Berlins ungemütlichster Platz : Wer lebt eigentlich am Alex?

Touristenmassen, Gewaltexzesse und Kommerz: Der Alexanderplatz hat keinen guten Ruf. Echte Berliner steigen hier nur um oder kaufen ein. Mehr nicht. Oder?

von und Jonas Schaible
Ein Unort? Der Alex kann auch schön sein, wie das Foto von Februar 2016 beweist.
Ein Unort? Der Alex kann auch schön sein, wie das Foto von Februar 2016 beweist.Foto: imago/Manngold

Eine Betonwüste mit Einkaufszentren und einem Bahnhof, voller Menschen, aber ohne Leben. Im Winter noch mehr, wenn es kalt ist und der Wind über die freien Flächen unter dem Fernsehturm fährt, wenn es dort noch grauer ist als sonst, weil der kleine Park neben dem Neptunbrunnen sich in eine Matschfläche verwandelt hat und der Brunnen selbst trocken liegt. Der Alex, ein Unort im Zentrum der Stadt.

Ein Tag auf dem Platz, an seinen Rändern und etwas darüber hinaus, zwischen Weltzeituhr und Rotem Rathaus, Alexa und Fernsehturm, Bahnhof und Neptunbrunnen, Karl-Liebknecht- und Rathausstraße. Viele Gespräche. Viel Ablehnung, viel Stirnrunzeln, viele Sündenböcke. Irgendeine Randgruppe ist immer schuld am schlechten Zustand des Alex. „Wir alle sind froh, wenn wir wieder weg sind“, sagt ein Verkäufer in einem Laden.

Zum Alex fährt man nicht, um zu flanieren, nicht um zu rasten, innezuhalten. Allenfalls um einzukaufen, oder, vor allem, umzusteigen: Zur Spitzenzeit fahren stündlich 66 U-Bahnen und 72 Trams ein. An einem Tag rauschen 375.000 Menschen auf den Platz - und wieder weg. Jeden Tag kommen hier mehr Menschen vorbei, als Bonn Einwohner hat.

Die Gewalttaten der vergangenen Jahre haben sich eingebrannt: Jonny K., der 20-Jährige, 2012 totgeprügelt an der Rathausstraße. Ein Jahr später ein nackter Mann mit Messer, erschossen von der Polizei im Neptunbrunnen. Die 60-jährige Frau im Sommer 2016, vor eine U-Bahn gestoßen. Etwa 600 Gewalttaten pro Jahr erfasst die Polizei am Platz - und noch viel mehr Diebstähle.

Und doch gibt es sie, die Orte am Alexanderplatz, die Heimat sind. Menschen, die hier wohnen, teilweise schon seit Jahrzehnten. Die hierhergezogen sind, weil sie nirgends sonst leben wollten. Die sich sorgen und kümmern. Die ihn lieben, den Platz, der viel mehr ist, als die Eiligen in ihm sehen.

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