Offener Brief des Willkommensbündnisses Steglitz-Zehlendorf an Bezirksbürgermeister Kopp : "Die Menschen kommen nicht vor"

Die Helfer vom Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf fühlen sich vom Bezirksbürgermeister enttäuscht. Günther Schulze, Mitinitiator des Bündnisses hat nun in einem offenen Brief auf Norbert Kopps Stellungnahme zum Thema Flüchtlinge geantwortet.

Günther Schulze
Günther Schulze ist Sprecher und Mitinitiator des Willkommensbündnisses Steglitz-Zehlendorf, einem sehr kreativen Team, wie er sagt
Günther Schulze ist Sprecher und Mitinitiator des Willkommensbündnisses Steglitz-Zehlendorf, einem sehr kreativen Team, wie er...Foto: Thilo Rückeis

"Die Menschen kommen in Herrn Kopps Stellungnahme überhaupt nicht vor - weder die Flüchtlinge, noch die Helfer", sagt Günther Schulze, Leiter des Willkommensbündnisses Steglitz-Zehlendorf. Deshalb habe er den unten stehenden offenen Brief an Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, CDU, verfasst. "Wir fühlen uns in diesem Statement nicht ernst genommen." Dabei sei der Bezirk Steglitz-Zehlendorf beispielhaft in der Flüchtlingshilfe, und zwar bundesweit. "Was auch nicht vorkommt in Norbert Kopps Stellungnahme, ist die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der Flüchtlinge bei uns bleiben wird. Und dass wir uns um deren Integration kümmern, um Wohnungen, Praktikums- und Arbeitsplätze. Auf das, was wir leisten, hätte man auch mal mit Stolz verweisen können." Lesen Sie hier seinen Brief. - Maike Raack, TSP

"Sehr geehrter Herr Bürgermeister Kopp,

wir möchten Ihnen auf diesem Weg unsere Enttäuschung über Ihre öffentliche Stellungnahme zum Thema Flüchtlinge in unserem Bezirk zur Kenntnis geben. Aus unserer Sicht ist Ihre Stellungnahme sehr einseitig auf die Verwaltung eines Problems bezogen und lässt sehr viele zentrale Aspekte komplett außer Acht. 

Aus reiner Verwaltungssicht mögen Prozentzahlen und zur Verfügung zu stellende Unterbringungsmöglichkeiten informativ sein. Die Wirklichkeit in unserem Bezirk vermögen sie aber nicht darzustellen und es hätte dem Bezirksbürgermeister – und Schirmherrn unseres Willkommensbündnisses – gut zu Gesicht gestanden das Bild mit zentralen Aussagen zu folgenden Themen zu bereichern und wir hätten gerne dabei geholfen:

  • Steglitz-Zehlendorf ist Vorbild für viele andere Initiativen in Sachen Willkommenskultur und es engagieren sich hier Tausende Bürgerinnen und Bürger in zahlreichen Aktivitäten.
  • Die ankommenden Menschen haben vielfach unglaubliches Leid, Krieg, Folter und Verfolgung ertragen und benötigen unsere Hilfe und wir geben sie Ihnen gerne.
  • Bürokratie in Berlin hat bewiesen, dass sie nicht nur ineffektiv in der Registrierung und Verwaltung von Flüchtlingen ist, sondern auch schon elementarste Dienstleistungen für die eigenen Bürgerinnen und Bürger nicht hinbekommt, siehe Bürgerämter und KFZ-Zulassungsstellen.
  • Die Mängel in der Verwaltung wurden durch vieltausendfaches Engagement von Menschen aller Couleur – insbesondere auch von Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund - ausgeglichen wo immer es möglich war.
Vertreter des Willkommensbündnisses für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf
Vertreter des Willkommensbündnisses für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf, in der Bildmitte: Günther SchulzeFoto: Anett Kirchner

Berlin – unser ganzes Land – und nicht zuletzt unser Bezirk sollte aus leidvoller Vergangenheit wissen, dass aktive Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe angesagt ist. Besonders in Zeiten, in denen Unverantwortliche bewusst oder unbewusst eine Anti-Stimmung schüren, die gefährlich ist.

Mit der Integration der vielen Menschen in unsere Gesellschaft stehen wir alle vor einer großen Aufgabe und diese Aufgabe ist nur lösbar, wenn möglichst viele Bürgerinnen und Bürger dabei mitwirken. Dazu braucht es aber Motivation, Unterstützung und Flexibilität seitens der Politik und Verwaltung. Das fehlt in Ihrer Stellungnahme leider völlig

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass das Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf mit vielen Hundert aktiven und engagierten Helferinnen und Helfern seit mehr als zwei Jahren die Integration vorantreibt – auch gegen Windmühlen, bürokratische Spitzfindigkeiten und irrationale Hemmnisse.

Um das äußere Erscheinungsbild dezent farbenfroh und freundlich wirken zu lassen, wurden Pastellfarben in blau, grün und gelb benutzt
Um das äußere Erscheinungsbild dezent farbenfroh und freundlich wirken zu lassen, wurden Pastellfarben in blau, grün und gelb...Foto: Anett Kirchner

Wenn Bürger über ihr persönliches Engagement hinaus immer wieder als Ersatz einspringen müssen, weil der Staat seine Aufgaben nicht ausreichend erledigt, dann haben Sie bitte Verständnis, dass sich in uns Unmut regt. Wir machen trotzdem gerne weiter ganz im Sinne des Ziel, die ankommenden Menschen bestmöglich zu versorgen und zu integrieren.

Die Situation ist da, es geht, wie Sie richtig bemerken, um Menschen. Behandeln wir sie doch entsprechend. Die Bürgerinnen und Bürger unseres Volkes waren vor nicht einmal zwei Generationen in der gleichen Situation. Ist das vergessen? Klar wurde gemurrt und geschimpft, aber die Probleme wurden gelöst – erfolgreich!

Es geht uns nicht darum, hier explizit im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen, aber es ist bezeichnend, welchen Stellenwert das ehrenamtliche Engagement – unter Einbezug unserer neuen Mitbewohner – in Ihrer Stellungnahme einnimmt. Bei gutem Willen subsummieren Sie die freiwilligen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer unter „alle sonstigen Stellen“ im letzten Satz.

Wir sollten nachhaltig und konkret intensiver da zusammen arbeiten, wo es im Sinne der neuen Mitbürger und der Allgemeinheit nötig und angesagt ist. Das Machbare einfach tun. Wir sagen Ihnen, wo es brennt. Verstehen Sie das bitte als unser Angebot an Sie."

Wenn auch Sie Anregungen haben oder selbst schreiben wollen, wenden Sie sich gerne an steglitz-zehlendorf@tagesspiegel.de und folgen Sie der Redaktion Steglitz-Zehlendorf gerne auch auf Twitter und Facebook.




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