Berliner Stadtmitte : Was aus den Fundamenten der mittelalterlichen Gerichtslaube wird

Der U-Bahnbau am Roten Rathaus brachte sie hervor - Fundamente der Gerichtslaube, mittelalterlicher Ort der ersten Berliner Prozesse. Und mit ihnen die grundsätzliche Frage: An welche Geschichte wollen wir uns erinnern?

Wer eine Grube gräbt: Bei den Arbeiten für die U-Bahn wurden Spuren des mittelalterlichen Berlins entdeckt. Und nun?
Wer eine Grube gräbt: Bei den Arbeiten für die U-Bahn wurden Spuren des mittelalterlichen Berlins entdeckt. Und nun?Mike Wolff/TSP

Es war einmal, an der wichtigsten Kreuzung der Stadt, ihr ältester profaner Steinbau, genannt Gerichtslaube. Er stand seit dem Mittelalter für die Souveränität der Bürgerstadt. Wurde später verspottet, abgerissen, verschifft und kopiert. Geblieben sind seine Fundamente an prominenter Stelle: direkt in der U-Bahn-Grube vor dem Roten Rathaus.

Und die Frage ist: Was wird aus ihnen? Ist das Gründungsthema Berlins Mobilität oder Gerechtigkeit?

Die zwei Männer, die genau dort gerade stehen, streiten nicht über solche kulturhistorischen Fragen, sondern über den unterirdischen Befund hinterm Bauzaun: Wie viel Ursubstanz von den berühmten Grundmauern Berlins ist unter dem Terrain Spandauer, Ecke Rathausstraße überhaupt noch übrig, jetzt, nach dem letzten großen Baggereinsatz für den Bau der künftigen Bahnstrecke? Ihr Konflikt dreht sich um Chancen der Erinnerung – und darum, wie man Anhaltspunkte für den Ursprung der Stadt nicht ganz verliert.

Der eine Wortführer, Benedikt Goebel, ist Stadthistoriker und vertritt als Lobbyist für „Berlins vergessene Mitte“ die skeptische Behauptung, bereits 80 Prozent von den Fundamenten der legendären Gerichtslaube, dieses urtümlichen, einzigartigen Bauwerks aus der Zeit 1270 bis 1290, seien im Sommer 2014 auf Nimmerwiedersehen abgetragen worden.

Was ist das Grundthema Berlins: Verkehrswege oder Bürgersinn?

Nein, sagt der andere, der Archäologe Michael Hofmann vom Landesdenkmalamt (LDA). Vier Fünftel der Fundamente des Alten Rathauses, das dem heutigen Roten vorausging, und ebenso der Gerichtslaube seien durchaus noch an Ort und Stelle erhalten. Metertief unter der Erde, aber immerhin. Und stünden jetzt, nach einer Bestandsaufnahme im Zuge der Bauarbeiten, endlich unter Denkmalschutz – so dass sie bei künftigen Wühlmaßnahmen nicht mehr missachtet werden. Wem aber nützt so ein Denkmal unter der Erde?

Der Archäologe vom Amt und der bürgerbewegte Historiker wollen beide, pragmatisch der eine, kompromisslos der andere, historische Orte bewahren. Bei ihrer Kontroverse geht es auch darum, welche Erinnerungstopografie Nachgeborene noch als identitätsstiftend erkennen können. Ist das Gründungsthema Berlins die reibungslos flutschende Verkehrssteuerung oder der Runde Tisch? Ist es ein Knotenpunkt oder eher das erste Haus, in dem Interessenausgleich von Bürgern wenig zimperlich, aber öffentlich verhandelt wurde?

Es sind Fragen, die die Gemüter der Kommune schon vor anderthalb Jahrhunderten bewegten. Im Mai 1870 – als das mittelalterliche erste Rathaus bereits abgerissen und die Errichtung des neuen Roten Rathauses fast abgeschlossen war – berichtete der Architekt Karl Emil Otto Fritsch für die „Deutsche Bauzeitung“: Seit Jahren werde „über den Abbruch oder die Erhaltung der Berliner Gerichtslaube mit jährlich zunehmender Erbitterung gestritten“. Presse und Publikum, Behörden, Experten und Stadtverordnetenversammlung lägen über dieses Thema im Clinch. Zu diesem Zeitpunkt war das Baudenkmal noch vorhanden, allerdings als „Geruchslaube“ zur Bedürfnisanstalt herabgesunken.

Redakteur Fritsch warnte schon 1870 vor Abrisswahn

In seinem Artikel ergreift Redakteur Fritsch, ein Schwiegersohn Theodor Fontanes, wie einige Fachleute und auch der Oberbürgermeister für das antike Stück Partei. Das „zu mächtiger Entwicklung gelangte Berlin“ müsse unbedingt „den ältesten Zeugen seiner kommunalen Selbständigkeit“, eines der wenigen mittelalterlichen Relikte, bewahren. Zwar höre man vonseiten der Abrissfans, dass sich dieser Wert nur Kennern erschließe, außerdem ihre Restaurierung letztlich Neubau bedeuten würde und sie zudem noch in die Kreuzung hineinrage, also den Verkehr behindere. Dennoch: „Sollte alles abgebrochen werden, was der Majorität missfällt, so würde in dem kritischen Berlin kein Stein auf dem Andern bleiben.“

Fritsch spielt Lösungen durch. Ein Verkehrshindernis, schreibt er, stelle die Gerichtslaube momentan wohl dar. Doch sei eine kleine Verschiebung, zurück aus dem Verkehrsfluss ins Trottoir der Spandauer Straße, wohl denkbar. Technisch jedenfalls möglich. Das hätten die Amerikaner gerade in Boston mit ihrer 13-Fuß- Verschiebung des siebenstöckigen Pelham-Hotels auf einer Baufläche von 5800 Quadratmetern bewiesen. Nur sei diese einzige denkbare Rettungsoption vermutlich nicht mehr durchsetzbar, da die öffentliche Meinung den Abriss „um des Prinzipes willen verlangt“.

Dass Berlins Gerichtslaube trotz ihrer Einzigartigkeit und ihres Rekordalters lange vor 1870 ins Abseits der Wertschätzung geraten war, hat mit der entstellenden Überbauung ihrer Altsubstanz zu tun; mit der Gegenwartsfixierung jeweiliger Zeitgenossen, mit widrigen Umständen und vielleicht sogar mit ihrem läppischen Schreber-Namen.

Die Bezeichnung Laube passte eigentlich nur auf das untere ursprüngliche Stockwerk: eine nahezu quadratische, nach außen mit spitzbogigen Arkaden geöffnete Halle, deren Kreuzgewölbe auf einem Rundpfeiler ruhte. Hier wurde zu Zeiten, als Berlin über eigene städtische Gerichtsbarkeit verfügte, von Richtern und Schöffen vor dem versammelten Volk das „Nothgedinge“ abgehalten: ein „Dingplatz“ freier Stadtbürger rund um einen archaischen „Gerichtsbaum“, den vielleicht die Mittelsäule symbolisierte.

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