Berliner Sozialatlas : Wo Berlin aufsteigt und welchem Kiez der Absturz droht

Keine guten Nachrichten für die Entwicklung der Berliner Bezirke: Benachteiligte Quartiere fallen weiter zurück, gute Stadtteile prosperieren. Dagegen entstehen neue Brennpunkte in Großsiedlungen und im Ostteil.

Ralf Schönball
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Am Stadtrand ist die Kreditwürdigkeit am besten. -Grafik: Tsp

Die Schere zwischen den wohlhabenden Stadtteilen mit positiver Dynamik und den stagnierenden Quartieren mit großen sozialen Problemen öffnet sich in Berlin immer weiter. Allerdings verlagern sich die Brennpunkte: Während einige Gebiete des traditionell „schwierigen“ Bezirks Kreuzberg von dem leichten Aufschwung am Arbeitsmarkt etwas profitieren, verschärft sich die Lage trotz guter Konjunktur in Wedding, Neukölln und Tiergarten.

Zu den bereits seit Jahren problematischen Gebieten kommen neue hinzu: In Spandau sind nicht länger nur die Großsiedlungen von der Abwärtsspirale erfasst, sondern auch Altbaubereiche. Außerdem gibt es „eine Zunahme der Problemdichte in Britz, im nördlichen Wedding und im südlichen Reinickendorf“, heißt es in dem Bericht „Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2007“ des Senats.

Zu ihrer Bewertung der Viertel kommen die Wissenschaftler der Humboldt- Universität um Hartmut Häußermann, indem sie unter anderem die Zahl der Arbeitslosen, der Sozialhilfeempfänger, der ausländischen Kinder und Jugendlichen sowie die Zahl der Zu- und Wegzüge erheben. Aussagekräftig ist die Fluktuation aus diesem Grund: Wo niemand wohnen will, zieht man weg, sobald man kann, und es bleibt, wer sich keine bessere Lage leisten kann. Oft sind in diesen Quartieren auch besonders viele Menschen nichtdeutscher Herkunft. Denn sie verdienen durchschnittlich etwa 20 Prozent weniger als Deutsche. Deshalb liegt für sie auch die Schwelle zu einem Wohnort in den bevorzugten Gebieten höher.

Aus diesen und weiteren Merkmalen haben die Wissenschaftler ein „Ranking“ der Berliner Quartiere gemacht. Ganz hinten sind gleich mehrere Weddinger Stadtteile zu finden: Der Kiez Soldiner Straße, die Reinickendorfer Straße und der Humboldthain. Ganz unten sind außerdem zu finden: die Putlitzstraße in Moabit und der Mehringplatz sowie der Mariannenplatz in Kreuzberg.

Eine sehr gute Entwicklung nehmen dagegen durchweg nur Quartiere aus den bevorzugten Wohngebieten Berlins: Hohengatow in Spandau zum Beispiel, die Flottenstraße in Westend, das Gebiet Müggelheim oder die Straße Alt-Biesdorf im gleichnamigen Kiez.

Der Bericht hebt auch wachsende soziale Probleme im Bezirk Marzahn-Hellersdorf hervor. Dort bestehe ein dringender „Interventionsbedarf“. Schwierig sei die Lage auch in Wedding, Neukölln und Moabit. Viele dieser Gebiete unterliegen bereits dem Quartiersmanagement. Dennoch sind dort noch keine deutlich positiven Entwicklungen zu erkennen.

Mehr als die Hälfte der 319 Berliner „Verkehrszellen“ werden von dem Team der Humboldt-Universität einem mittleren Status zugeordnet. Die Dynamik dieser Gebiete entwickele sich auch durchschnittlich. Dies zählt ebenso zu den guten Nachrichten der Untersuchung wie die positive Entwicklung in den bevorzugten Wohnlagen: „Diejenigen Gebiete mit einem bereits hohen sozialen Status weisen überwiegend eine positive Dynamik auf“, heißt es in dem Bericht. Die Dichte sozialer Probleme nehme dort also weiter ab, obwohl sie bereits sehr niedrig sei.

Die Wissenschaftler der Humboldt-Universität empfehlen eine neue Quartierspolitik: „Die bisherige konzentrierte sich stark auf die Innenstadtgebiete des Westteils der Stadt“, heißt es. Künftig müssten jedoch auch die Großsiedlungen am Stadtrand stärker in die Quartierspolitik einbezogen werden. Dies setze andere Strategien voraus, weil die Zahl der dort zu mobilisierenden Bürgerinitiativen, Vereine und Gewerbetreibenden gering sei. ball

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