Berliner Szene : Die Gema ist kein gefräßiger Clubkiller

30.06.2012 00:00 Uhrvon
  • Die Gema - ist sie ein Clubkiller? Oder ist die Kritik an der Gema überzogen? Foto: dapd
    Die Gema - ist sie ein Clubkiller? Oder ist die Kritik an der Gema überzogen? - Foto: dapd
  • In Berlin haben am 25. Juni mehrere tausend Menschen gegen die geplante Gebührenreform der Musikrechteverwertungsgesellschaft Gema demonstriert. Foto: dapd
    In Berlin haben am 25. Juni mehrere tausend Menschen gegen die geplante Gebührenreform der Musikrechteverwertungsgesellschaft Gema demonstriert. - Foto: dapd
  • Die Clubbetreiber haben eine Petition gegen die Gebührenreform gestartet. Man kann sie im Internet unterzeichnen. Foto: dpa
    Die Clubbetreiber haben eine Petition gegen die Gebührenreform gestartet. Man kann sie im Internet unterzeichnen. - Foto: dpa

Die Gema ist schuld, wenn das Clubleben stirbt, sagen die Clubs, sagt die Politik – eine bequeme Lebenslüge. Der Kommerz ist längst da – aber die Kreativität ist passé. Das kann's doch nicht gewesen sein!

Ganz Berlin hat einen Gegner: die Gema. Der Bürokratenhaufen aus der Zeit der Schellackplatte, der sich einschläfernd-harmlos „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ nennt, geriert sich als gefräßiger Clubkiller. Mit ihrer neuen Gebührenordnung greift sie das Allerheiligste an, das diese Stadt zu bieten hat, ihre emotionale Existenzgrundlage, ihren Marketingstolz: die Tanzveranstaltung.

Zehn Prozent vom Eintrittspreis sollen künftig an die Gema gehen – unmöglich, sagen die Clubbetreiber. Die Gebühren würden, je nach Art des Events, um das Vierfache, Fünffache, zuweilen sogar um das Zehnfache steigen.

Vom Berghain etwa heißt es, statt 30.000 Euro im Jahr seien dort demnächst 300.000 Euro fällig. Da kann man schon auf die Idee kommen, das sei unverschämt teuer, und dass es gut und richtig ist, dass das zuständige Patent- und Markenamt eingreift. Man kann aber auch auf die Idee kommen, dass es bisher unverschämt wenig war, was manche Clubs von ihrem Gewinn an diejenigen weitergereicht haben, ohne die es ihr Geschäft gar nicht gäbe.

Die Gema ist kein Selbstzweck, sondern der Dienstleiter von Komponisten, zu deren Musik getanzt, gefeiert und getrunken wird. Ohne Gema hätten sie keine Zeit, neue Musik zu schreiben, denn sie müssten sich selbst darum kümmern, das einzusammeln, was ihnen zusteht, wenn ihre urheberrechtlich geschützten Werke öffentlich von anderen zum Geldverdienen genutzt werden. Ohne Gema wären die meisten Musiker gar keine mehr, jedenfalls nicht beruflich, sondern Müllwerker oder Mathelehrer. Viele kämen ohne das Geld, das sie von der Gema für ihre angemeldeten und gespielten Werke bekommen, nicht über die Runden, nicht mal in Berlin.

Es gibt eine Menge Gründe, an der Gema zu zweifeln: die überkomme Trennung von ernster, unterhaltender und funktionaler Musik; der Irrglaube, dass jedes Lied Anfang und Ende braucht, so als wäre auch die musikalische Welt immer noch eine Scheibe; der dissonante Verteilungsschlüssel, generell die Mitgliedsbeiträge; und auch die neue Gebührenordnung wirkt nicht konzertant.

Aber diese spezielle Kritik an der Gema, ob wegen ihres Kampf gegen die Monopolmilliardäre von Google, die auf ihrem Videoportal Youtube ganz ungeniert Kunst klauen lassen, ob wegen höherer Gebühren für Clubs und Diskotheken – das ist vor allem der Ausdruck piratöser Larmoyanz, die es als große Ungerechtigkeit empfindet, für die künstlerische Arbeit anderer auch noch bezahlen zu müssen, bloß weil man damit Geld verdient.

Umfrage

Sommerzeit ist Badezeit. Gehen Sie gerne in Berliner Seen schwimmen?

Service

Zehlendorf Blog

Wir möchten mit Ihnen ein Experiment wagen: Unsere Zehlendorf-Seite ist online - das digitale Magazin aus dem Berliner Südwesten. Ein journalistisches Produkt zum Mitgestalten. Jeden Tag kümmern wir uns, gemeinsam mit Jugendlichen und Leser-Reportern, um die spannendsten Geschichten aus dem Stadtteil, um lokale Politik und das Lebensgefühl der Menschen.
Der Zehlendorf Blog - das neue hyperlokale Online-Magazin

Entdecken Sie Berlin


Wo sind die besten Cafés der Stadt zu finden? Wo die besten Spielplätze? Oder wie finde ich die interessantesten Museen und Theater?
Mit der neuen Best-of-Berlin-App können Sie spielend Berlin entdecken.

Der Stadtleben-Blog

In Berlin kommt man nicht zur Ruhe. Zum Glück. Hier bloggen vier Tagesspiegel-Autoren über Kultur, Szene und Nachtleben der Stadt.
Berichte aus einer lauten Stadt

Nachrichten aus den Bezirken

Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
Diskutieren Sie mit!

Weitere Themen

Willkommen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden Lesungen und Salons, Konzerte, Vorträge und Seminare für Leserinnen und Leser statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.
Das Stadtmagazin des Tagesspiegels.

Tagesspiegel-Spendenaktion

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...