BVV-Debatte in Berlin-Zehlendorf : Mehr Platz für Radler in der Argentinischen Allee?

Der Senat plant auf der Argentinischen Allee in Zehlendorf eine Radspur für Pedelecs, für Autos würde die Straße enger. In der BVV gab es darüber viel Streit.

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Die Argentinische Allee, hier an der Ecke Fischerhüttenstraße am U-Bahnhof Krumme Lanke.
Die Argentinische Allee, hier an der Ecke Fischerhüttenstraße am U-Bahnhof Krumme Lanke.Foto: Thilo Rückeis

„Fahrradfahrer brauchen also Platz zum Überholen, aber Autofahrer nicht – das finde ich ungerecht“, gab Eric Lüders, Fraktionsvorsitzender der Piraten in Steglitz-Zehlendorf am Mittwochabend in der Juni-Sitzung der Bezirksverordneten zu bedenken. Damit brachte er die Frage der Diskussion auf den Punkt. Ausbau der Radwege ja, aber auf Kosten des Autoverkehrs? Es ging um die Pläne der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zur Umgestaltung der Argentinischen Allee in Zehlendorf.

Auf der Straße soll unter anderem eine Fahrradspur für Pedelecs (Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor) entstehen, dafür aber der Autoverkehr von zwei auf eine Spur reduziert werden. „Nicht richtig“, findet das vor allem die CDU-Fraktion, die eine Große Anfrage zum Thema stellte.

CDU-Fraktionschef befürchtet Staus und Parkplatzmangel

„Ich bin grundsätzlich dafür, dass Fahrradwege attraktiver gestaltet werden, aber hier scheint es dem Senat in erster Linie um eine werbewirksame Pedelec-Strecke zu gehen“, sagte CDU-Fraktionschef Torsten Hippe. Sorge bereite ihm insbesondere der Abschnitt der Argentinischen Allee zwischen der Fischerhüttenstraße und Clayallee. Wenn hier die zweite Spur für den Autoverkehr wegfalle, habe das Staus zur Folge. Zwar nehme der Fahrradverkehr in der Stadt zu, aber das dürfe nicht bedeuten, den Autoverkehr unattraktiver zu gestalten. Ferner würden durch einen breiten Radweg in dem Abschnitt auch zahlreiche Parkplätze verloren gehen.

Es folgte Beifall aus den Reihen seiner Fraktion. Und „sogar Herr Boroviczény von den Piraten nickt mir zu, das kommt selten vor, wenn ich etwas erzähle“, witzelte Hippe. Die CDU fordere vom Senat eine Nachbesserung der Planungen.

Grüne: Schon jetzt gibt es nur eine breite Spur je Richtung      

Für Uwe Köhne, Fraktionsvorsitzender der Grünen, war das offensichtlich eine Steilvorlage. „Ich bedanke mich ausdrücklich für diese Große Anfrage, Herr Hippe“, stellte er voran. Seine Fraktion begrüße die geplante Umgestaltung. Er habe sich die Unterlagen des Senats genau durchgelesen. „Es gehen nur wenige Parkplätze verloren“, sagte Köhne. Zudem sei wissenschaftlich belegt worden, dass es nicht zu Staus komme, wenn alle geregelt in einer Spur fahren. Denn eigentlich sei die Argentinische Allee auch jetzt schon keine zweispurige, sondern nur eine sehr breite Straße.

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„Aber das ist nichts für Sie als Jurist, Herr Hippe“, foppte Köhne. Vielmehr habe es etwas mit Verkehrswissenschaften zu tun. Das saß. Viele der Anwesenden im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf lachten. Der Bezirksvorsteher musste mehrfach klingeln, um zur Ruhe zu bitten. Köhne weiter: Dass die Fahrradspur breit eingerichtet werden müsse, liege daran, dass Pedelecs zumeist schneller als normale Fahrräder führen und daher ein Überholen möglich sein müsse. Im Gegensatz zum Autoverkehr. „Hier ist das Überholgebot absurd, das braucht man nicht“, denn heute würden doch so gut wie alle Verkehrsteilnehmer in der Stadt 50 oder 60 Kilometer pro Stunde fahren.

Schließlich erinnerte Köhne noch an den Fahrrad-Volksentscheid, für den mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt worden seien. „Das zeigt doch, dass die Radfahrer inzwischen eine kritische Masse in dieser Stadt erreicht haben, wie es wissenschaftlich heißt.“

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ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel-Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter. Weitere Texte von Anett Kirchner finden Sie hier.

„Die Straße ist auch eine Ausweichroute“

Auch Georg Boroviczény von den Piraten hat sich mit den Planungen für die Argentinische Allee beschäftigt, vor allem, weil er in der Nähe wohne und die Situation gut kenne. Er gab Torsten Hippe großenteils Recht und zeigte sich skeptisch. „Die Straße ist auch eine Ausweichroute, wenn Stau auf der Avus ist“, erläuterte er. Mit nur einer Spur könne das kritisch werden. Zwar stimme es, dass im Grunde nicht zwei Fahrspuren existierten, aber sie würden gewohnheitsmäßig so genutzt. Die Piraten forderten eine vernünftige Verkehrsführung. „Dieser Plan ist es nicht“, so Boroviczény.

SPD-Fraktionschef Norbert Buchta hielt dagegen, dass der Bezirk einen wunderbar ausgebauten Radweg bekommen könnte und die Argentinische Allee völlig neu geordnet werde. Dem Bezirksamt entstünden keine Kosten. Die Maßnahme sei Teil der geplanten Pedelec-Strecke zwischen Kleinmachnow und Steglitz-Zehlendorf – ein Pilotprojekt. „Wir unterstützen das“, sagte Buchta. Alle Statistiken zeigten, dass der Radverkehr in Berlin zunehme.

Er fahre selbst jeden Tag dort entlang und sehe, dass viele Autofahrer zwischen der linken und der rechten Seite der breiten Fahrbahn hin und her pendelten. „Das macht den Verkehr langsam und es entsteht ein Stau – nicht aber, wenn alle kontinuierlich und geordnet hintereinander herfahren.“ Und genau das habe Uwe Köhne ganz richtig und wissenschaftlich erläutert.

Am Mittwoch tagte die BVV im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf.
Am Mittwoch tagte die BVV im Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf.Foto: Anett Kirchner

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