Berlin : Bernd Wolf (Geb. 1953)

Was nutzen Batterien, wenn niemand Energie aus ihnen beziehen kann?

Anselm Neft

Den blauen Overall von Farbflecken besudelt, Farbspritzer auch an der randlosen Brille, so sieht man ihn über eine große Leinwand gebeugt. Immer wieder taucht der große, drahtige Mann mit den millimeterkurzen Haaren seine Hand in einen Farbtiegel, verreibt die Farbe in Sekundenschnelle auf der Leinwand, wischt die Hand an der Hose ab, taucht sie erneut in den Tiegel. Bernds Erscheinung verblüfft: Völlig sinnlich und zugleich reiner Geist, nicht ganz von dieser Welt. Tatsächlich interessiert sich Bernd vor allem für die Übergänge vom Immateriellen ins Materielle ins Immaterielle und für die Überwindung der scheinbaren Gegensätze. Kunst ist für ihn nur Kunst, wenn sie transzendent ist.

Das fertige Bild lässt die vollführten Handbewegungen erkennen, dokumentiert ihre Richtung und Geschwindigkeit. Bernds Absicht: absichtslos schaffen, nichts erreichen wollen, sondern erreicht werden in einem dem Bewusstsein unzugänglichen Prozess. Und doch gibt es später Kriterien, ob das Bild stimmig ist oder nur ein Versuch. Manche Leinwände übermalt Bernd 30 Mal. Gelingt ein Bild auf Anhieb, ist er enttäuscht. „Scheitern schafft mehr Energie“, sagt er. „Bilder sind Batterien. Ich speichere Energie in ihnen, die der Betrachter für sich abzapfen kann.“

Eigentlich wollte Bernd Psychoanalytiker werden. Beim Praktikum in einer Reha-Werkstatt für Schizophrenie-Erkrankte stellte er jedoch fest: Das sind sehr interessante Menschen. Ich kann ihnen nicht helfen. Bernd fiel in eine Krise. Das Ziel, auf das er hingearbeitet hatte, löste sich in Luft auf. Gerade war er von zu Hause in eine WG gezogen. Nun lag er die meiste Zeit auf dem Bett, dachte nach und zeichnete. Ein Freund, der unbedingt am Frankfurter Kunstinstitut aufgenommen werden wollte, riet ihm, sich auch dort zu bewerben. Bernd wurde genommen, der Freund nicht. Er wurde stattdessen Psychoanalytiker.

In den Siebzigern, in denen Bernd am Städelschen Kunstinstitut lernte, sah er mit seinen 1,95 Metern und der langen, schwarzen Haarmatte zwar aus wie der König aller Hippies, aber anstatt wie viele andere zu diskutieren, zu demonstrieren und zu kiffen, malte er. Es bereitete ihm keine Mühe, sich selbst zu organisieren. Mit sechs Jahren hatte er die Mutter verloren. Den Drill des kriegsversehrten, bitter werdenden Vaters hatte nur Ursula erträglich gemacht, Bernds mütterlich-liebevolle ältere Schwester.

Bernd bezog bald ein eigenes Atelier und wurde im Frankfurter Raum bekannt. Um die oft isoliert arbeitenden Künstler zu vernetzen, gründete Bernd die „frankfurter edition“, einen kleinen Verlag, in dem jährlich etwa 20 Unikatbücher in künstlerischer Kooperation entstanden. In die Produktion stieg bald Coco ein, die Frau, die Bernd 1994 heiratete. Coco hatte in München Psychologie und Kunst studiert, in Berlin zog sie mit Bernd zusammen und bildete sich in Architektur und Journalismus weiter. Wie Bernd hatte sie bereits ein Kind.

Die Dahlemer Wohnung der beiden sah häufig Besuch. Zum Beispiel Jonas, Bernds Sohn. Aus Bernds Hifi-Anlage wurden zur Begrüßung die Bachschen Solos für Cembalo und Viola da Gamba gespielt. Das Zusammenklingen zweier einzelner Instrumente, wie ein Ich und ein Du, die zum Wir werden.

Bernd war zugewandt und als Zuhörer so präsent wie als Erzähler. Freunde suchten seine Meinung, denn sie wussten: Bernd blickt tief und sagt, was er denkt.

Seine Konzentration schulte er nicht allein im Atelier. Im Aikido erreichte er den 2. Dan, ebenso im Kyudo, der japanischen Bogenschieß-Kunst. Neben dem vergeistigten, fast asketischen Bernd, existierte jedoch der Genießer, der bei gutem Wein große Kochgelage mit Freunden veranstaltete und Geschichten von seinen zahlreichen, langen Reisen – zum Beispiel im Hanomag nach Indien – erzählte. Neben dem Genießer existierte ein Sparfuchs und neben dem Gourmet ein Fertiggerichtesser: Mittags im Atelier machte sich Bernd gern ein Schlemmerfilet á la Bordelaise heiß.

Als die Diagnose kam, Magenkrebs, Metastasen, ließ Bernd sein letztes Bild unvollendet liegen. Konsequent, wie es seine Art war, setzte er sich nun nur noch mit seiner Endlichkeit auseinander. Warum wollte ein Teil von ihm nicht mehr leben? Was bedeutete Loslassen in letzter Konsequenz? Was hieß „nie mehr“ wenn man es vor die Namen Coco setzte, vor Jonas, vor die Namen von Bernds Freunden, vor die Worte „Malen“ und „Reisen“? Was würde mit seinen Bildern nach seinem Tod geschehen? Was nutzen Batterien, wenn niemand mehr Energie aus ihnen beziehen kann (sieht man einmal von Bernds Wandelaltar in der Grunewaldkirche ab)?

Er brachte Ordnung in seine Werksammlung und entwickelte die Idee eines „Gästezimmers“: Interessierte, die eine freie Wand haben, können ein Bild bei sich aufhängen. Der Ort wird im Internet dokumentiert und kann von anderen Interessierten besucht werden. Bernd würde es so ausdrücken: Das Bild ist erst fertig, wenn es seinen Betrachter gefunden hat. Anselm Neft

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