Zeitung im Salon mit Thomas de Padova : Albert Einstein - allein unter Kriegstreibern

Kollegen benahmen sich, als hätte man ihnen "das Großhirn amputiert": Albert Einsteins prägende Jahre 1914-1918 in Berlin, erzählt von Thomas de Padova.

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Albert Einstein in Berlin, Bayerisches Viertel, Schöneberg.
Mit Stock und Hut und Buch: Albert Einstein lebte lange in der Haberlandstraße im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg.Foto: picture-alliance/ dpa

„Da ist er ja“, sagt Thomas de Padova und deutet mit dem Finger quer durch das Café Haberland. Und richtig, da ist er: Albert Einstein, mit Stock und Hut und Schnauzbart, im schwarzen Mantel, mit einem Buch in der Hand. Er spaziert direkt ins Café Haberland im U-Bahnhof Bayerischer Platz, allerdings nur auf der Videoleinwand, auf der auch andere ehemalige Bewohner des Bayerischen Viertels aufblitzen. Das Café Haberland ist voll von Bildern, Videos, Audios ehemaliger Nachbarn, eine Fundgrube für anregende Stunden vor oder nach dem Käsekuchen.

Und doch: Genauso könnte Albert Einstein hier vor gut hundert Jahren entlangspaziert sein, genau hier, denn er wohnte von 1917 bis 1932 in der Haberlandstraße 5, und es heißt, er habe bei seinen Spaziergängen am Bayerischen Platz gern den Kindern Süßigkeiten zugesteckt. „Diese Vorstellung gefällt mir, daran habe ich beim Schreiben oft gedacht“, sagt Thomas de Padova – sein Schwiegervater ist am Bayerischen Platz aufgewachsen und hat möglicherweise auch mal ein Bonbon aus Einsteins Hand empfangen.

De Padova, Wissenschaftsjournalist, Buchautor und langjähriger Tagesspiegel-Redakteur, hat sich in den letzten beiden Jahren geistig häufig ins Bayerische Viertel, nach Dahlem und nach Mitte versetzt, denn sein neues Buch handelt von Albert Einstein in Berlin in den Jahren 1914 bis 1918. „Allein gegen die Schwerkraft“ heißt das Werk, das soeben im Hanser Verlag erschienen ist und eine entscheidende Phase in Einsteins Biografie herausgreift: die Jahre, in denen er in Berlin Berühmtheit erlangt, die Allgemeine Relativitätstheorie vorstellt und als Pazifist der Militarisierung widersteht.

Leibniz, Newton, Galileo, Kepler - und jetzt Einstein

Das liest sich äußerst spannend, denn de Padova hat die Gabe, die persönlichen, historischen und naturwissenschaftlichen Aspekte auf ebenso verständliche wie unterhaltsame Weise miteinander zu verweben. Mit Biografien von Naturwissenschaftlern hat er Erfahrung, sein letztes Buch trug den Titel „Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit“ (Piper Verlag, 2013), zuvor hat er über „Galileo, Kepler und die Vermessung des Himmels“ geschrieben.

Aber mit Einstein wagt er sich an einen Wissenschaftler, der uns geistig so nah ist, dass es manchmal beinahe schmerzt – so gut kann man seine Isolation unter den germanisch kraftmeiernden Kollegen nachempfinden. Die Gelehrten gebärdeten sich so, „als wenn ihnen zu Kriegsbeginn das Großhirn amputiert worden wäre“, schimpft er und schreibt einem Freund: Er fühle sich „allein, wie ein Tropfen Öl auf dem Wasser, isoliert durch die Gesinnung und Lebensauffassung“.

Gerade der Chemiker Fritz Haber, der Einstein in seiner Anfangszeit in Berlin unterstützt, erweist sich als Kriegstreiber und liefert seine Wissenschaft militärischen Zwecken aus: Habers Institut liefert den Generälen die chemischen Kampfstoffe, an denen viele Tausende französische und englische Soldaten elend zugrunde gehen werden. „Es ist spannend, diese beiden Forscher gegenüberzustellen“, sagt de Padova. „Es zeigt, wie wichtig gerade in Krisensituationen die Entscheidungen des Einzelnen sind und dass sie sich auch anders hätten entscheiden können.“

100 Jahre Allgemeine Relativitätstheorie

De Padova wird sein Buch im Tagesspiegel-Salon fast auf den Tag genau am 100. Jubiläum der Allgemeinen Relativitätstheorie vorstellen. Für Einstein waren seine frühen Berliner Jahre eine wissenschaftlich äußerst produktive und persönlich turbulente Zeit: Die Ehe mit seiner Studienfreundin Mileva zerbricht, er verliert seine beiden Söhne, die mit der Mutter nach Zürich ziehen, und bindet sich neu an seine Cousine Elsa, die ihn schließlich auch in der Haberlandstraße aufnimmt. Dort arbeitet er in einem spartanischen Arbeitszimmer und verbringt viele Wochen auf dem Krankenlager, denn, so schreibt er: „Der Krieg rumort in meinem Magen.“

Zeitung im Salon mit Thomas de Padova am Montag, den 23. November, Beginn 19.30 Uhr, Askanischer Platz 3, 10963 Berlin. Eintritt inkl. Sekt und Snack 16 Euro. Moderation: Markus Hesselmann, Chefredakteur Online beim Tagesspiegel. Anmeldung unter www.tagesspiegel.de/veranstaltungen oder Tel. 29021-560.

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