Berlin : Berlinisch     für Anfänger

Es mag sein, dass das Schwäbische der Berliner Schnauze über den Mund fährt – doch die Heimatsprache ist nicht totzukriegen. Sie ist sogar beliebt im ganzen Land – obwohl sie keine Regeln kennt.

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Viele junge Leute drängen nach Berlin, sehen ihre Zukunft in der Hauptstadt und wünschen sich folglich, deren charakteristischen Dialekt zu erlernen – schon, um Wolfgang Thierse nicht zu erzürnen. Aber ach. „Lass det ma lieba!“, wird ihnen der Eingeborene entgegenhalten müssen, denn er weiß, dass das Berlinische nichts Fixiertes ist, sondern einem langen ruhigen Fluss gleicht, ständig unterwegs, von kaum einer Regel eingedämmt, aber immer beiderseits bedroht von feiner Hochsprache und niederem Kiezdeutsch.

Nur sehr langjährige Berliner wissen, wie es geht und erkennen sich gegenseitig – aber können es auch niemandem erklären. Wer sich auf das Reiseführer- Berlinisch (oder Berlinerisch? Da geht’s schon los!) verlässt, der wirkt ähnlich lächerlich wie einer, der in Helsinki aus „Finnisch für Anfänger“ vorträgt. Kiitos!

Wenn irgendwo „Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene“ als typisches Beispiel rezitiert wird, ist das Dilemma schon deutlich: So redet seit Zille niemand mehr. Aber wie soll man erklären, dass „Oogen“ noch irgendwie geht, „Fleesch“ unmöglich, „Beene“ aber relativ aktuell ist? Und was antworten, wenn einer mit Ost-Vergangenheit das dann wieder ganz anders sieht als ein gebürtiger West-Berliner (also kein Wessi, denn das waren ja damals die Westdeutschen)? Einig sind sich beide im Grunde nur in einer kategorischen Feststellung: „Baalin“, wie häufig zu lesen ist – nein, das hat noch nie ein echter Berliner gesagt.

Es fängt schon mit den Grundlagen an. Ist Berlinisch nun ein Dialekt wie das Fränkische, ein aufs Proletarische beschränkter Soziolekt oder ein Metrolekt, der nur in der Stadt selbst gesprochen wird? Je nach Blickwinkel. Wer sich durch Bücher wälzt oder durchs Internet klickt, trifft höchst divergierende Behauptungen, die oft nur in einer Stadthälfte falsch sind.

Eine lautet: Der Berliner Zungenschlag habe zu Zeiten der Wiedervereinigung noch als normal gegolten, stehe aber heute im Ruf des Proletendeutsch. Das ist aus West-Sicht kompletter Unfug, aus Ost-Sicht aber durchaus plausibel. Die West-Berliner Kinder der späten Nachkriegszeit sprachen ihre Mundart, wussten aber, dass sie als Unterschichtphänomen galt und deshalb offiziell verleugnet werden musste – West- Orientierung als sprachliche Pflicht.

Im Osten hingegen existierten Berlinisch und andere Dialekte wie das Sächsische oder Thüringische friedlich nebeneinander mit der Tendenz zur Vermischung, vermutlich wegen einer Gesellschaftsordnung, die das Proletarische zu schätzen und zu fördern zumindest behauptete. Neuentwicklungen wie „urst“ oder „jetze“ drangen deshalb nicht zufällig aus östlicher Richtung in den gemeinsamen Sprachschatz vor. Und deshalb wird auch, wie Untersuchungen bestätigen, im Osten immer noch mehr berlinert, allen schwäbischen Einmärschen zum Trotz.

Aber: Die DDR-Machthaber sprachen immer entweder angenähertes Hochdeutsch oder extrem vernuscheltes Sächsisch; authentisch berlinert haben sie selten, genauso wenig wie ihre westlichen Pendants. Selbst heute würde ein deutlich berlinernder Landespolitiker als sonderbar und keinesfalls ministrabel gelten. Klaus Wowereit kann’s natürlich, lässt sich aber nie dabei erwischen, Frank Henkel fällt auf durch die übergenaue Artikulation des Konvertiten. Wie anders dagegen München (und auch Stuttgart), wo die aktive Beherrschung der örtlichen Mundart vom Podium aus geradezu Pflicht ist. Daraus lässt sich der Eindruck ableiten, dass die Eingeborenen aus dem Süden ihre Mundarten offiziell und ohne schlechtes Gewissen in die weite Welt mitnehmen, während die Berliner eher zur Verleugnung tendieren.

Das ist andererseits, auch wenn Thierse widersprechen wird, im Sinne der Zivilisation durchaus segensreich. Denn das Berlinische ist ja eine schlackenfreie, ultraeffiziente und direkte Sprache, deren Intonation direkt neben der Gemeinheit angesiedelt ist, scheinbar gedüngt von Beleidigtsein, Aufschneiderei, Angriffslust. Wer sich in untertäniger Absicht einem Hausmeister, Klempner oder niederen Beamten nähert, der hört schon an dessen Tonfall, dass es Krach geben wird. Zackig, militärisch, grob - das sind die üblichen Assoziationen. Zu Recht, denn beim richtigen Berlinern kommt es viel mehr auf die koddrige Einstellung als auf das Beherrschen einer Grammatik an.

Überraschend ergab allerdings eine Forsa-Umfrage vor nicht allzu langer Zeit, dass 69 Prozent der Deutschen die Berliner Schnauze lieben; allerdings wurde nicht deutlich, ob diese Liebe auf persönlichem Kontakt beruht oder nur auf TV-Begegnungen mit Kunstgeschöpfen wie Kurt Krömer. Im Fernsehen hat Berlinern ersichtlich dennoch keine Zukunft, die Damen vom Grill mit ihren Atzen sind ebenso vergessen wie Wolfgang Gruner als Straßenkehrer Otto Schruppke. Und als die „BZ“ vor kurzem eine ganze Ausgabe auf Berlinisch stemmte, bewies sie damit nur, dit dit nich ma für Berlina lesba is, wa?

Ach, und die Schrippe, vulgo: Schrüppe. Wolfgang Thierse will sie retten, dabei scheint diese Rettung gar nicht nötig zu sein. Der in Berlin lehrende Linguist Anatol Stefanowitsch hat in Hamburg beobachtet, dass dort das lange Zeit unangefochten dominierende „Rundstück“ (Rrrunds-tück) verdrängt wurde – erst vom allgemeinverständlichen Brötchen, dann aber von der: Schrippe. Offenbar auch in der seltsam widersprüchlichen Form der „Hamburger Schrippe“. Wohin diese Norddrift führt? Womöglich zur „Berliner Wecke“.

Wäre das akzeptabel, Herr Thierse?

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