Besuch beim Kirchentag in Berlin : Obama und die Religion

Barack Obama hat gezeigt, dass er Menschen berühren kann wie ein Prediger. Religiös erzogen wurde er nicht, zum Glauben an Gott fand er spät.

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Kann reden wie ein Prediger: Barack Obama, hier bei seinem Berlin-Besuch 2008.
Kann reden wie ein Prediger: Barack Obama, hier bei seinem Berlin-Besuch 2008.Foto: Rainer Jensen/dpa

Es sind kostbare Momente: Wenn Menschen erfahren, welche Kraft der Glaube spenden kann. Barack Obama ist sich dieser Macht bewusst und hat die Gabe, sie zu gebrauchen. Und doch gibt es Zweifel: Wie religiös ist er denn nun wirklich?

Ende Juni 2015, zum Beispiel, stimmte er am Ende der Traueransprache in einer schwarzen Kirchengemeinde in Charleston „Amazing Grace“ an: die Hymne, die Generationen von Sklaven Lebensmut gegeben hatte. Neun Tage zuvor hatte ein junger weißer Rassist dort neun Afroamerikaner beim Gebet ermordet. Was kann man da überhaupt Tröstendes sagen, zumal als Präsident, der die vielfältig gespaltene Nation mit sich versöhnen wollte? Und den viele zum Symbol einer neuen „Post Racial Era“ verklärt hatten: eines Amerika, in dem Hautfarbe und Herkunft keine Rolle mehr spielen. Die Schießerei und ihre Umstände zeigten, wie fern die Hoffnung auf solche Zeiten noch lag.

Doch als Obama mit einsamer Stimme die Melodie ertastet, Tausende einfallen und das Lied vom Wunder der Gnade zu einer großen, starken Botschaft anschwellen lassen, jagt dieses Erlebnis den Anwesenden Schauer über den Rücken. Trost kann mächtiger sein als Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Angst und Hass lassen sich überwinden.

Obamas Mutter brachte ihm bei, die Weltreligionen zu respektieren

Obama wird auf dem Kirchentag kein Fremdkörper sein – keine Berühmtheit, die einer religiösen Feier künstlich aufgezwungen wird. Er kann Spiritualität, besser sogar als viele ausgebildete Pfarrer. Dabei ist er nicht christlich erzogen worden. Sein Vater kam aus einem muslimischen Elternhaus in Kenia, seine Mutter aus einem christlichen in Kansas. Praktiziert haben sie ihre Konfession nicht. Der Vater verließ die Familie, als Barack zwei Jahre alt war. Die Mutter brachte dem Kind Respekt vor den Weltreligionen bei; das war für sie mehr eine Bildungs- als eine Glaubensfrage. Und Ehrfurcht vor der Schöpfung könne die Natur lehren: es genüge, einen besonders schönen Sonnenuntergang zu erleben, bei Mondlicht durch die Natur zu streifen, mit nackten Füßen über raschelndes Laub zu gehen.

Mit Obamas Tränen wirbt auch der Katholikentag 2018.
Mit Obamas Tränen wirbt auch der Katholikentag 2018.Foto: Caroline Seidel/dpa

Gut drei Jahre seiner Kindheit lebte Barack in Indonesien, der Heimat des zweiten Ehemanns seiner Mutter Ann. Dort besucht sie mit ihm Moscheen und buddhistische Tempel, so wie sie zuvor in den USA in Kirchen gegangen waren: zur Horizonterweiterung.

Als Barack zum Studium aufbricht, erst an ein College in Kalifornien, dann nach New York geht, gehört Religion nicht zu seinem Alltag. Erst Jahre später findet er zum Glauben. Und so, wie er diese Wende in seiner frühen Autobiografie „Dreams From My Father“ emotional auflädt, wurden die späteren Fragen wohl unvermeidlich, wie viel authentische Religiosität und wie viel politisches Kalkül damit verbunden waren.

Obama war auch auf die Hilfe der Kirchengemeinden angewiesen

Obama ist inzwischen „Community Organizer“, eine Art Sozialhelfer, in Altgeld Gardens, einem heruntergekommen Viertel am Südrand Chicagos. Er versucht, die sozial benachteiligten Anwohner dazu zu bringen, sich zu organisieren und ihre Interessen zu vertreten. Dabei ist er auf die Hilfe der Kirchengemeinden angewiesen. Die Pfarrer fragen ihn nach seinem Glauben. „Dann können wir dir leichter vertrauen.“ Er entscheidet sich für die „Trinity United Church of Christ“. Die Gemeinde liegt im Übergang von den schwarzen Armenvierteln zu den Gegenden der schwarzen Mittelschicht, auch Weiße sind Mitglieder. Pfarrer Jeremiah Wright, ein schwarzer Mittvierziger mit silbrigem Haar, predigt eine selbstbewusste Variante der Befreiungstheologie.

Politisch steht er so weit links, wie es Obama als Student war, aber als Politiker nicht mehr sein wird. Wright predigt an dem Tag, den Obama als Moment seiner Bekehrung erzählt, über Hannas Gebet aus dem Buch Samuel: über die Zuversicht, die Bestand haben müsse, auch wenn die Erlebnisse im Alltag dagegen sprechen. Der Aufruf treibt Obama die Tränen in die Augen. „The Audacity of Hope“ („Hoffnung wagen“) wählt er 18 Jahre später als Titel des Buchs, mit dem er sich um die Präsidentschaft bewirbt.

Die nächsten Stationen sind Harvard, wo Obama Jura studiert; eine Rechtsanwaltskanzlei in Chicago, wo er sich auf Bürgerrechtsfragen spezialisiert; der Einstieg in die Politik im Landtag von Illinois. Pfarrer Wright traut die Ehe mit Michelle, die aus keinem religiösen Elternhaus stammt, und tauft die Töchter Malia und Sasha.

US-Präsident Barack Obama besucht Berlin
Berlin ist sein Pflaster. Jedenfalls hat man ihn mit Sympathie empfangen - mehr als 90 Prozent der Deutschen halten Obama für einen guten Präsidenten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 118Foto: afp
19.06.2013 23:00Berlin ist sein Pflaster. Jedenfalls hat man ihn mit Sympathie empfangen - mehr als 90 Prozent der Deutschen halten Obama für...

Obama hat eine Gabe, zu predigen

Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 jedoch werden Pfarrer Wright und seine USA-kritischen Predigten zur Belastung. „God damn America!“ hat er gerufen statt des üblichen „God bless America!“ Die Regierung sei schuld daran, dass so viele junge Schwarze ins Gefängnis wandern. Sie verführe die Abgehängten zu Drogenkonsum, das Strafrecht sei rassistisch. Nach dem Terrorangriff an 9/11 sagte Wright, die USA hätten solche Taten durch ihre Außenpolitik mit verschuldet. Nun distanziert sich Obama von ihm.

Die Rhetorik afroamerikanischer Gottesdienste jedoch hat er verinnerlicht und setzt sie im Wahlkampf erfolgreich ein. In Chicago suchen die Obamas keine neue Kirchengemeinde mehr. Und in Washington nach dem Einzug ins Weiße Haus auch nicht. Der enorme Sicherheitsaufwand, wenn der Präsident einen Gottesdienst besuche, sei keiner Gemeinde zuzumuten, heißt es. Die Wochenenden verbringen die Obamas nun meist in Camp David, dem eingezäunten Landsitz der US-Präsidenten. Dort gibt es eine Kapelle. Ob die Obamas sie benutzen, wissen Außenstehende nicht.

Seine Gabe, zu predigen und Bibelstellen für seine politische Botschaft auszulegen, nutzt Präsident Obama weiter. Die häufigste Gelegenheit bieten Trauerfeiern nach Schießereien. Auf dem Kirchentag wird er wohl eine frohere Botschaft verkünden.

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