mauer Roller, unbeeindruckt von dem gleich daneben mit aufgepflanztem Bajonett wachenden Vopo – auch das war Berlin. Frontstadt-Szenen von der Mauer und mehr, wie man sie von unzähligen Fotos, aus vielen Filmen kennt, auf die Schuettler aber immer wieder ein eigener, das Besondere der Situation in den Fokus rückender Blick gelingt.

Ursprünglich hieß er Günter Schüttler

Oft geraten ihm dabei – schließlich arbeitete er für „Stars and Stripes“ – US-Soldaten ins Bild, beispielsweise West- Point-Kadetten, die vor einer Aussichtsplattform Schlange stehen oder eine Football-Mannschaft der Air Force, die beim Sightseeing-Besuch am Checkpoint Charlie peinlich genau darauf achtet, nur ja nicht den weißen Grenzstrich zu verletzen. Andere Soldaten lesen kurz nach der sogenannten „Panzerkonfrontation“ im Oktober 1961 in der Friedrichstraße neben ihrem Panzer entspannt Zeitung, während doch gerade noch der 3. Weltkrieg gedroht hatte. Schuettler zeigt GIs, die begeistert einem Ost-Berliner „Fraulein“ zuwinken, das sie im vierten Stock einer Fabrik in der Friedrichstraße entdeckt haben, oder wütende West-Berliner, die 1962 einen sowjetischen Militärbus auf dem Weg zum Ehrenmal in der Straße des 17. Juni mit Steinen bewerfen. Auch den demonstrativen Besuch von US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson kurz nach dem Mauerbau hat er dokumentiert, während auf einem der letzten Mauerfotos, die „Stars and Stripes“ dem Nachruf beigefügt hatte, Bundeskanzler Helmut Kohl und Berlins Regierender Bürgermeister Richard von Weizsäcker dem damaligen Vize-Präsident George Bush am 31. Januar 1983 die Mauer zeigen.

Ein Mann wird nach einem Fluchtversuch von DDR-Polizisten abgeführt. Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)
Ein Mann wird nach einem Fluchtversuch von DDR-Polizisten abgeführt.Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)

Verständigungsprobleme mit den Berlinern hatte Schuettler bei seiner Arbeit keine. Ursprünglich hieß er Günter Schüttler, geboren am 12. Mai 1933 in Kassel. Nach dem Krieg hatte er in Frankfurt/Main eine Fotolehre begonnen, sah seine Zukunft aber bald jenseits des Atlantiks. Während der NS-Zeit hatte seine Mutter einer älteren jüdischen Nachbarin geholfen, deren in Reno, Nevada, lebender Sohn aus Dankbarkeit für den jungen Deutschen bürgte und ihm so die Einreise in die USA ermöglichte. Mit acht Dollar in der Tasche kam er an, schlug sich einige Monate recht und schlecht durch, bis die Army an ihn herantrat und er Soldat wurde.

Er traf auch Elvis Presley und Salvador Dalí

Bald ging es als GI wieder zurück nach Deutschland, zweisprachige Männer konnten sie dort gut gebrauchen. In Frankfurt wurde er der Fahrer eines Colonels, war zugleich in der Fußballmannschaft seiner Einheit erfolgreich, so sehr, dass man ihn, als „Stars and Stripes“ an ihm Interesse zeigte, nur unter der Bedingung gehen ließ, dass er weiter seinem Team zu Verfügung stünde.

Eingemauert. Ost-Berliner betrachten aus ihren Wohnungen, wie die Mauer in die Höhe wächst. Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)
Eingemauert. Ost-Berliner betrachten aus ihren Wohnungen, wie die Mauer in die Höhe wächst.Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)

Schuettler hatte der Redaktion der Armeezeitung in Darmstadt-Griesheim auf gut Glück ein paar Aufnahmen vorbeigebracht und im Fotochef Red Grandy gleich einen Förderer gefunden, der alles tat, um den jungen Mann für das Blatt zu gewinnen. Und so begann seine höchst abwechslungsreiche Laufbahn bei „Stars and Stripes“, die bis 1993 dauerte, nur kurz unterbrochen durch eine zivile Zeit beim „Miami Herald“. Er fotografierte Elvis Presley 1960 in Frankfurt, kurz vor dessen Entlassung aus der Army, besuchte Salvador Dalí in Spanien, und irgendwann geriet ihm sogar Muhammad Ali vors Objektiv. Oft dokumentierte er Fußballspiele und Golfturniere, schließlich ging es in der Zeitung nur teilweise um Militärisches, doch führten ihn seine Aufträge auch aufs Deck von Flugzeugträgern oder ins Cockpit von Kampfjets. Und 1962 hatte er auch im spanischen Torremolinos zu tun, wo die 22-jährige Marianne Thater aus Deutschland studierte. Auch mit ihr gab es keine Verständigungsprobleme, im Gegenteil. Man verstand sich überaus gut – und heiratete.

Wunsch und Wirklichkeit: Eine Inschrift auf der Westseite der frisch gebauten Mauer. Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)
Wunsch und Wirklichkeit: Eine Inschrift auf der Westseite der frisch gebauten Mauer.Gus Schuettler / 2016 Stars and Stripes (All Rights Reserved)

Da war Gus Schuettler längst Bürger der Vereinigten Staaten, hatte sich schließlich als Soldat und Fotograf, auch wenn er nie Uniform trug, mehr als bewährt. „Ohne sein Talent hätten wir nie die nationale Anerkennung bekommen, die wir hatten“, rühmte ihn sein ehemaliger Chef Red Grandy, dem Schuettler einmal das Geheimnis seiner Bilder, seine ganz besondere Art zu fotografieren, verraten hatte: „Ich glaube, dass die Kamera nicht auf das Subjekt starren sollte, sie sollte nur verstohlen gucken.“

Mitarbeit: Dagmar Thater

Abzüge der Fotos können bei "Stars and Stripes" unter diesem Link bestellt werden.

Ein Porträt von Gus Schuettler aus seinem Nachlass. Foto: Privat
Ein Porträt von Gus Schuettler aus seinem Nachlass.Foto: Privat

0 Kommentare

Neuester Kommentar