Kleingartenräumung in Berlin-Schmargendorf : Ende der Blütenträume in der Kolonie Oeynhausen

Bis Sonntag müssen 150 Pächter ihre Kleingärten in der Schmargendorfer Kolonie Oeynhausen räumen, weil die Groth-Gruppe ihren Grundstücksteil zur Hälfte mit Wohnungen bebaut. Ein Abschiedsbesuch.

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Sein Lebensmittelpunkt. Klaus Meißner hat seit 1958 als einziger Dauerbewohner ein Haus in der Kolonie Oeynhausen.
Sein Lebensmittelpunkt. Klaus Meißner hat seit 1958 als einziger Dauerbewohner ein Haus in der Kolonie Oeynhausen.Foto: Cay Dobberke

Einige alte Protestplakate sind noch ordentlich an den Zäunen geräumter Gärten befestigt, andere hängen schief in Sträuchern oder liegen auf dem Boden herum. „Bäume oder Beton?“ und „Kräuter oder Kräne?“, lauteten Slogans beim Bürgerentscheid zur Rettung der Kolonie Oeynhausen in Schmargendorf. Die Kleingärtner gewannen 2014 mit rund 77 Prozent der Stimmen. Doch nun ist klar: Der Beton und die Kräne kommen, Ende des Jahres will die Groth-Gruppe 900 Wohnungen an der Stelle von rund 150 Parzellen bauen.

Bis Sonntag müssen diese geräumt sein, am Freitag waren manche Pächter noch damit beschäftigt.

Der einzige Dauerbewohner zieht noch nicht aus

Einer aber stellt sich quer. Klaus Meißner (77) bleibt erst einmal auf seinem 280-Quadratmeter-Grundstück, das er vor 58 Jahren von seinem Onkel übernahm. Wie seine Frau Sylvia stammt er aus Schmargendorf, genau genommen sind sie keine Kleingärtner, sondern Dauerbewohner eines Hauses mit vier Zimmern. Eine andere Wohnung haben sie nicht. „Man kann uns aber auch nicht in einen anderen Garten umsetzen“, sagt Meißner. Dauerwohnen in Kleingartenanlagen wird längst nicht mehr genehmigt. Bisher galt aber ein Bestandsschutz.

Kleingärtner Axel Neukum baute seine Holzlaube selbst ab, um das Material anderweitig zu verwenden.
Kleingärtner Axel Neukum baute seine Holzlaube selbst ab, um das Material anderweitig zu verwenden.Foto: Cay Dobberke
Reste einer Laube zwei Tage vor dem Räumungstermin am 31. Januar. Manche der Häuschen sollen Käufer gefunden haben.
Reste einer Laube zwei Tage vor dem Räumungstermin am 31. Januar. Manche der Häuschen sollen Käufer gefunden haben.Foto: Cay Dobberke

Für einen Umzug fehlt das Geld

„Dass wir nicht bleiben können, ist klar“, sagt der Rentner. Aber er will eine finanzielle Entschädigung, die es ihm und seiner Frau ermöglichen würde, in „ein kleines Häuschen“ umzuziehen, vorzugsweise im nördlichen Umland. Die Bauherren „wollen uns nur bei der Wohnungssuche helfen“, sagt Meißner. Sein Anwalt bereite eine Klage auf eine Entschädigung vor. Die im Kleingartengesetz geregelten Ansprüche bei einer Räumung gelten nicht für Dauerbewohner. „Aber wie sollen wir denn raus ohne Geld?“, fragt Meißner. „Ich kann ja nach drüben in die Sporthalle ziehen“, sagt er ironisch und zeigt auf die nahe Flüchtlingsunterkunft in einer Turnhalle an der Forckenbeckstraße.

Wer ist verantwortlich für die Entwicklung?

Die Hauptschuld daran, dass die Hälfte der 302 Parzellen verschwinden muss, geben viele Kleingärtner dem Charlottenburg-Wilmersdorfer Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Denn er hatte für den Fall, dass nicht gebaut werden darf, Schadensersatzforderungen des Investors in zweistelliger Millionenhöhe befürchtet. Deshalb weigerte sich das Bezirksamt, einen Bebauungsplan in Kraft zu setzen, der alle Gärten gesichert hätte.

Meißner sieht das größte Versäumnis aber beim Bezirksverband Wilmersdorf der Kleingärtner. Denn früher gehörte das Areal der Deutschen Post, die vor einigen Jahren einen Erwerber suchte. „Wir hätten kaufen können, aber wir haben von nichts gewusst“, ärgert sich Meißner. Damals hielt der Bezirksverband die Pächter für nicht zahlungskräftig genug und nahm außerdem an, die Kleingärtenflächen seien durch den Berliner Flächennutzungsplan gesichert.

So ging das Gelände im Jahr 2008 für nur 600.000 Euro zunächst an die Firma Lorac, die zur US-Investmentgesellschaft Lone Star gehört und unter den Betroffenen als „Heuschrecke“ gilt. Im vorigen November verkaufte die Firma dann an Groth, dem Vernehmen nach für mehr als 40 Millionen Euro.

Misstrauen gegenüber Politikern

Kleingärtner Axel Neukum (72) riss seine Holzlaube in den vorigen Tagen komplett selbst ab, wozu er nicht verpflichtet wäre. Er habe aber „eine neue Verwendung“ für das Material, sagt er. Der Abschied fällt ihm schwer: „Hier habe ich 30 Jahre mit meiner Frau die Freizeit verbracht, diese Grün-Oase war ein Privileg.“ Neukum glaubt, es sei besonders in der SPD „der Wille der Politiker“ gewesen, dass Wohnungen entstehen – obwohl in den BVV-Beschlüssen stets das Gegenteil stand.

Aus für 150 Kleingärten in der Kolonie Oeynhausen
Die seit 1904 bestehende Kleingartenkolonie Oeynhausen in Schmargendorf ist eine der ältesten und größten in Berlin. Nun müssen 150 der 302 Pächter auf einem privaten Grundstücksteil ihre Parzellen räumen.
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29.01.2016 22:01Die seit 1904 bestehende Kleingartenkolonie Oeynhausen in Schmargendorf ist eine der ältesten und größten in Berlin. Nun müssen...

Dem Vernehmen nach können manche der Betroffenen andernorts einen neuen Garten pachten. Sie werden bevorzugt behandelt, wenn in Wilmersdorf etwas frei wird. Außerdem bleiben in der Kolonie Oeynhausen nicht nur rund 150 Parzellen auf Groths Grundstück übrig. Es gibt noch 122 weitere im südlichen Teil, der dem Land gehört und nie bedroht war.

Obstbäume und Rosensträucher verschenkt

Gudula und Wilfried Wieloch haben sich nicht um Ersatz bemüht. „Wir gehen ja auf die 80 zu“, sagten die Eheleute am Freitag, als sie ihre Parzelle nach 31 Jahren übergabefertig machten. Weil ihre Wohnung an der nahen Cunostraße keinen Garten besitzt, „haben wir kleine Obstbäume und 35 Rosen an Freunde und Bekannte verschenkt, die uns bei der Räumung geholfen haben“. Baustadtrat Schulte sei eingeknickt, als er aus Angst vor Schadensersatz die Teilbebauung akzeptierte. Doch auch der Kleingärtnerverband habe einen Fehler gemacht, als er das Verkaufsangebot der Post ausschlug.

Auch das Restaurant macht zu

Gut habe es der Wirt des Lokals im Vereinsheim, glauben viele Kleingärtner. Schließlich könne „Fränky’s Gasthaus“ bald Bauarbeiter verköstigen. Außerdem sei ein Ersatzgebäude für das Vereinsheim geplant, das den Wohnungen im Weg steht. Doch Gastronom Frank Sassoli winkt ab: „Wir müssen am 7. Februar schließen, ich habe vier Mitarbeitern gekündigt.“ Er finde keinen Ausweichstandort und wisse nicht einmal, wo er das Interieur einlagern soll.


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