• Berliner Staatssekretärin Chebli zum Anschlag in London: "Monster, die sich Muslime nennen, pervertieren meine Religion"

Berliner Staatssekretärin Chebli zum Anschlag in London : "Monster, die sich Muslime nennen, pervertieren meine Religion"

Der Anschlag in London bewegt Berlins Politik. Staatssekretärin Sawsan Chebli, selbst Muslima, hat einen Wutbrief gepostet, den wir hier dokumentieren.

Sawsan Chebli, Staatssekretärin, ist selbst Muslima.
Sawsan Chebli, Staatssekretärin, ist selbst Muslima.Foto: Thilo Rückeis

Sawsan Chebli ist SPD-Staatssekretärin in der Berliner Senatskanzlei. In einem privaten Beitrag auf Facebook hat sie ihre Wut über den Anschlag von London beschrieben. Wir dokumentieren ihren Beitrag hier:

„Wieder hat der Terror im Herzen einer europäischen Metropole zugeschlagen und Unschuldige in den Tod gerissen. Als Muslima macht es mich wütend und traurig, schon wieder ohnmächtig mitanzusehen, wie Monster, die sich Muslime nennen, meine Religion pervertieren und im Namen des Islams morden. Ich habe den Islam immer als friedfertige, vergebende und barmherzige Religion gelebt.

Je religiöser meine Eltern wurden, desto mehr Freiheiten habe ich gewonnen und ich weiß, das klingt in Zeiten von Terror im Namen des Islam, von Unterdrückung und Rückständigkeit in der islamischen Welt wie ein Märchen. Wenn ich heute sage: „Der Islam hat mich freier gemacht“, denken viele, ich rede hier etwas schön. Und ich nehme es ihnen nicht einmal übel. Für uns Muslime heißt das: Auch wenn wir es satt haben und es wahnsinnig ermüdend ist, uns ständig vom Terror zu distanzieren - wir müssen es tun.

Werben für den friedlichen Islam

Denn Terroristen morden im Namen unserer Religion. Wir haben die Pflicht und Verantwortung, täglich und immer wieder aufs Neue für einen friedlichen und toleranten Islam zu werben. Dazu gehört es, dass wir auch in der Öffentlichkeit kritischer mit Fehlentwicklungen in unseren Communities umgehen. Die Debatten finden ja statt. Aber sie finden hinter verschlossen Türen statt. Lasst uns weniger defensiv sein. Je offener wir über die Missstände sprechen, desto glaubwürdiger sind wir, wenn wir für unsere Werte eintreten.

Eine der größten Aufgabe für Muslime wird es sein, ein zeitgemäßes Islamverständnis zu vermitteln. In der Geschichte des Islams gab es auch immer eine Vielzahl von unterschiedlichen – oft sich widersprechenden - Interpretationen der religiösen Quellen. Die Pluralität ist ein Wesensmerkmal des Islams. Genuin islamisch ist es, unterschiedliche Gelehrtenmeinungen nicht nur auszuhalten, sondern auch wertzuschätzen. Fundamentalisten wischen diese Tradition einfach weg. Sie wollen ihre radikale, intolerante und menschenverachtende Interpretation der Religion durchsetzen. Self-made-Gelehrte interpretieren den Islam im wortwörtlichen Sinne. Sie behandeln den Koran wie ein Kochbuch. Der Koran ist aber kein Kochbuch, aus dem man nach Belieben eine Mahlzeit zaubern kann. Es bedarf immer einer theologischen Positionierung, einem Verständnis für das Gesamte, auf das die einzelnen Verse sich kontextuell beziehen.

Ich selbst bin keine Theologin, Koranexegese ist nicht mein Fachgebiet. Was ich aber auch ohne Fachwissen weiß, ist, dass wir als Muslime noch viel mehr tun müssen, um den massiven Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte zu begegnen. Aber auch die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft kann helfen: Bitte lasst euch von den Islamhassern und Schwarz-Weiß-Malern keine Islam-Scheuklappen aufsetzen! Muslime sind eure Nachbarn, Kollegen, Vereinskameraden, Mitschüler. Wir, die überwiegende Mehrheit der Muslime, lehnen Gewalt genauso ab wie ihr, setzen uns tagtäglich für ein friedliches Zusammenleben ein, engagieren uns für dieses Land, übernehmen Verantwortung. Ausgrenzung und islamfeindliche Parolen schwächen und verunsichern uns und spielen den Hasspredigern in die Hände.

Die Grundlage ist die demokratische Grundordnung

Mir macht es Angst, wenn Politiker einer bestimmten Partei einzelne Menschen aus dem Schutzbereich unserer demokratischen Rechtsordnung herauspicken und ihnen Rechte absprechen wollen. Unser Grundgesetz ist der Rahmen. Grundlage jeder Zusammenarbeit ist die Anerkennung der Prinzipien unseres säkularen Rechtstaates und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Dazu gehört ein klares Bekenntnis gegen Gewalt und zu unserer demokratischen Grundordnung. Darin hat auch ein orthodoxer Jude oder ein konservativer Muslim Platz.

Die Grenze ist da, wo religiöse Vorstellungen über Recht und Gesetz gestellt werden, wo Rechte anderer eingeschränkt, unsere Gesellschaft und ihre Ordnung aktiv bekämpft oder abgeschafft werden sollen. Es sind ist keine leeren Durchhalteparolen, wenn wir sagen, dass wir uns von Terroristen nicht auseinanderdividieren lassen, uns nicht ihre Agenda vorschreiben lassen. Wir werden weiter frei und angstfrei leben und nicht zulassen, dass diese Leute, die sich Muslime nennen, ihren Hass auf uns übertragen. Wir werden weiter lieben, weiter für Toleranz und Weltoffenheit werben!"

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