Berliner U-Bahn : Unternehmerglück im Untergrund

Auf dem Fahrkartenschwarzmarkt in der Berliner U-Bahn sind die Preise stabil. Ole und Jana schlagen sich hier als Verkäufer durchs Leben.

Maren Nelly Keller
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Gebongt. Ein Euro pro Karte. -Foto: Heinrich

Ole arbeitet in der Berliner Unterwelt, nicht ganz weit unten, ein paar Treppenstufen nur. Ole, ehemals Industriekletterer, ehemals selbstständig, dann scheinselbstständig, jetzt hoch verschuldet, redet so hart über die Welt, wie über sich selbst. Er sagt, Junkies sind Drecksvolk, und weil er selbst auch dazugehört, sagt er sich manchmal: Ach, leck mich doch. Ich hau mir ein bisschen mehr rein. Und das war es dann einfach. Wirklich machen würde er das aber nie, sagt er dann schnell. Denn Ole hat Jana.

Es ist kurz vor vier, als Ole und Jana, beide offiziell arbeitslos, zur Arbeit gehen. Jeden Tag von vier Uhr nachmittags bis acht Uhr am Abend, am immergleichen Ausgang des immergleichen U-Bahnhofs in Kreuzberg, verkaufen sie gebrauchte Fahrkarten auf dem Schwarzmarkt. Feste Arbeitszeiten, feste Arbeitsteilung: Jana schnorrt gebrauchte Tickets. Ole verkauft die Fahrkarten an Touristen, Studenten, Stammkunden. Eine Karte bei Ole und Jana kostet einen Euro, eine Karte am Automaten kostet 2,10 Euro. Die Preise hat Ole nicht gemacht, das war schon immer so, sagen sie, das koste es hier an jeder Station. Die Preise auf dem Berliner Ticket-Schwarzmarkt sind stabiler als die Preise der Berliner Verkehrsgesellschaft.

Zwischendurch trinkt Ole Pils, dreht Zigaretten, raucht und rechnet sich aus und schön, dass er zu den zehn Prozent der glücklichsten Menschen der Welt gehört. Seine Rechnung geht so: Die Menschen in Afrika und so werden verkuppelt, fallen gleich weg. Bleiben die Industrienationen. Da findet die große Mehrheit aber auch nie die echte Liebe. Bleiben vielleicht zehn Prozent. Bleiben Ole und Jana. Deshalb, sagt Ole, sei er ein Glückspilz. Jana mag, dass Ole so logisch denken kann.

Sie sagt: Ole hört Nachrichten und checkt sofort alle Zusammenhänge. Ole sagt: Jana hat sich trotz vierzehn Jahren Heroin ihre Seele bewahrt. Deshalb, sagen sie, sei Jana besser im Betteln und Ole sei besser im Verkauf.

Seit ein paar Jahren verlieren die Fahrkarten in Berlin ihre Gültigkeit, wenn man wieder auf den Bahnhof zufährt, an dem sie entwertet worden sind. Man kann nur noch in eine Richtung fahren. Deshalb, sagt Jana, müsse man das Liniennetz gut kennen. 170 U-Bahn-Stationen. Ole habe sie alle im Kopf, sagt Jana.

Seit neun Wochen stehen Ole und Jana an dieser Station, in spätestens neun weiteren Wochen soll alles ganz anders sein. Kein Job für längere Zeit, sagen sie. Ein paar Stationen weiter nur stehen zwei Männer mit rotem Gesicht. Von eins bis sechs jeden Tag. Seit neun Jahren. So lange wie die beiden, erzählt man sich, sei sonst keiner dabei. Die Männer erzählen, ein Typ namens Franky habe die Idee aus Amerika hier hergebracht.

Er habe sie eines Tages am Tresen gefragt: Warum macht ihr nicht Fahrkarten? Seitdem machen sie Fahrkarten. Nur sonntags nehmen sie sich frei und manchmal gehen sie nach 20 Euro schon in den Feierabend. Von dem Geld kaufen sie zwölf Flaschen Bier und eine Flasche Wodka, manchmal auch zwei.

Wenn man fragt, ob sich nicht vieles verändert habe in den neun Jahren, in Kreuzberg, in der Welt, schütteln die Männer den Kopf. Gleiche Station, gleiche Leute, gleiche Arbeit, sagen sie. Als gebe es immer nur Menschen, die entweder Richtung Uhlandstraße oder Richtung Warschauer Straße wollten, und keine Gentrifizierung, keine Kriege, keine Krise. Immer nur Fahrscheine, ein Euro das Stück, zwanzig Euro am Tag, zwölf Bier und ein Wodka.

Franky wurde schon lange von Niemandem mehr gesehen, Schulterzucken, der war ja schon alt, sagen sie, vielleicht sei er tot. Er hat der Stadt ein florierendes Untergrund-Unternehmen vermacht. Ein gewaltiger Schwarzmarkt, der so effizient funktioniert, dass sich hier mühelos alle Grundsätze der Betriebswirtschaftslehre studieren ließen. Gewachsen in einem Jahrzehnt, aus einem einzigen Bahnhof in Kreuzberg heraus. Auf den guten Bahnhöfen arbeiten sie längst im Schichtbetrieb, manchmal mit sieben Mann.

Bevor Ole und Jana anfangen, steht einer an ihrer Station, der in den restlichen Stunden des Tages aus Schrott Kunst zusammenschweißt. Früh morgens arbeitet hier ein Student. Neuerdings aber, so seit einem Jahr, kämen die Banden und brächten die gesamte Ordnung durcheinander. Halten sich weder an Revierabsprachen noch an Unternehmensethik. Sie haben keine festen Stationen, stehen überall eine Stunde oder zwei. Wollen schnelles Geld machen, mit gefälschten Tickets.

Heute kommen sie so gegen sechs. Zwei Rumänen mit Trainingsjacken und Kinderwagen, die auf den Treppenstufen sitzen, schließlich ein paar alte Fahrscheine aus dem Mülleimer ziehen, verschwinden. Ole sagt, sie werden später den Stempel abrubbeln, das Ticket neu entwerten. Die Fahrgäste könnten das nicht sehen, die Kontrolleure schon. Wenn die Leute damit Ärger bekämen, kauften sie beim nächsten Mal doch lieber am Automaten. Das sei doch logisch, Kundenbindung, Unternehmensethik.

Es geht bei dem Streit um mehr als ein paar Tickets. Es geht auch um die Frage, wer sich an wem bereichert. Die BVG an den Kunden oder die Schwarzmarkthändler an der BVG oder die Banden am Schwarzmarktsystem oder alle an allen. Ole sagt, er verkaufe die Fahrkarten, um nichts Verbotenes tun zu müssen. Ein Sicherheitsmann der BVG sagt, egal, verboten ist verboten, unsere Bahnhöfe müssen wieder sicher werden, und überträgt darum Namen und Adressen vermeintlicher Schwarzhändler mit sauberen Buchstaben in ein Büchlein, das er in einer Bauchledertasche durch die Gegend fährt. Wer erwischt wird, bekommt einen Platzverweis, egal ob Händler oder Bande. Nicht zuletzt deshalb sind alle Personennamen in diesem Text frei erfunden.

Oles und Janas Umsatz schwankt mit den Tagen und Stunden. Sie haben ein klares Tagesziel: Zusammen brauchen sie 40 Euro, zur Not machen sie Überstunden. Alle zehn Euro verschwindet Ole für ein paar Minuten, ein bisschen was sichern , wie er sagt. Wenn er wieder kommt, trägt er eine kleine grüne Kugel in der Hosentasche, die so harmlos aussieht, als habe er sie gerade aus einem Kaugummiautomaten gezogen. Weißes Pulver in Mülltütenfolie. Die erste Kugel öffnet Ole noch in der Station, streicht das Pulver auf dem öffentlichen Telefonapparat aus, rollt ein Ticket, schiebt das Papierröhrchen in sein Nasenloch, setzt an, zieht.

Ole sagt, eigentlich wolle er viel lieber ein Buch schreiben mit dem Titel „Das Konzept“. Er würde Politik machen, Leute wachrütteln. Gerechteres System, freie Grundversorgung, freier Zugang zum Nahverkehr, dann gäbe es den Schwarzmarkt nicht mehr, auch egal, er lebte mit Jana ja längst in einem Land, in dem es keine Drogen gibt.

Das ist am Abend mit drei hellgrünen Kugeln in Oles rechter Hosentasche und einer im Körper. Er sagt: Das ist der Heroin-Teufel. Abends bist Du drauf und hast die tierischsten Pläne. Und morgens kommst du dann zu gar nichts. Und das jeden einzelnen Tag. Manchmal reden sie deshalb über Entzug. Jana sagt: Zwei weichgekochte Spaghetti können sich nicht stützen. Das gibt ein Matschknäuel, das am Boden liegt. Maren Nelly Keller

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