Zum Tod der Berliner Kinderärztin Ingeborg Rapoport : „Ich habe meine Promotion für die Opfer gemacht“

Die berühmte Berliner Kinderärztin Ingeborg Rapoport ist tot. Mit 102 Jahren hatte sie 2015 ihre Doktorarbeit nachgeholt, die sie als Jüdin in Nazi-Deutschland nicht verteidigen durfte. Ein Interview von damals.

"Ich habe das für die Opfer getan." Ingeborg Rapoport, 102, hat ihre Doktorarbeit in Medizin erfolgreich verteidigt und dürfte wohl die weltweit älteste Promovendin sein - auch dank der Google-Kenntnisse ihrer Freunde.
"Ich habe das für die Opfer getan." Ingeborg Rapoport, 102, hat ihre Doktorarbeit in Medizin erfolgreich verteidigt und dürfte...Thomas Peter/Reuters

Die Kinderärztin Ingeborg Rapoport ist tot. Sie starb bereits am Donnerstag vergangener Woche im Alter von 104 Jahren, wie die Charité am Dienstagabend mitteilte. Die renommierte Kinderärztin gilt als Begründerin der Neugeborenenmedizin in der DDR und hatte ab 1969 an der Charité den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Neonatologie inne. Das Fachgebiet befasst sich als ein Spezialbereich der Kinder- und Jugendmedizin mit den typischen Erkrankungen von Neugeborenen und mit der Behandlung von Frühgeborenen. Schlagzeilen machte Rapoport im Mai 2015, als ihr in Hamburg nachträglich die Promotionsurkunde übergeben wurde. 1938 war ihr während der Nazizeit wegen ihrer jüdischen Abstammung die Teilnahme an der entscheidenden mündlichen Prüfung verweigert worden. Die Prüfung holte sie dann 2015 in ihrer Berliner Wohnung nach. Der Tagesspiegel hatte kurz nach der Promotion mit Rapaport gesprochen. Hier veröffentlichen wir noch einmal das Interview von damals.

Frau Doktor Rapoport, herzlichen Glückwunsch zur erfolgreich verteidigten Dissertation! Wie lief’s aus Ihrer Sicht?

Na ja, ich war nicht so zufrieden. Früher hätte ich besser geantwortet. Aber die Prüfer waren sehr nett und tolerant und wohl auch zufrieden mit mir.

Die Doktorarbeit haben Sie 1938 an der Universität Hamburg eingereicht ...
Nein, schon vorher. 1938 bin ich in die USA ausgewandert, mein Studium habe ich 1937 abgeschlossen. Das mit der Doktorarbeit muss davor gewesen sein, aber wann genau, weiß ich nicht mehr.

Mittlerweile führen Sie längst einen Professorentitel, Sie sind vielfach ausgezeichnete Kinderärztin – warum war es für Sie wichtig, im Alter von 102 Jahren noch Ihre Doktorarbeit anerkannt zu bekommen?
Es ging hier ums Prinzip, nicht um mich. Ich habe die Arbeit ja nicht um meiner selbst willen verteidigt; die ganze Situation war für mich auch gar nicht so einfach mit 102 Jahren. Ich habe es für die Opfer gemacht. Die Universität wollte damit geschehenes Unrecht wiedergutmachen und hat große Geduld bewiesen, für die ich dankbar bin.

Wie haben Sie sich denn auf die Prüfung vorbereitet?
Ich habe versucht, mich an die Fragestellung, an meine Vorgehensweise und an die Schlussfolgerung zu erinnern. Außerdem haben Freunde für mich gegoogelt, was sich in den letzten achtzig Jahren im Bereich Diphtherie so alles getan hat.

Wieso erinnern? Gibt es die Arbeit nicht mehr?
Doch, ich habe noch ein Abschriftexemplar. Das muss irgendwo hier bei mir in Pankow sein, aber ich habe es nicht mehr gefunden. Vermutlich taucht es in meinem Nachlass wieder auf.

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Worum ging es denn in Ihrer Arbeit?
Zur damaligen Zeit hatten wir große Epidemien von Diphtherie, es war sehr schrecklich. In meiner Arbeit ging es darum, ob die Lähmungen, die diese Krankheit hervorruft, Schädigungen der Muskulatur sind oder der Nerven. Heute weiß ich, dass die Fragestellung mit den damaligen Mitteln gar nicht beantwortbar war.

Wenn Sie nicht beantwortbar war – was haben Sie denn den Prüfern gesagt?
Heute vermute ich, dass alle menschlichen Zellen befallen werden können. Was ich damals geschrieben habe, weiß ich nicht mehr.

Als Sie mitten in der Nazizeit die Arbeit eingereicht haben, muss Ihnen klar gewesen sein, dass Sie den Titel nicht zuerkannt bekommen, weil Ihre Mutter Jüdin ist.
Ja, das wusste ich. Mein Professor hat mir noch ein Zertifikat ausgestellt, dass er die Arbeit angenommen hätte, wäre es gesetzlich möglich. Er wollte meinen Fall sogar zu den entsprechenden Stellen nach Berlin tragen. Aber ich hatte nicht geahnt, was für Konsequenzen es haben würde, dass ich den Titel nicht führe.

Welche Konsequenzen meinen Sie?
Nachdem ich in die USA ausgewandert bin, hatte ich keinen MD, keinen Medical Doctor, mit dem man dort das Medizinstudium abschließt. Das Staatsexamen fiel nicht ins Gewicht, ich musste noch einmal zwei Jahre lang studieren und viele Hürden nehmen.

Später haben Sie dann die USA verlassen und sind über Umwege in die DDR gekommen, wo Sie die erste Professur für Neonatologie, also Neugeborenenmedizin, in Europa innehatten.
Ach, diese erste Professur, mit der musste die DDR ein Bienchen kriegen. Das Thema lag ja in der Luft, ein paar Monate später kam schon die zweite woanders. Wichtiger war mir, dass es gelungen ist, die Säuglingssterblichkeit in der DDR deutlich zu senken.

Als frisch gebackene Promovendin zu Diphtherie: Wie sehen Sie denn die Diskussion ums Impfen hier in Berlin?
Ich bin natürlich fürs Impfen, schon allein aus Verantwortung der Umwelt gegenüber. Als Forscherin fände ich es interessant, einmal Risiken und Nutzen des Impfens gegeneinander abzuwägen.

Ingeborg Rapoport, 1912 als Tochter der jüdischen Pianistin Maria Syllm geboren, emigrierte 1938 in die USA und arbeitete dort als Kinderärztin. Dort lernte sie ihren späteren Mann Samuel Mitja Rapoport (1912–2004) kennen, mit dem sie vier Kinder hat. Aus Angst vor politischer Verfolgung in der McCarthy-Zeit zogen die beiden überzeugten Sozialisten zunächst nach Österreich, 1952 dann nach Ost-Berlin in die DDR. 1969 war Ingeborg Rapoport an der Charité Professorin am ersten Lehrstuhl für Neonatologie in Europa. 1997 erschienen ihre Memoiren: „Meine ersten drei Leben“.

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Autor

Ulrike Scheffer schreibt für Pankow


Ulrike Scheffer lebt mit ihrer Familie in einer sogenannten Intelligenzsiedlung in Pankow-Niederschönhausen. Einst lebten hier Wissenschaftler und Künstler, die schaffende Intelligenz der DDR. Einige ihrer Nachbarn wohnen schon seit den 1950er Jahren in der kleinen Straße und können kaum fassen, wie sich ihre Umgebung verändert hat: exklusive Townhäuser, Privatschulen und Müttercafés. Die meisten nehmen es gelassen, denn bei all dem hat sich Pankow seinen eigenen Charme bewahrt. Und deshalb fühlen sich wohl auch die Neubürger hier wohl.

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