Berliner Originale : Vom Kriegsreporter zum Cafébesitzer am Görli

Als Kriegsreporter arbeitete Nidal Bulbul im Gazastreifen. In seinem Café in Kreuzberg kommen heute Menschen aus verschiedenen arabischen Ländern zusammen.

Lucia Jay von Seldeneck
Das "Café Bulbul" von Nidal Bulbul in Kreuzberg ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden.
Das "Café Bulbul" von Nidal Bulbul in Kreuzberg ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden.Foto: Verena Eidel

Ein Panzer in einer staubigen Straße, davor spielende Kinder, dann ein Schuss, die Kamera wird schwarz. Nidal Bulbul blickt von seinem Laptop hoch. Auf den Bäumen gegenüber im Park spitzt das erste Hellgrün hervor. Bis vor einigen Jahren hat der Palästinenser den Krieg in seiner Heimat dokumentiert. Er hat für internationale Nachrichtenagenturen gearbeitet. Diese Bilder sind nicht weg. Sie werden den 32-Jährigen sein Leben lang begleiten. Und auch sein rechtes Bein, das ihm dort zerschossen wurde, bleibt für immer verloren.

Aber wenn man mit Nidal Bulbul spricht, dann scheint das alles sehr weit zurückzuliegen. Vor einem Jahr hat er das Café Bulbul in Kreuzberg eröffnet. Schon als kleiner Junge, erzählt er, habe er jeden Sommer in Gaza am Strand eine Bar aufgebaut und Getränke verkauft. Und dann hat er immer wieder bei sich gedacht: Irgendwann mache ich ein Café auf. Er guckt beinahe selbst ein bisschen überrascht und sagt: „Irgendwann ist jetzt!“ Dann lacht er und sagt: „Einen Traum zu haben, ist schön – ihn zu verwirklichen ist aber auch ziemlich stressig.“ Er ruft aus: „Ich habe nicht im Kugelbeschuss graue Haare bekommen, sondern hier hinter der Theke!“

Bulbul bringt die Gäste miteinander ins Gespräch

Auf den Bänken liegen orientalische Teppiche, die Wände schmücken gemalte Kalligrafien, in einer Ecke stehen arabische Bücher, auf den Sofas und Bänken sitzen Menschen und unterhalten sich oder arbeiten. Es ist ein unaufgeregtes Miteinander. Und der große Tisch draußen unter dem Baum? Das ist der Stammtisch, erklärt Nidal Bulbul. Sein ganzer Stolz. Denn hier treffen sich regelmäßig Menschen aus den unterschiedlichsten arabischen Ländern, die hier in Berlin leben. „Sie tauschen sich aus, sie helfen und vernetzen sich – und nicht selten singen und tanzen sie zusammen.“ Das, sagt der Journalist, ist doch nur in Berlin möglich, oder?

Das stimmt vielleicht. Aber es braucht auch einen, der die Gäste – ohne dass sie es merken – miteinander ins Gespräch bringt. Und das gelingt Nidal Bulbul mit seiner Aufmerksamkeit, die er jedem einzelnen entgegen bringt.

Viele Jahre lang wollte er vor allem eins: der Welt zeigen, was die Menschen in seiner Heimat Palästina erleben. „Ich habe tagelang mit der Kamera im Arm geschlafen. Ich war immer auf Stand by“, sagt er. „Irgendetwas musste ich doch machen.“ Er sei schließlich in Gaza geboren und aufgewachsen. Den Konflikt ignorieren, das ging nicht. „Aber den Agenturen ging es nur darum, exklusive Bilder zu bekommen, egal wie nah sie am Tod dran waren.“ Nidal Bulbul hat mit angesehen, wie Freunde und Kollegen direkt neben ihm getötet wurden. Und irgendwann, sagt er, ging es nicht mehr.

Zum Angst haben hat er gar keine Zeit mehr

Als er dann 2010 nach Deutschland kam, um ein Praktikum zu machen und Deutsch zu lernen, merkte er, dass ihm der Abstand guttat. Allerdings merkte er auch, dass es keine Möglichkeit mehr für ihn gab, zurück in seine Heimat zu gelangen. Die Anrainerstaaten von Palästina verweigerten ihm ein Durchreisevisum. Und Deutschland wollte, dass er einen Asylantrag stellte. Aber Nidal Bulbul schrieb zurück: Er sei nicht hier, um Asyl zu beantragen, er sei hier, weil es für ihn keinen Weg zurück in sein Land gibt. Deshalb bräuchte er jetzt einen Status für die Zeit, bis er wieder nach Hause könne. Nach einigen Briefen, einer Klage und einem Gespräch mit dem Chef der Ausländerbehörde bekam Nidal Bulbul 2016 einen deutschen Pass ausgestellt.

Angst, etwas zu verlieren, hat er nicht mehr, sagt er. Dafür ist auch keine Zeit. Er muss das Essen für die kommende Woche planen – und die nächsten Lesungen und Konzerte organisieren. Er mache ja nichts Besonderes, sagt Nidal Bulbul noch, er möchte bloß einen Ort schaffen für die Menschen aus der Nachbarschaft. Und das ist es vielleicht gerade, was das Café so besonders macht: Es ist, als wäre man zu Besuch bei Nidal Bulbul zu Hause, ein offenes Wohnzimmer, in dem sich alle neugierig begegnen. Das ist ungewöhnlich in einer Großstadt, sogar in Kreuzberg.

Nidal Bulbuls Lieblingsort in Berlin:
Die Oberbaumbrücke - „Von der Brücke aus kann ich die Stadt als Ganzes sehen, man bekommt ein Gefühl für Berlin in seiner ganzen Größe und man kann noch sehen, dass die Stadt hier einmal geteilt war.“

Bulbul Berlin, Görlitzer Str. 38, 10997 Berlin. Di-So, ab 10 Uhr. Am 28.4. feiert das Bulbul Berlin seinen ersten Geburtstag groß mit Büffet und Musik.

Von den Autorinnen erschien bereits: „111 Berliner, die man kennenlernen sollte“ (Emons Verlag, 230 Seiten, 16,95 Euro). Nun begeben sich Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel für uns auf die Suche nach noch mehr Berlinern. Bisher unter anderem erschienen: Lizzy Scharnofske, das lebende Schlagzeug - Andreas Zadonai, ein Bäcker der alten Schule - Sinan Simsek, der Buchhändler vom Kott -Gudrun Schmidt, die Seifenmeisterin aus Friedrichshain - Hanns-Lüdecke Rodewald, der Professor mit dem Moos-Auto - Britt Kanja, Lebenskünstlerin mit einer Vision.

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