Besuch auf Sex-Messe "Venus" : Brust raus, Bauch rein

Die Sexbranche möchte weg von ihrem Schmuddel-Image. Am Funkturm lädt sie noch bis zum Sonntag wieder zur Messe. Die „Venus“ wird 18. Ist sie jetzt erwachsen? Ein Rundgang.

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Kopfkino. Im Rampenlicht auf der Sex-Messe Venus.
Kopfkino. Im Rampenlicht auf der Sex-Messe Venus.Foto: dpa

Hier sollen also Jungsträume wahr werden. Auf der „Venus“ unterm Funkturm werden deshalb die Stars des Geschäfts aufgereiht, sortiert nach den erwarteten Geschmacksrichtungen der Messebesucher: das Schulmädchen mit Schnute und langen Haaren, die nette, üppige Nachbarin, der weibliche Bücherwurm mit Hornbrille, die rothaarige Discomaus. Man darf die Frauen fotografieren, aber nicht anfassen. In der Live-Show darf man auch anfassen, das kostet aber 15 Euro mehr.

Ankunft auf der größten internationalen Fachmesse für Erotik, 250 Aussteller, 40 Länder, Eintritt 35 Euro. Ankunft in einer anderen Welt. Die auch zum Menschen gehört. Und zu Berlin. Seit 18 Jahren.

Besucher aus ganz Deutschland

Die Besucher kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. Es ist – auf den ersten Blick – ein Milieu der trotzigen Männer, die nicht erwachsen werden möchten. Sie tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Wir feiern nicht – wir eskalieren“ oder „Rebel Spirit – A royal way of life“. Ihr Traumberuf wäre vermutlich der des Conférenciers auf dieser Messe, der da vorn gerade seine Bühnenmodelle anpreist: „Na, ist die Puppe nicht lecker? Jetzt geben wir richtig Gas – zeig mal, was du hast. Is geil, oder? Wir haben sie alle für euch!“

Erotikmesse Venus
Kontrovers, schräg und gut besucht. Die Erotikmesse. Miriam Alston ist Studentin an der Photoacademy Urbschat und hat sich für uns umgesehen. Ihre Eindrücke sehen Sie hier.Weitere Bilder anzeigen
1 von 62Foto: Miriam Alston
17.10.2014 17:08Kontrovers, schräg und gut besucht. Die Erotikmesse. Miriam Alston ist Studentin an der Photoacademy Urbschat und hat sich für uns...

Das Messepublikum besteht – auch auf den zweiten Blick – fast ausschließlich aus Männern, einzeln oder im kichernden Trupp unterwegs, alle fotografieren ausgiebig. Die Frauen werfen sich in Pose, spitzen die Mündchen, wackeln mit den Brüsten, das gehört zum Geschäft.

Mit 18 Porno-Darsteller

Eine von ihnen nennt sich „Caro Cream“; sie sagt, sie sei 19 Jahre alt und seit März im Erotik-Business. Sie lädt Pornofilme auf ihre Website hoch und hofft auf zahlende Kunden. Wie kam es zur dieser beruflichen Orientierung? „Weil die Sache mir Spaß macht. Der Job füllt mich aus.“ Neben ihr auf der Bühne: „Don John“, 27. Er hat mit 18 Jahren als Pornodarsteller angefangen. Nebenher war er noch als Musiklehrer (Klavier, Saxofon, Gitarre) tätig, doch jetzt konzentriert er sich ganz auf Pornos und hält sich für „einen der fleißigsten Darsteller in der Branche“. Seine Arbeitszeit? „Zwei bis vier Stunden am Tag.“ Er ist froh, dass es Viagra gibt. Im Monat verdient er etwa 2000 Euro.

Die Messe bietet – erst auf den dritten Blick – eine erstaunliche Vielfalt an Angeboten und Produkten, die ganz direkt oder nur entfernt mit Sex zu tun haben: russische Pornos und Latex aus Japan, viktorianische Schnürkorsetts aus Dinslaken, vegane Gleitcreme, Holzvibratoren, ein Gangbang zum Mitmachen, verführerische Lingerie, Swinger-Urlaub auf Lanzarote. Eine Hobbyhure wirbt für ein Internetportal und das „Cyberskin Reality Girl“ hat die aufblasbare Sexpuppe abgelöst. Unzählige Männerhände testen die neuartige Latextextur, die sinnlichen Genuss verspricht. Für Frauen gibt es den „womanizer“; das Spielzeug verspricht einen „Orgasmus ohne Berührung“.

Nebenan wirbt ein Aesthtic Med Service für Brustvergrößerungen in Stettin und zeigt eher unappetitliche Bilder aus dem Operationssaal. Es gibt auch einen Stand vom „Bundesverband Erotik“, doch der Kollege ist „grade für kleine Jungs“.

Erotik-Markt ist umkämpft

Der Erotik-Markt ist hart umkämpft. Sex gibt es im Internet kostenlos, das hat zu schweren Umsatzeinbußen geführt. Andererseits müssen sich Frauen längst nicht mehr heimlich für Toys und Dessous interessieren. Auf der Sex-Bühne wird vor einer johlenden Männermenge der fachgerechte Gebrauch eines Dildos zelebriert. Discomusik und Lichtgewitter inszenieren eine Eventatmosphäre, die von den routinierten Zuckungen des mageren Models konterkariert wird.

Die Fetish Area ist erholsam leer. An der „öffentlichen Registrierungsstelle“ für sklavenmarkt.com können sich BDSM-Interessierte anmelden. „Hier findet jeder Topf seinen Deckel“, sagt die freundliche Dame am Stand. Der Fetisch-Markt wird zwar größer, dennoch fühlen sich die Aussteller auf dieser Messe noch etwas fehl am Platz. Ihnen geht es um Selbstverwirklichung einer Neigung, während in den anderen Hallen mit Träumen Geld gemacht wird. Wie ist die Rollenverteilung in ihrer Community? Die Frau lacht: „Auf eine dominante Frau kommen hier fünf unterwürfige Männer – wie im richtigen Leben.“

Der Mann und die Domina

Ein Mann in Badehose und Halsband mit Kette wird gerade von einer Domina herumgeführt. Doch die Besucher haben hier plötzlich Berührungsängste. Sie wollen lieber nackte Frauen fotografieren.

Die Sex-Branche möchte ihr Schmuddel-Image loswerden, doch auch im 18. Jahr der Messe kommt sie nicht aus der Pubertät heraus. Ein letzter Blick auf den Venus Award 2014. In der Kategorie „Beste Innovation“ werden „Wichstücher“ ausgezeichnet – Tücher mit aufgedruckten Frauengesichtern und dem Slogan: „Du wichst in eine Socke? Komm lieber auf uns!“

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