Steglitz-Zehlendorf : Knochenfunde auf FU-Gelände in Dahlem

Zerbrochene Schädel, Zähne und Wirbel : Woher stammen die Knochen auf dem Gelände der FU in Dahlem?

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Die archäologischen Grabungen an der Harnackstraße im Sommer 2016. Foto: Bernd Wannenmacher
Die archäologischen Grabungen an der Harnackstraße im Sommer 2016.Foto: Bernd Wannenmacher

Susan Pollock ist eine erfahrene Archäologin. Die Professorin am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin (FU) war an Ausgrabungen in der ganzen Welt beteiligt; etwa im Iran, der Türkei, in Marokko und den USA. Jetzt jedoch, gewissermaßen vor der eigenen Haustür auf einem Grundstück der FU in Dahlem, steht sie vor einer ihrer größten Herausforderungen.

Es geht um die Frage, woher die menschlichen Knochen stammen, die im vergangenen Sommer bei archäologischen Grabungen in der Harnackstraße geborgen wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass der Fund in Zusammenhang mit dem nur wenige 100 Meter entfernten Gebäude stehen könnte, in dem sich bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik befand.

Susan Pollock, Professorin am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin, leitete die Grabungen. Foto: Anett Kirchner
Susan Pollock, Professorin am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin, leitete die Grabungen.Foto: Anett Kirchner

"Das ist emotional belastend und schwierig", beschreibt Susan Pollock, die die Ausgrabungen gemeinsam mit ihrem Kollegen Professor Reinhard Bernbeck leitete. Denn sicher sei, dass es eine Verbindung zwischen dem Institut und dem Konzentrationslager Auschwitz gegeben habe. Damals seien Leichenteile von Menschen hierher nach Dahlem geliefert worden. Anhand der bisherigen Untersuchungen an den Knochenfunden könne sie aber noch nicht bestätigen, dass tatsächlich dieser Zusammenhang mit den ausgegrabenen Funden bestehe. Denn in dem ehemaligen Institut habe es auch Teile anatomischer Sammlungen mit menschlichen Gebeinen aus Kolonialzeiten gegeben.

"Es ist deshalb gut möglich, dass die Knochen von dort stammen", erklärt sie weiter.Das Gebäude des einstigen Kaiser-Wilhelm-Instituts an der Ihnestraße existiert noch. Heute befindet sich darin das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU. Eine Tafel am Eingang erinnert an die Vergangenheit des Hauses. Die Fundstelle der Knochen liegt unweit vom Gartengelände der ehemaligen Direktorenvilla hinter dem Institut.  

Hier in der Harnackstraße in Dahlem neben der Universitätsbibliothek fanden die archäologischen Grabungen statt. Foto: Anett Kirchner
Hier in der Harnackstraße in Dahlem neben der Universitätsbibliothek fanden die archäologischen Grabungen statt.Foto: Anett Kirchner

Derzeit werden die Funde inventarisiert und osteologisch untersucht, wie es fachmännisch heißt. Dabei werden sie beispielsweise gesäubert, gezählt und gewogen. Zudem will man herausfinden, ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelte und wie alt die Menschen waren, als sie starben. Aus ethischen Gesichtspunkten sollen invasive Methoden, etwa genetische Analysen, zunächst vermieden werden. Wie viele Menschen durch die Knochenreste am Ausgrabungsort repräsentiert sind, sei schwer einzuschätzen. "Denn wir haben nur Fragmente, die wir untersuchen können", schildert die Professorin.

Darunter seien zum Beispiel zerbrochene Schädel, Zähne, Wirbel und Langknochen, zudem verrostete Metallstücke, Tierknochen und Teile eines nachgeformten menschlichen Körpers aus Gips sowie Marken mit handschriftlichen Ziffern. Womöglich sei das ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Funde aus den anatomischen Sammlungen stamme. "Denn Abformungen aus Wachs oder Gips waren im 19. und bis ins 20. Jahrhundert in solchen Sammlungen durchaus üblich", bestätigt die Archäologin. Endgültige Ergebnisse zu den Untersuchungen erwarte sie aber nicht vor Sommer.

"Für mich ist wichtig, dass diese Knochen in einer würdevollen Weise behandelt werden"

Und dann? Was geschieht anschließend mit den Knochen? Auch das ist "schwierig", verrät Susan Pollock und spricht das sensible Thema der Totenruhe an. Sie gehe davon aus, dass nicht alle Knochen dieselbe Herkunft haben. Demnach müssten die jeweils bevorzugten Praktiken der Bestattung unterschiedlicher Kulturen respektiert werden. "Für mich ist wichtig, dass diese Knochen in einer würdevollen Weise behandelt werden", betont sie. Das Forscherteam stehe in Kontakt mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland. Künftige Schritte würden mit beiden Opferverbänden abgestimmt.

Bereits 2014 waren bei Bauarbeiten an den Außenanlagen der Universitätsbibliothek in der Harnackstraße erstmalig menschliche Knochen gefunden worden. Diese seien jedoch ohne Untersuchung eingeäschert und bestattet worden. Um sicherzugehen, dass keine weiteren Knochen an dieser Stelle im Erdreich lagen, entschied die Freie Universität gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt Berlin und der Max-Planck-Gesellschaft (Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft), die Grabungen erneut aufzunehmen.

Bei einer erneuten Grabung fand das Team nur kleinere Knochenfragmente

Demzufolge gab es Grabungen im August und November 2015, im Februar und April 2016 und noch einmal von Juli bis August 2016. "Im Sommer letzten Jahres haben wir dort begonnen, wo zuvor die Bauarbeiten waren", erinnert sich die Archäologin. Also entlang einer Rohrleitung; auf einer Fläche von etwa 27 Metern Länge und drei Meter Breite. Hier habe das Team zwar weitere Knochen gefunden, es waren jedoch überwiegend kleinteilige Fragmente. Die seien mit großer Wahrscheinlichkeit im Aushub gewesen, mit dem der Graben 2014 bei den Bauarbeiten verfüllt wurde.

In der Nähe dieser Treppe wurden im Sommer 2016 noch einmal besonders viele Knochen gefunden . Foto: Anett Kirchner
In der Nähe dieser Treppe wurden im Sommer 2016 noch einmal besonders viele Knochen gefunden .Foto: Anett Kirchner

Im weiteren Verlauf entdeckten die Archäologen noch eine neue Stelle mit einer überraschend großen Anzahl an Knochen, die vergleichsweise tief lagen. In der Nähe dieses Fundortes ist heute eine Treppe zu einem Notausgang der Universitätsbibliothek. Diese Grube war etwa eineinhalb Meter lang, ein Meter breit und fast zwei Meter tief.

Die Tatsache, dass zwischen den Knochen hier fast keine Erde gewesen sei, deutet laut der Archäologin darauf hin, dass diese möglicherweise in einem sackähnlichen Behälter gelegen haben. "Ob dieser Fund mit den Knochen, die bereits 2014 entdeckt wurden, zusammenhängt, werden wir vielleicht nicht endgültig klären können", prognostiziert sie. Gleichwohl sei diese neue Entdeckung ein entscheidender Mosaikstein im Gesamtbild der Untersuchungen.

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