Betriebspanel Berlin : Dringend gesucht: Fachkräfte

Der Stadt Berlin fehlen es an gut ausgebildeten Arbeitnehmern. Die Berliner sind indes immer häufiger prekär beschäftigt: Das geht aus der jährlichen Unternehmerbefragung "Betriebspanel Berlin" hervor. Bis 2030 werde sich an dem Fachkräftemangel nur wenig ändern.

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Immer mehr Menschen in Berlin arbeiten in Teilzeit, in befristeten Arbeitsverhältnissen, als geringfügig Beschäftigte oder als Leiharbeiter. Fast jede zweite Neueinstellung ist befristet. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten stieg in Berlin von 1996 bis 2012 von 17 auf 28 Prozent. Foto: Stephanie Pilick/dpa
Immer mehr Menschen in Berlin arbeiten in Teilzeit, in befristeten Arbeitsverhältnissen, als geringfügig Beschäftigte oder als...Foto: Stephanie Pilick/dpa

Die Zahl der Menschen in Berlin, die in Teilzeit arbeiten, in befristeten Arbeitsverhältnissen, als geringfügig Beschäftigte oder als Leiharbeiter, steigt. In den Dienstleistungsbranchen Berlins sind schon über die Hälfte der Arbeitnehmer in solchen flexiblen Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Fast jede zweite Neueinstellung ist befristet. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten stieg in Berlin von 1996 bis 2012 von 17 auf 28 Prozent.

Frauen und Männer sind von dieser Entwicklung unterschiedlich betroffen. 56 Prozent der weiblichen Beschäftigten haben keinen unbefristeten Vollzeitjob, bei den männlichen Kollegen sind es nur 26 Prozent. „Der Trend zur unfreiwilligen Teilzeitarbeit und zu befristeten Arbeitsverträgen in Berlin macht mir Sorgen“, sagte Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Vor allem die Frauen gerieten so in die „berufliche Sackgasse“ und seien prekären Arbeitsverhältnissen ausgesetzt.

Zahl der sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter ist gestiegen

Positiv sei aber zu bewerten, dass die Zahl der Betriebe mit mindestens einem sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter seit 2005 kräftig gestiegen sei, sagte Kolat – und zwar von 80 000 auf 88 000 Betriebe im vergangenen Jahr, also um zehn Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der Beschäftigten sogar um zwölf Prozent, deutlich mehr als im Durchschnitt der ostdeutschen Bundesländer. Die Arbeitsverwaltung geht davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird. Die Daten stammen aus dem neuen „Betriebspanel Berlin“, einer bundesweiten, repräsentativen Unternehmensbefragung, die seit 1996 jährlich durchgeführt wird.

Arbeits- und Frauensenatorin Dilek Kolat (SPD) fordert eine gesetzliche Quote zur Förderung von Frauen. Foto: promo
Arbeits- und Frauensenatorin Dilek Kolat (SPD) fordert eine gesetzliche Quote zur Förderung von Frauen.Foto: promo

Die Berliner Betriebe sind übrigens vergleichsweise jung. Mehr als drei Viertel wurden erst nach der Vereinigung Deutschlands 1990 gegründet. Bundesweit sind es nur gut die Hälfte. 23 Prozent der Berliner Beschäftigten arbeiten in den unternehmensnahen Dienstleistungen, gefolgt vom Gesundheits- und Sozialwesen (15 Prozent), Handel und Reparatur (12 Prozent). Schlusslicht sind die Finanz- und Versicherungsunternehmen (ein Prozent der Arbeitnehmer). Berlin ist Dienstleistungsstadt, gesegnet mit einem starken Mittelstand, aber keine Finanzmetropole.

Doch immer mehr Betriebe haben Probleme, Fachkräfte zu finden. Rund 15 Prozent aller Berliner Betriebe suchten 2012 insgesamt rund 35 000 Fachkräfte zum nächstmöglichen Einstellungstermin – so viele wie in keinem der Vorjahre. „Das zeigt, dass der Fachkräftebedarf in der Stadt sehr akut ist“, sagte Kolat. Ein Ziel des Programms Berlin Arbeit sei es, Berlin zum Standort mit guten Fachkräften weiterzuentwickeln und die duale Ausbildung zu stärken.

Das zeigt auch die Umfrage: Die Betriebe gaben an, dass sie vor allem Beschäftigte mit abgeschlossener Lehre suchten. Der Fachkräftemangel wird laut Fachkräftestudie Berlin-Brandenburg von 2010 sogar noch zunehmen: Im Jahr 2030 sollen bis zu 460 000 Fachkräfte in der Region fehlen.

Nur 42 Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe Berlins bilden tatsächlich aus

In Berlin sind etwas mehr als die Hälfte der Betriebe (51 Prozent) ausbildungsberechtigt. Das ist weniger als in Ost- (53 Prozent) und Westdeutschland (59 Prozent). Von den ausbildungsberechtigten Betrieben aber bilden nur 42 Prozent aus. Damit liegt Berlin sehr deutlich unter der bundesweiten Ausbildungsquote von 51 Prozent. „Die Ausbildungsbeteiligung ist nicht optimal. Wir führen deshalb einen Dialog mit der Wirtschaft“, sagte Kolat.

Genau wie in Ost- und Westdeutschland wird auch in Berlin die Mehrheit der Azubis in mittleren und großen Betrieben ausgebildet. Der größte Ausbilder in Berlin war im Vorjahr mit 21 Prozent Anteil an allen Auszubildenden die Branche Erziehung und Unterricht, gefolgt vom Handel und Gesundheitswesen. Die öffentliche Verwaltung hatte dagegen nur einen Anteil von sechs Prozent.

Bis 2005 gelang es den meisten Betrieben in Berlin, angebotene Ausbildungsstellen zu besetzen. Nur fünf Prozent aller Betriebe konnten keine geeigneten Bewerber gewinnen. In den Folgejahren wurde die Bewerbersuche für die Betriebe allerdings immer schwieriger. 22 Prozent aller Betriebe fanden im Vorjahr keine geeigneten Bewerber. Der Senat hatte im Mai die Förderbedingungen verbessert. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt es die Initiative „Berlin braucht Dich!“, der sich nach der Verwaltung vor kurzem auch die Metall- und Elektroindustrie angeschlossen hat. Die Arbeitssenatorin fordert Branchen, die keine Azubis finden, auf, an ihrer eigenen Attraktivität zu arbeiten. Zum Teil seien Branchen selbst schuld, wenn sie keine geeigneten Bewerber fänden.

Kolat fordert eine gesetzliche Quotenregelung für alle Unternehmen

Das „Betriebspanel Berlin“ untersuchte auch den Anteil der Frauen in Leitungspositionen. Das Ergebnis überrascht nicht: In keiner einzigen Branche entspricht der Frauenanteil auf der ersten Führungsebene dem Anteil der Frauen an den Beschäftigten. Im Bereich Erziehung und Unterricht sowie Gesundheits- und Sozialwesen stellen Frauen zumindest rund die Hälfte der Führungskräfte. In Berliner Betrieben waren 29 Prozent der Führungspositionen auf der ersten Leitungsebene, wie Geschäftsführung, Filialleitung, Vorstand, mit Frauen besetzt. Auf der zweiten Führungsebene waren 43 Prozent der Positionen mit Frauen besetzt.

Kolat, die auch Frauensenatorin ist, fordert: „Eine Quotenregelung muss für alle Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben sein.“ Im April startete die Senatsverwaltung die Kampagne „Frauen an die Spitze“ gemeinsam mit der IHK. Inzwischen haben sich ihr 50 Berliner Betriebe angeschlossen.

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